Filmtipp des Monats Februar

Seit dem Tod seiner Frau beim Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 zieht der ehemalige Journalist Martin Bohm seinen Sohn Jake allein groß. Doch Jake ist kein gewöhnliches Kind: Er spricht nicht, lässt sich von niemandem anfassen. Zahlen sind seine Welt, aber was bedeuten sie?

Der gebannte Zuschauer der Serie „Touch“ ist von Anfang an dem verzweifelten Vater weit voraus: Die Zahlen und mathematischen Formeln sind für Jake als Muster sichtbar, und in diesen Mustern sind die Schicksale aller Menschen auf der Welt miteinander verbunden. Wenn ein Fehler im Muster ist, muss das daher dringend in Ordnung gebracht werden. Schritt für Schritt erkennt Martin, dass genau dies seine Aufgabe ist, die ihm Jake mit Zahlen mitzuteilen versucht. Für die Behörden erscheint der Fall allerdings schon längst glasklar: In ihren Augen ist Jake einfach ein autistisches Kind und sein alleinerziehender Vater hoffnungslos überfordert. Im Verlauf der Serie erhärtet sich jedoch der Verdacht, dass im Hintergrund noch ganz andere Leute ihre Finger im Spiel haben, die genau über Jakes Fähigkeiten Bescheid wissen. Von allen Seiten werden Martin Steine in den Weg gelegt – doch auch mit ihm und Jake sind andere Menschen schicksalhaft verbunden. Und früher oder später werden sie ihnen gemeinsam begegnen.

„Touch“ ist eine außergewöhnliche Serie, der es gelingt, in jeder Folge aufs Neue zu überraschen. Das Muster ist zwar bald relativ klar: Martin folgt einer Zahl – aber nicht einmal er findet alle Fäden, die bei dieser Zahl zusammenlaufen. Das erfährt nur der Zuschauer. Was haben zum Beispiel ein verlorenes Handy, zwei japanische Touristinnen, eine erfolglose Sängerin und ein Junge, der sich zu einem Selbstmordanschlag gezwungen sieht, miteinander gemeinsam? Auf den ersten Blick: Gar nichts. Wie sehr man sich doch irren kann! Sprachlos vor Staunen bleibt der Zuschauer gleich nach der ersten Folge zurück und fragt sich nur eines: Können die das überhaupt noch toppen? Ja, sie können. Und mehr wollen wir jetzt auch nicht verraten.

Tolle Schauspieler, einfühlsame Geschichten! Die größte Hürde beim Filmgenuss: Die DVD zu überreden, die deutsche Sprachfassung herauszurücken. Leider klappt das nicht bei jedem Abspielgerät!

Touch – die komplette Season 1. USA, 2012. Darsteller: Kiefer Sutherland (Martin), David Mazouz (Jake) … 3 DVDs ( 480 Min.). Ab 12 Jahren freigegeben.

Andrea Sondermann

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zusätzlicher Lesetipp

Diese Buchempfehlung kommt von unserer Praktikantin:

Félix J. Palma: Die Landkarte der Zeit. Roman. Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen.

Kindler, Reinbek bei Hamburg 2010. Als Taschenbuch 2011 bei Rowohlt erschienen.

"Die Landkarte der Zeit" von Félix J. Palma

„Die Landkarte der Zeit“ von Félix J. Palma

Wenn wir etwas von Herzen (glauben) wollen, kann es dann – allein durch den Glauben daran – für uns selbst zur Wirklichkeit werden? Was passiert, wenn wir diese Abzweigung nehmen und nicht jene? Können wir einen Fehler wieder gut machen, indem wir in die Vergangenheit reisen? Ist es überhaupt möglich in die Vergangenheit zu reisen, oder gar in die Zukunft?

Diese Fragen sind es unter anderem, die Félix J. Palma in „Die Landkarte der Zeit“ aufwirft. Beantwortet werden sie mit den im London des Jahres 1896 spielenden Geschichten von Andrew Harrington, Claire Haggerty und Inspektor Garret. Während der Erste in die Vergangenheit reist, um seine von Jack the Ripper ermordete Geliebte zu retten, verliebt sich die im viktorianischen London unglückliche Claire Haggerty im Jahr 2000 in den tapferen Hauptmann Derek Shackleton. Inspektor Garret soll Morde aufklären, deren Tatwaffen aus der Zukunft stammen.

Das Buch besteht aus drei Teilen. Die Trauer um den Abschied von liebgewonnenen Charakteren aus dem ersten Teil währt jedoch nicht lange. Das Auftauchen bereits bekannter Charaktere in den weiteren Teilen gibt Anlass zu Glücksgefühlen und auch mit den noch unbekannten kann man sich sehr gut anfreunden. Weiterer Zusammenhalt der Teile ist dadurch gegeben, dass sich erst aus späteren Handlungsverläufen vergangene erschließen. Nicht zuletzt wird der Roman auch durch die Figur des H.G. Wells, Autor von „Die Zeitmaschine“, zusammengehalten. Dieser taucht permanent auf, steht allen Charakteren helfend zur Seite und nimmt selbst eine immer größer werdende Rolle ein.

Nachdem man sich in die verschachtelten Sätze des Autors eingelesen hat, beginnt so ein wunderbares Lesevergnügen voller Spannung, Witz und – natürlich – viel Phantasie.

Doch nicht nur die Phantasie, gerade die Vermischung von eben dieser und der Realität bzw. Figuren aus der Realität machen diesen Roman aus. So trifft man nicht nur auf Wells und Jack the Ripper, sondern auch auf Bram Stoker, Henry James, die Hure Marie Kelly als Geliebte Andrews, den „Elefantenmenschen“ und andere. Auch einige geschichtliche Ereignisse um 1896 bzw. auch später fließen ein.

Das ist auf der einen Seite sehr interessant, führt es den Leser doch noch tiefer in die beschriebene Epoche hinein, und gibt ihm eine Art Aha-so-hat-man-das-damals-wahrgenommen-Effekt, oder regt ihn zum Schmunzeln an, wenn er weiß, wie betreffende Person wirklich war und wie sie dargestellt wird. Wenn man Personen oder Ereignisse aber aufgrund von Unwissenheit nicht kennt, geht das leider verloren; was etwas schade ist, jedoch verschmerzbar. Literaturprofessoren (siehe Klappentext) und andere Kundige werden daran jedoch ihre Freude haben.

Ein weiterer Grund zur Freude ist, dass der Autor den Leser regelrecht an der Hand nimmt, indem er sich hin und wieder direkt an ihn wendet und ihm Dinge anvertraut, von denen nur er als, wie er stets verkündet, allwissender Erzähler, wissen kann. Dies geschieht mit einem Augenzwinkern auf sehr humorvolle und ironische Art, die seltene langatmige Stellen sofort wieder kurzweilig werden lässt.

„Die Landkarte der Zeit“ ist kein Buch, dessen Seiten man einfach überfliegen kann. Es ist kein Buch, das man nach dem Lesen einfach zuklappt und zur Seite legt. Es ist ein Buch, das die volle Konzentration des Lesers und dessen Bereitschaft für Phantasie und das (Un-)Mögliche fordert. Es ist ein Buch, das man nach dem Auslesen noch einige Zeit in den Händen halten wird, noch immer wie hypnotisiert von einem großartigen Ende, in dem alles, was bisher geschah, inklusive allen Verwirrungen, denen der Leser vom Autor ausgesetzt wurde, plötzlich genial zusammen passt.

Sabrina Marzusch

Lesetipp des Monats Februar – Roman

Annette Hohberg: Das unendliche Blau. Roman.

Droemer Knaur, München 2013.

"Das unendliche Blau" von Annette Hohberg

„Das unendliche Blau“ von Annette Hohberg

Martha – erfolgreiche Journalistin, fürsorgliche Mutter einer erwachsenen Tochter, geschieden und mit einem dementen Vater im Pflegeheim, um den sie sich kümmert – erhält kurz vor ihrem 50. Geburtstag die niederschmetternde Diagnose, dass sie unheilbar an Krebs erkrankt ist. Eine Therapie könnte zwar ihr Leben unwesentlich verlängern, würde aber ihre Lebensqualität schwer einschränken und lange Krankenhausaufenthalte bedeuten. So entscheidet sie sich dagegen.

Mitten in der Feier ihres Geburtstages, umgeben von Freunden und Tochter, verschwindet Martha kurzentschlossen und fährt Richtung Italien. In Bologna angekommen, beschließt sie, die wenige ihr verbleibende Lebenszeit dort zu verbringen, alle Verpflichtungen und Bedenken hinter sich zu lassen und ihre eigenen Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu stellen. Mit Hilfe einer Freundin findet sie Wohnung und neue Kontakte und kann sich sogar für eine neue Liebe öffnen. Sie entdeckt ihre Lebensfreude und weiß doch um ihre begrenzte Zeit.

Einfühlsam, anrührend und fesselnd erzählt die Autorin eine Lebens- und Liebesgeschichte mit südlichem Flair und der Botschaft „Carpe Diem“, ohne zu pathetisch zu werden. Bewegende und doch leichte Unterhaltungsliteratur für Frauen.

Gerne empfohlen.

Susanne Luther-Feddersen

Lesetipp des Monats Februar – Roman

Joachim Meyerhoff: Alle Toten fliegen hoch, Teil 1: Amerika. Roman.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011.

"Alle Toten fliegen hoch: Amerika" von Joachim Meyerhoff

„Alle Toten fliegen hoch: Amerika“ von Joachim Meyerhoff

J. Meyerhoff erzählt die Geschichte einer ganz normalen Jugend in den achtziger Jahren Norddeutschlands. Der erste Teil dieses ursprünglich für das Theater geschriebenen autobiografischen Romans heißt „Amerika“, da der Romanheld ein Jahr lang als Austauschschüler in den USA verbringt. Der Autor, Jahrgang 1967, ist Schauspieler und Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters.

Der Ich-Erzähler ist zu einem Auswahlverfahren für den Schüleraustausch nach Hamburg eingeladen. Schon diesen Tag ohne die Gegenwart von Familie nutzt er für lang ersehnte Abenteuer in der Herbert- und Hafenstraße. Das Auswahlgespräch bringt ihn mit arroganten Großstadtkindern zusammen, die ihm scheinbar überlegen sind. Um dennoch Chancen bei der Auswahl zu haben gibt er sich als anspruchslos, naturbegeistert und streng religiös aus, was ihn in die amerikanische Provinz nach Laramie führt.

Mit Humor und Selbstironie erzählt er von seinem neuen amerikanischen „way of life“ in Wyoming: vom lockeren Teenagerleben mit eigenem Auto, vom Basketball-Kult in der High School und von seiner eigenen sichtbaren Veränderung. Anschaulich berichtet er von den kulturellen Unterschieden: Vom Leben in der Gastfamilie, vom neuen Wasserbett und von einem Gefängnisbesuch. Erhellend für ihn ist auch, dass er seine Filmhelden in den Fernsehserien erst jetzt richtig versteht, da die Stimmen nicht synchronisiert sind wie im deutschen Fernsehen: „die einzelnen Stimmen, Stimmlagen standen sich nicht so scharfkantig gegenüber“.

In Rückblenden kommt er immer wieder zu Szenen aus seiner Kindheit in Schleswig. Es passierte nicht wirklich Spektakuläres. Es sind seine lakonischen und zurückhaltenden Formulierungen für skurrile Begebenheiten, die das Lesen zu einem Vergnügen machen.

Auguste Carstensen-Lenz

Werke aus 4 Jahrzehnten

Ausstellung von Ewald Heitzmann vom 13. Februar bis zum 29. April 2014. Malerei, Grafik, Collagen, Bildobjekte – eine Auswahl aus vier Jahrzehnten künstlerischen Schaffens.

Die Ausstellungseröffnung findet am Donnerstag, 13. Februar, um 19.00 Uhr statt.

Eine weitere Führung durch die Ausstellung folgt am Freitag, 14. März, um 17.00 Uhr.

Lesetipp des Monats Februar – Roman

Sarah Addison Allen: Die Mondscheinbäckerin. Roman. Aus dem Englischen von Sonja Hauser.

Goldmann, München 2013.

"Die Mondscheinbäckerin" von Sarah Addison Allen

„Die Mondscheinbäckerin“ von Sarah Addison Allen

Die 17-jährige Emily zieht nach dem Tod ihrer Mutter in die Kleinstadt Mullaby zu ihrem Großvater, von dem sie bislang nichts wusste. Doch der kleine Ort in North Carolina ist keine gewöhnliche Kleinstadt, und Emily wird nicht von allen Einwohnern mit offenen Armen empfangen. Der gleichaltrige Win scheint der einzige aus der geheimnisumwitterten Familie Coffey zu sein, der ihr wohlgesonnen ist, und die nette Nachbarin Julia versucht, Emily vor traurigen Wahrheiten zu beschützen.

Was geht bloß in Mullaby vor? Ein Hauch von Magie liegt in der Luft: Warum geistern nachts Irrlichter durch die Stadt, warum wechselt die Tapete in Emilys Zimmer je nach Stimmung ihr Muster? Warum schaut Emilys Großvater ständig in den Trockner, warum verlässt die Familie Coffey nachts niemals das Haus, und warum backt Julia Kuchen über Kuchen bei offenem Fenster?

Schritt für Schritt beginnen sich die kleinen und großen Rätsel von Mullaby zu lösen. Aber schon bald zeigt sich, dass Emilys Mutter das größte Rätsel von allen ist: Nach und nach wird alles, was Emily über sie zu wissen glaubte, auf den Kopf gestellt …

Die zweite Hauptfigur des Buches ist Julia, die eigentlich nur für zwei Jahre in ihre Heimatstadt Mullaby zurückkehren wollte, um den Nachlass ihres Vaters zu regeln. Anschließend will sie irgendwo weit weg eine eigene Bäckerei eröffnen. Ihrer einstigen großen Highschool-Liebe Sawyer versucht sie währenddessen konsequent aus dem Weg zu gehen – in einer Kleinstadt wie Mullaby klappt das natürlich überhaupt nicht. Wird Julia am Ende ihr Glück an dem einen Ort finden, an dem sie schon gar nicht mehr danach suchen wollte?

Autorin Sarah Addison Allen spinnt hier ein charmantes Netz, dem man sich kaum entziehen kann, bis ihre liebevoll geschriebene Geschichte den Leser am Schluss mit einem wohligen Gefühl entlässt. Zauberhaft!

Andrea Sondermann

Literaturgruppe

Am Montag, 24. Februar 2014, bespricht die Literaturgruppe ab 18.30 Uhr in der Bibliothek das Buch „Die Liebe einer Frau“ von Alice Munro.

Interessierte sind herzlich willkommen.

"Die Liebe einer Frau" von Alice Munro

„Die Liebe einer Frau“ von Alice Munro

Alice Munro: Die Liebe einer Frau. Drei Erzählungen und ein kurzer Roman. Aus dem Amerikanischen von Heidi Zerning.

Fischer Taschenbuch, Frankfurt 2003.

Der Verlag schreibt über das Buch: „Alice Munro vermag es wie niemand sonst, so viel Realität, so viel Verstrickung auf so wenigen Seiten unterzubringen. Sie weiß ihre Figuren auf so knappem Raum so präzise auszuloten, den Leser so geschickt über das scheinbar Alltägliche mitten ins Dunkle, Geheimnisvolle der menschlichen Psyche zu stoßen.

Ihre Storys sind Kammerspiele des Gefühls, spektakulär im scheinbar Unspektakulären – sprachliche Meisterstücke. Alice Munro hält alles in der Schwebe, erlöst uns nicht vorschnell aus unserer Unsicherheit, sondern webt uns ein in ihr erzählerisches Netz: ihr einziges Zuhause.“

Alice Munro erhielt für ihr erzählerisches Werk bereits zahlreiche Preise und 2013 den Nobelpreis für Literatur.