Lesetipp des Monats Oktober – Roman

Nellja Veremej: Berlin liegt im Osten. Roman.

Jung und Jung, Salzburg 2013.

"Berlin liegt im Osten" von Nellja Veremej

„Berlin liegt im Osten“ von Nellja Veremej

„Man läuft vom Osten immer weiter nach Westen. Und dann kommt man irgendwo an. Und dann merkt man: Dieser Osten ist immer bei dir, in dir oder um dich“ sagt die Hauptfigur Lena. Als Kind begann für sie der Westen hinter den Bergen des Ural. Vom Nordkaukasus aus, wohin die Familie nach dem Tod des Vaters zur Großmutter zog, war Leningrad der Westen. Nach dem Philologie-Studium dort wanderte sie mit eigener Familie Anfang der 90er Jahre nach Berlin aus.  Die Träume haben sich nicht erfüllt. Von ihrem Mann, der in windigen Geschäften verstrickt ist, hat sie sich getrennt und lebt mit der großen Tochter von ihrem Gehalt als Altenpflegerin in einer Senioreneinrichtung. Die Lebensgeschichten ihrer Klienten verbinden sich auch mit ihrer eigenen Biografie. „Es ist mir peinlich, dass ich hier im Paradies nicht so weit gekommen bin wie erhofft. Und dass ich die fremden Alten mit dem Löffel füttere, während meine eigene Mutter irgendwo im weiten Osten allein in ihrem weißen, einäugigen Häuschen sitzt“. Lena pflegt auch Herrn Seitz, der als erfolgreicher Journalist bei einer Ostberliner Zeitung nach der Wende zum Frührentner wurde. Ihm blieben die Wohnung und die Erinnerung an andere Zeiten. Beide haben einen Großteil ihres Lebens im Sozialismus verbracht, sie teilen die Liebe zur Kultur des Ostens. Durch die Gespräche mit ihm findet Lena die Erinnerung an ihre Kindheit in der früheren Sowjetunion. Jetzt erst beginnt sie in ihrer neuen Heimat Berlin zu leben und will dem Wunsch ihrer Tochter nachkommen, endlich das Schwimmen zu erlernen.

Auch die 1963 geborene Autorin hat erst vor kurzem schwimmen gelernt. Als Migrantin kennt sie die Schwierigkeiten, in einem völlig anderen Umfeld zurechtzukommen. Nellja Veremej zeichnet ein facettenreiches Berlin-Bild in ihrem Debütroman bei der Suche nach dem richtigen Platz in der Welt. Der Schauplatz ist die Gegend um den Alexanderplatz, so dass der berühmte Roman von Döblin eine schöne Nebenrolle spielt.

Auguste Carstensen-Lenz

 

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Lesetipp des Monats Oktober – Roman

Hakan Nesser: Die Lebenden und Toten von Winsford. Roman. Aus dem Schwedischen übersetzt von Paul Berf.

btb, München 2014.

"Die Lebenden und Toten von Winsford" von Hakan Nesser

„Die Lebenden und Toten von Winsford“ von Hakan Nesser

Die Schwedin Maria Andersson mietet sich mit ihrem Hund Castor für ein halbes Jahr im Winter ein einsames, abseits gelegenes Haus im englischen Exmoor, angeblich, um als Schriftstellerin in Ruhe arbeiten zu können. Die ehemalige schwedische Nachrichtensprecherin, Mitte 50, verheiratet mit einem bekannten Schriftsteller und Mutter zweier erwachsener Kinder, richtet sich ein, knüpft einige Kontakte im örtlichen Pub und im Internetcafé, bleibt aber zurückhaltend.

Aus der Ich-Perspektive lässt der Autor seine Protagonistin in Rückblenden einiges über ihr Leben, ihre Ehe und vor allem die Geschehnisse des vergangenen Jahres erzählen. Sie berichtet über verpasste Chancen, die Vergänglichkeit, die Bitterkeit und über ihren Mann, der vor einigen Monaten unter Verdacht geriet, eine junge Frau vergewaltigt zu haben, was ein großes Medieninteresse zu Folge hatte. Diese Krise sollte durch eine gemeinsame Reise nach Marokko, in der ihr Mann plante, ein lang zurückliegendes Erlebnis aus seiner Zeit in einem exklusiven Literaturzirkel literarisch aufzuarbeiten, ein Ende finden. Die Reise führt das Ehepaar zunächst nach Polen. Bei einem Strandspaziergang schlägt über Maria nachträglich die Wut, Verletzung und Enttäuschung zusammen und sie schließt ihren Mann spontan in einem einsamen Bunker ein und flieht von dort, zusammen mit ihrem Hund.

Mit dieser Ausgangslage – in der Ungewissheit, ob ihr Mann noch lebt oder elendig in dem Bunker gestorben ist – flieht sie nach England. Dort reflektiert sie über ihr Leben und versucht, eine glaubwürdige Geschichte zu konstruieren, um irgendwie weiterleben zu können. Gelingt ihr ein Neuanfang?

Einfühlsam, nachdenklich, melancholisch und spannend packt Nesser in dieser leicht lesbaren und fesselnden Geschichte den Leser. Und obwohl man früh ahnt, was geschehen ist, ertappt man sich bei dem Wunsch, Maria möge doch ungeschoren davonkommen.

Unbedingt lesen!

 Susanne Luther-Feddersen

Literaturgruppe

Am Montag, 8. Dezember 2014, bespricht die Literaturgruppe ab 18.30 Uhr in der Bibliothek das Buch „Heimkehr“ von Toni Morrison.

Interessierte sind herzlich willkommen.

"Heimkehr" von Toni Morrison

„Heimkehr“ von Toni Morrison

Toni Morrison: Heimkehr. Roman. Aus dem Englischen übersetzt.

Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2014.

Der Verlag schreibt über das Buch: „Drei Jungs aus dem rassistischen Höllenloch Lotus, Georgia, haben sich freiwillig nach Korea gemeldet. Zwei kehren nicht zurück, der dritte, Frank «Smart» Money, führt nach dem Krieg zunächst ein haltloses Vagabundendasein und erlebt dabei den ungebrochen fortgesetzten Rassismus des weißen Amerika der fünfziger Jahre, aber auch die Selbsthilfeorganisationen der Schwarzen und deren Solidarität.

Kaum hat sich Frank unter prekären wirtschaftlichen und psychischen Umständen zu einem neuen Leben niedergelassen, da erreicht ihn die Nachricht, dass seine jüngere Schwester in Gefahr sei. Die Sorge um sie führt ihn zurück nach Lotus, zum Elternhaus und zu einem Geheimnis aus ihrer Kindheit, dem er bis zu seiner bitteren Enthüllung nachgeht.

«Heimkehr» setzt den mit «Jazz» begonnenen Zyklus fort, in dem Morrison die Situation der Schwarzen in einem jeweils anderen Jahrzehnt beleuchtet. Mit der ihr eigenen poetischen Sprachgewalt schildert die Nobelpreisträgerin in unvergesslichen Szenen den langen Kampf um Gerechtigkeit. Ein engagierter Roman über das Widerstehen, die Würde des Menschen und die Kraft der Wahrheit.“

Toni Morrison wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 1993 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur.

Lesetipp des Monats Oktober – Jugendbuch

Anthony Horowitz: Russian Roulette. Aus dem Englischen übersetzt von Wolfram Ströle.

Ravensburger Buchverlag, Ravensburg 2014.

"Russian Roulette" von Anthony Horowitz

„Russian Roulette“ von Anthony Horowitz

Neun Bände lang hat Anthony Horowitz seine Leser mit dem jugendlichen Geheimagenten Alex Rider mitfiebern lassen. „Lieblingsgegner“ war sicherlich der Auftragskiller Yassen Gregorovich, mit dem Alex es nicht nur gleich im 1. Band „Stormbreaker“, sondern auch in Band 4 („Eagle Strike“) zu tun bekam – wobei sich herausstellte, dass Alex‘ Vater Yassen vor Jahren das Leben gerettet hatte.

Die Rahmenhandlung von „Russian Roulette“ spielt sich parallel zu „Stormbreaker“ ab und überrascht damit, dass Yassen von der Organisation „Scorpia“ den Auftrag erhält, Alex Rider zu töten. Wer „Stormbreaker“ kennt, erinnert sich an dieses Detail garantiert nicht, ganz im Gegenteil: dort behauptete Yassen am Ende, er habe keinen Auftrag in Bezug auf Alex… wie konnte es dazu kommen?

Die Haupthandlung von „Russian Roulette“ führt tief in Yassens Vergangenheit und erzählt, wie über einen ganz normalen Jungen aus einem kleinen russischen Dorf plötzlich die Hölle hereinbricht. Auf einen Schlag verliert Yassen seine Eltern, sein Zuhause, seinen besten Freund und ist auf der Flucht. Niemand darf seine wahre Identität erfahren. Um zu überleben, muss er kriminell werden. Doch von dort zum Auftragsmörder bei „Scorpia“ ist es noch ein weiter, weiter Weg, auf dem mehr als einmal das „russische Roulette“ über Yassens Leben oder Tod entscheidet.

Sehr spannende Lektüre, nicht nur für Alex Rider-Fans, denen sich so manches Aha-Erlebnis bietet. Auch wer die Reihe bislang nicht kannte, kann hier problemlos einsteigen und wird dann bestimmt Lust auf die anderen Bände bekommen.

Andrea Sondermann

NoBody is perfect

(c) Bildmaterial aus der Ausstellung "Der Klang meines Körpers" Werkstatt Lebenshunger e.V.

(c) Bildmaterial aus der Ausstellung „Der Klang meines Körpers“ Werkstatt Lebenshunger e.V.

Von November 2014 bis Januar 2015 finden in Husum, Niebüll und Leck unter dem Motto „NoBody is perfect“ Aktionswochen gegen Ess-Störungen statt. Organisiert wird das Projekt vom Gesundheitsamt des Kreises Nordfriesland gemeinsam mit dem Diakonischen Werk Husum und weiteren Partnern. Kernstück ist die interaktive Wanderausstellung „Der Klang meines Körpers“ zur Prävention von Ess-Störungen, die in der „Werkstatt Lebenshunger e.V.“ von Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen erarbeitet wurde. Weitere Ausstellungen und zahlreiche andere Aktionen, z.B. Lesungen, Filmvorführungen, Schulprojekte und Vorträge, begleiten die Projektwochen. Den offiziellen Flyer zum Download gibt es hier.

Die Stadtbibliothek Husum steuert vom 3. bis zum 21. November eine Buchausstellung zum Thema „NoBody is perfect“ mit Sach- und erzählender Literatur zu Ess-Störungen, Selbstverletzung, Schönheit und Schönheitswahn bei.

Lesetipp des Monats Oktober – Lilli L’Arronge

Außergewöhnliche Bilderbücher sind von Lilli L’Arronge im Verlagshaus Jacoby & Stuart erschienen, liebevoll ersonnen und illustriert, jedes ein kleines Kunstwerk für sich, das sich zu entdecken lohnt:

"Chaos in Bad Berleburg" von Lilli L'Arronge

„Chaos in Bad Berleburg“ von Lilli L’Arronge

Chaos in Bad Berleburg (2010) erzählt von einer Bananenschale, die der kleine Hubert achtlos auf den Bürgersteig fallen lässt. Was da alles passieren kann! Seine ältere Schwester Lotta malt ihm die folgenden Kettenreaktionen in den leuchtendsten Farben aus: jemand rutscht auf der Bananenschale aus und versucht sich an einer Leiter festzuhalten, der darauf abgestellte Eimer stülpt sich über den Kopf eines Radfahrers, der nun blind weiterfährt, während die Bananenschale bereits mitten im Gesicht des nächsten Passanten landet… am Ende steht die ganze Stadt Kopf, es herrscht pure Anarchie, und sogar Supermann muss helfend eingreifen! Doch es ist ein fröhliches Chaos, das sich hier entspinnt, und viele kleine Geschichten lassen sich in den immer „wimmeligeren“ Bildern entdecken. Fast schade, dass Lotta sich das alles nur ausgedacht hat – aber die Bananenschale liegt noch immer auf dem Bürgersteig…

"Wunschkind" von Lilli L'Arronge

„Wunschkind“ von Lilli L’Arronge

Nach dieser lustigen Wimmelgeschichte schlägt die Autorin in Wunschkind  (2012) eine ganz andere Seite auf: das Eichhörnchen und das Rotkehlchen möchten gemeinsam eine Familie gründen. Also bauen sie ein Nest, denn dann werden doch irgendwann Eier drinliegen, oder? So einfach geht das wohl nicht, ahnen vorlesende Erwachsene, aber denkste: eines Tages liegt tatsächlich ein Ei im Nest. Begeistert fangen Eichhörnchen und Rotkehlchen an zu brüten, auch wenn das Ei größer ist als sie beide zusammen. Woher das Ei eigentlich gekommen ist und wem der Nachwuchs dann ähnlich sehen wird, interessiert dabei überhaupt nicht (oder wieder nur die Vorlesenden, deren Verdacht am Ende des Buches bestätigt wird). So wird ein im Grunde lieblos abgelegtes Ei überglücklich umhegt und ein echtes „Wunschkind“ für seine neue Familie!

"Ich groß du klein" von Lilli L'Arronge

„Ich groß du klein“ von Lilli L’Arronge

Das dritte Bilderbuch ich groß – du klein (2014) unterscheidet sich wieder erheblich von seinen Vorgängern: hier dreht sich alles um ein großes Wiesel und sein kleines Wieselkind. In Bildpaaren und Reimen gestaltet sich ihr ganz normaler Eltern-Kind-Alltag zwischen Küche, Garten und Urlaub, vom Essen, Einkaufen, Spielen, Streiten und Träumen immer wieder überraschend und dabei doch sicherlich allen Eltern und Kindern bestens vertraut. Und wenn die Geschichte in fröhlichem Gegensatz zum Buchtitel mit „Du groß – ich klein, du mein – ich dein“ endet, so können alle begeisterten Leser auf der letzten Seite nur zustimmen „so soll das sein“!

Was kommt von Lilli L’Arronge als nächstes? Wir dürfen gespannt sein!

Andrea Sondermann