Lesetipp des Monats Dezember – Jugendbuch

Maggie Stiefvater: Rot wie das Meer. Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Sandra Knuffinke und Jessika Komina.

Script5, Bindlach 2012.

"Rot wie das Meer" von Maggie Stiefvater

„Rot wie das Meer“ von Maggie Stiefvater

Zauberisches geschieht an der Küste der Insel Thisby: Wasserpferde, die „Capaill Uisce“, steigen aus dem Meer, schon seit Urzeiten. Wer eines fängt und zähmt, kann darauf reiten, setzt dabei jedoch sein Leben aufs Spiel: denn die „Capaill Uisce“ sind Raubtiere, die Fleisch fressen und danach streben, ins Meer zurückzukehren. Jedes Jahr im November findet ein großes Pferderennen am Strand statt, bei dem es für die Reiter nicht nur ums Preisgeld, sondern auch um Ruhm und Ehre geht. Bereits viermal hat der neunzehnjährige Pferdeflüsterer Sean Kendrick auf dem Wasserpferd „Corr“ das Rennen gewonnen – doch Corr gehört ihm nicht. Erst wenn Sean ein fünftes Mal siegt, darf er den Hengst dem reichen Benjamin Malvern abkaufen. Kate Connolly, genannt Puck, könnte mit dem Preisgeld den elterlichen Hof retten. Aber noch nie zuvor hat eine Frau am Rennen teilgenommen, und zudem will Kate nicht auf einem Wasserpferd reiten, sondern auf ihrer kleinen Stute Dove …

Maggie Stiefvater erzählt die Geschichte abwechselnd aus der Sicht von Kate und Sean, die man beim Lesen beide schmerzhaft schnell ins Herz schließt – um dann das ganze Buch über um sie zu bangen, denn wie in jedem Jahr gibt es bereits in den Trainingswochen vor dem Rennen die ersten Toten auf Thisby, Strand und Meer färben sich rot. Die Autorin erschafft eine seltsam zeitlose Welt, in der sich archaische Rituale mit modernerem Inselalltag (samt Autos und Touristen) mischen. Eine Welt, in der man im wahrsten Sinne des Wortes „versinken“ kann, im Sog der atmosphärisch dichten Geschichte zwischen schroffer Steilküste und dem beharrlichen Ruf des Meeres. Mitdenken ist dabei angebracht, denn Maggie Stiefvater deutet manche Hintergründe nur an und lässt genug Fragen offen, um dem Leser eigene Schlussfolgerungen zu ermöglichen.

Was für ein Buch ist nun „Rot wie das Meer“? Eine Pferdegeschichte, eine Familiengeschichte, eine Liebesgeschichte? Im Kern jedenfalls geht es weder um Wasserpferde noch um das große Rennen, sondern um das, was uns im Leben wichtig ist. Um das, was wir lieben. Und um das, was wir dafür zu tun bereit sind.

Wunderschön, berührend, außergewöhnlich – lesen!

Andrea Sondermann

Advertisements

Lese- und Hörbuchtipp des Monats Dezember

Wladimir Kaminer: Diesseits von Eden. Neues aus dem Garten.

Manhattan, München 2013.

"Diesseits von Eden" von Wladimir Kaminer

„Diesseits von Eden“ von Wladimir Kaminer

Nach seinen Gartenerlebnissen (s. „Mein Leben im Schrebergarten“) ist der Wahl-Berliner Wladimir Kaminer auf der Suche nach einem anderen Refugium für sich und seine Familie. Er findet ein Stück Natur in dem fiktiven Ort Glücklitz in Brandenburg. Im Gegensatz zur Parzelle in Berlin darf das Paradies nach eigenen Wünschen gestaltet werden. Diese Abenteuer seiner Landeroberung hat Kaminer aufgeschrieben:

Die Landnahme beginnt mit Problemen, denn die ländliche Infrastruktur erweist sich als unzulänglich. Der Ort ist nur mit dem Auto erreichbar, ein Führerschein muss noch in Berlin gemacht werden. Deshalb „begann der Weg in den Garten mit dem Besuch einer Fahrschule. Es war nicht besonders schwer, den Verkehrsregeln entsprechend in der Stadt zu fahren. Das einzige Problem war: Man kam nicht voran, wenn man all diese Verkehrsregeln penibel beachtete“. Der Autor kann zwar auf seine Fahrpraxis in der Heimat seiner Frau, dem Kaukasus, zurückgreifen, muss nun aber den Weg durch die deutsche Bürokratie und Gründlichkeit gehen. Damit ist er schon bei seinem Lieblingsthema.

In seinen hintergründig-ironischen Geschichten plaudert der russischstämmige Autor unbekümmert, schweift vom Thema ab und kommt vom harmlosen Ausgangspunkt zur grotesken Situation. Es ist der fremde Blick auf das uns Vertraute, das heitere und skurrile Geschichten hervorbringt. So auch seine Beobachtungen in Glücklitz. Dort gibt es in der Nachbarschaft einige unverwechselbare Einwohner wie Herrn Köpke oder den Wirt der Kneipe. Seine eigenen Qualitäten bringt der Neuankömmling so gut ein, dass nach kurzer Zeit auch in Glücklitz eine „Russendisco“ existiert. Kein Wunder also, dass die Dorfbewohner ihren neuen Nachbarn herzlich aufnehmen.

Kaminer weiß viel vom reichen Dorfleben zu berichten und liegt trotzdem nicht im gegenwärtigen Trend a la „Landlust“. Er versteht es meisterhaft, seine Figuren mit Charme und Witz zum Leben zu erwecken.

Wie der Text bereitet auch die Hör-Version großes Vergnügen. Wladimir Kaminer liest selbst und durch seinen russischen Akzent klingen die Erzählungen sehr authentisch.

Hörbuch: Wladimir Kaminer: Diesseits von Eden. Neues aus dem Garten.

Random House Audio, Köln 2013.

Auguste Carstensen-Lenz

Lesetipp des Monats Dezember – Thriller

Jan Faber: Kalte Macht. Thriller.

Page & Turner, München 2013.

"Kalte Macht" von Jan Faber

„Kalte Macht“ von Jan Faber

Wenn selbst den Verlagsmitarbeitern der richtige Name des Autors nicht bekannt ist – ein Autor, soviel wird verraten, der jahrelang beratend für hochrangige Politiker tätig war – dann lässt das tief blicken: Die Vermutung liegt nahe, dass die Fiktion der Wahrheit in dem Haifischbecken der Politik zumindest ähnelt!

Die junge Politikerin Natascha Eusterbeck wird als Staatssekretärin ins Berliner Kanzleramt berufen, um „offiziell“ die Strukturen im Hause auf den Prüfstand zu stellen. Mit dieser Aufgabe allein schafft sie sich bereits viele Feinde, denn niemand will bei angestrebten Kürzungen auf seine Pfründe verzichten. Die Kanzlerin selbst hat aber zudem den geheimen Auftrag für sie, die verschiedenen Netzwerke der feindlichen Cliquen zu entlarven. Damit gerät Natascha Eusterbek, die mit den Machenschaften und der intriganten Welt der Regierenden sowie deren Strippenzieher noch nicht so vertraut ist, zwischen alle Fronten. Sie erhält anonyme Drohungen, ihr Mann gerät in eine eingefädelte Affäre mit einer Prostituierten, der Druck auf sie wächst enorm und ihr Leben gerät zunehmend in Gefahr.

Spannend sind nicht nur der Thriller-Aspekt, sondern vor allem die Schilderung des politischen Tagesgeschäfts, der Ränkespiele und Machtgelüste einzelner. Deutlich wird, dass diese 15-stündigen Mammutarbeitstage oft nur mit Hilfe von aufputschenden Medikamenten und dem Abschied jeglichen Idealismus durchzuhalten sind.

Mörderisch!

Susanne Luther-Feddersen

Filmtipp des Monats Dezember

Weihnachtsfilme gibt es viele. Aus einem sehr ungewöhnlichen Blickwinkel nähert sich „Arthur Weihnachtsmann“ der Thematik: Hier ist Weihnachten ein Familienunternehmen und für die meisten Mitglieder der Weihnachtsmannfamilie dann im Grunde auch einfach nur ein Job. Steve, der älteste Sohn des Weihnachtsmannes, wartet darauf, dass sein Dad endlich in Rente geht, damit er die Führungsposition in der „Firma“ übernehmen kann. Hinter den Kulissen hat er sowieso schon weitgehend das Sagen und das „Geschäft“ straff durchorganisiert: Zur Geschenkeverteilung seilt sich eine Schar Weihnachtselfen mit militärischer Präzision aus einem getarnten Luftschiff ab.

Steves jüngerer, etwas tolpatschiger Bruder Arthur beantwortet in der Poststelle hingebungsvoll alle Briefe an den Weihnachtsmann und ist der Einzige, der Weihnachten so sehr liebt, dass er sogar nach getaner Arbeit (der Bescherung) noch Lust auf Weihnachtsspiele hat. Als bei der Geschenkeverteilung ein Kind vergessen wird, ist Arthur dementsprechend entsetzt – und fassungslos darüber, dass kein Familienmitglied Anstalten macht, diesen Fehler noch rechtzeitig auszubügeln. Eine so geringe Fehlerquote sei doch kein Problem – Steve schlägt sogar vor, das Geschenk nachträglich ganz normal mit der Post zu schicken!

Also macht sich Arthur mitsamt seinem grantigen Weihnachtsmann-Opa, einem ausgemusterten Schlitten und einigen längst in Rente geschickten Rentieren höchstpersönlich auf den Weg, um das Paket zu überbringen. Verpackungselfe Bryony, die nahezu alles in Rekordzeit mit nur drei Klebestreifen einwickeln kann, ist ebenfalls mit von der Partie. Allerdings steht ihre Mission unter keinem guten Stern: So ziemlich alles, was schiefgehen kann, geht total daneben. Steve und seine Eltern nehmen im Luftschiff die Verfolgung auf, doch auch ihnen steht eine Odyssee bevor. Und in Panik geratene Weihnachtselfen haben bereits die Selbstzerstörung der Firmenbasis eingeleitet …

Arthur Weihnachtsmann“ ist in erster Linie gar nicht unbedingt ein Weihnachtsfilm. Computeranimiert geht es um Familie und Generationenkonflikte und darum, seine Arbeit so zu tun, dass man mit dem Herzen dabei ist. Das hätten die Filmemacher mit sehr viel tränenreicher Dramatik erzählen können, und natürlich steckt die auch irgendwo in diesem Film drin, aber vor allem gibt es jede Menge zu lachen. Weihnachtssatire, absurde Situationskomik und Running Gags wie Arthurs blinkende Weihnachtspuschen, immer mehr vom Schlitten verschwindende Rentiere oder die chronisch unterschätzte Frau des Weihnachtsmannes, die vor dem Frühstück mal eben mit Eisbären ringen muss oder in aller Stille per Fernkurs gelernt hat, wie man einen Flieger steuert, sorgen für den richtigen Mix. Für Qualität bürgen auch die Sprecher – im englischen Original leiht beispielsweise Hugh Laurie dem selbstbewussten Steve, dem die Situation im Lauf des Films mehr und mehr entgleitet, seine Stimme.

Und Hand aufs Herz – haben wir uns nicht alle schon gefragt, wie der Weihnachtsmann es eigentlich schafft, rund um die Welt überall rechtzeitig die Geschenke zu bringen? Eine verblüffendere Antwort gab es jedenfalls noch nie.

Arthur Weihnachtsmann. Großbritannien, USA 2011. 1 DVD (94 Min.). Freigegeben ohne Altersbeschränkung.

Andrea Sondermann