Lesetipp des Monats März – Jugendroman

Meg Rosoff: Was ich weiß von dir. Roman. Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit.

Fischer KJB, Frankfurt am Main 2014.

"Was ich weiß von dir" von Meg Rosoff

„Was ich weiß von dir“ von Meg Rosoff

In den Osterferien tritt Mila, ein sehr kluges und feinsinniges zwölfjähriges Mädchen, gemeinsam mit ihrem Vater eine Reise in die USA an. Ursprünglich wollten die beiden den Freund des Vaters aus Kindheitstagen besuchen. Doch dieser ist kurz vor dem verabredeten Besuch spurlos verschwunden und hat Frau, Baby und Hund zurück gelassen. Da die Polizei das unerklärliche Verschwinden nicht als mögliches Verbrechen einstuft, beschließen Mila und ihr Vater, sich in Begleitung des Hundes auf die Suche nach Matt zu begeben. So beginnt – erzählt aus der Perspektive der sehr reflektierten, ihrem Alter weit voraus denkenden Mila – ein fast poetischer Roadmovie, der durch den Osten der USA führt. Natürlich steht die Frage nach dem Warum des Verschwindens als Rätsel im Vordergrund, doch eigentlich ist der Schwerpunkt des Jugendromans die besondere Vater-Tochter-Beziehung und Milas Einblick in die Welt der Erwachsenen.

Mila findet Matt nach vielen Umwegen und erfährt so einiges über den Hintergrund seiner Flucht. Sie schafft es zwar, ihn zur Rückkehr zu seiner Familie zu bewegen, aber was dann wird, lässt sich durch Außenstehende nicht beeinflussen. Mila stellt bei all ihrer Reife fest, dass sie doch eigentlich noch ein Kind ist.

Die Autorin von „How I live now“ (übrigens als Verfilmung sehr gelungen!), schreibt hier eine sensible, warmherzige Geschichte, ohne „Action“ und unaufgeregt, aber berührend.

Gerne empfohlen ab 14 Jahren.

Susanne Luther-Feddersen

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Lesetipp des Monats März – historischer Roman

Elizabeth Loupas: Die zweite Herzogin. Historischer Roman. Aus dem Englischen von Anja Schünemann.

Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2011.

"Die zweite Herzogin" von Elizabeth Loupas

„Die zweite Herzogin“ von Elizabeth Loupas

Was für ein Auftakt: „‚Seine erste Frau soll er mit eigenen Händen ermordet haben‘, flüsterte die Frisierdame, während sie mir eine Perlenschnur ins Haar flocht. ‚Sie war so jung, so schön.'“ Im Dezember 1565 trifft Barbara von Österreich in Ferrara ein, um dort Herzog Alfonso d’Este zu ehelichen und somit seine „zweite“ Herzogin zu werden. Es ist eine aus politischen Gründen arrangierte Heirat. Mit 26 Jahren ist Barbara nicht mehr die jüngste Braut, und besonders schön ist sie mit ihrer langen Nase und der berüchtigten „Habsburger Lippe“ auch nicht. Dass Alfonsos erste Frau, Lucrezia de Medici, unter verdächtigen Umständen gestorben und ihr Gatte gerüchteweise daran nicht ganz unschuldig ist, hat sie natürlich gehört. Trotzdem freut sich Barbara auf Ferrara, ist die Ehe doch ihre Chance, einer Zukunft im Kloster (die bereits ihren drei unverheirateten Schwestern droht) zu entkommen. Aber sich in ihrem neuen Leben einzurichten ist nicht ganz einfach: am Hof von Ferrara (den eine erbitterte Feindschaft mit den Medici aus Florenz verbindet) wimmelt es von Neid, Intrigen und Spionen, und Barbaras Gefühle gegenüber Alfonso sind zwiespältig – ist er wirklich ein Mörder? Das Rätsel um den Tod ihrer Vorgängerin lässt der intelligenten, neugierigen Barbara keine Ruhe, und so beginnt sie mit vorsichtigen Erkundigungen. Anscheinend stellt sie dabei die richtigen Fragen, denn bald gibt es erste Anschläge auf ihr Leben…

Elizabeth Loupas verknüpft in ihrem ersten Roman sprachlich elegant den immer spannender werdenden Kriminalfall mit farbenprächtig geschilderter Historie. Um den Lesern auch Lucrezias Geschichte und Gefühlswelt näherzubringen, greift die Autorin zu einem raffinierten Trick: Lucrezias Geist ist zwischen Diesseits und Jenseits gefangen, kann sich aber weder bemerkbar machen noch in die Handlung eingreifen sondern nur die Geschehnisse aus ihrer Sicht kommentieren. Diese kursiv gedruckten Passagen fügen sich so passend in die Geschichte ein, dass die Idee mit dem Geist kein bisschen befremdlich erscheint. Vielmehr bangt man bald nicht nur mit Barbara, sondern auch um die teils blauäugige, teils boshafte Lucrezia, die sich schon halb auf dem Weg in die Hölle wähnt.

Im Nachwort geht die Autorin kurz auf die tatsächlichen historischen Ereignisse und Gestalten ein, die sie zu ihrem Roman inspiriert haben. Wie es allerdings den Hauptakteuren Barbara und Alfonso später ergangen ist, erzählt sie dabei nicht – das ist auch gut so: denn aus den historischen Grundlagen hat sie ihre ganz eigenen Romanfiguren zum Leben erweckt. Und nun liegt es ganz in der Phantasie der Leser, ihnen eine gebührende Zukunft jenseits aller Aufzeichnungen auszumalen.

Andrea Sondermann

Lesetipp des Monats März – Roman

T. Coraghessan Boyle: Wenn das Schlachten vorbei ist. Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Dirk van Gunsteren.

Hanser, München 2012.

"Wenn das Schlachten vorbei ist" von T. Coraghessan Boyle

„Wenn das Schlachten vorbei ist“ von T. Coraghessan Boyle

Auf den Santa-Barbara-Inseln ist das ökologische Gleichgewicht aus den Fugen geraten. Die Inselgruppe vor Kalifornien war einst Inbegriff unberührter Natur. Doch irgendwann strandeten Schiffe an ihren Küsten und bevölkerten die Insel mit Tieren, die es bis dahin nicht gegeben hatte. Mittlerweile haben sich Ratten und Wildschweine so ausgebreitet, dass sie die Insel beherrschen.  Vor diesem Hintergrund lässt der amerikanische Schriftsteller zwei Fraktionen von Umweltschützern in einem erbitterten Kampf aufeinander prallen. Es geht um die Frage, ob das Gleichgewicht des Ökosystems wieder hergestellt werden soll –  was mit dem Vernichten parasitärer Tiere verbunden wäre – oder ob man der Natur freien Lauf lassen soll. Die Naturwissenschaftlerin Dr. Alma Boyd Takesue ist für erstere Lösung. Als Direktorin für Öffentlichkeitsarbeit des Nationalparkservice ist sie für die kontrollierte Ausrottung der Ratten. Ihr Gegenspieler ist der radikale Umweltschützer David Francis Lajoy. Dieser steckt voller Aggressionen gegen Menschen und will erst wieder höflich werden „wenn das Schlachten vorbei ist“. Beide Umweltaktivisten handeln im guten Glauben, das einzig Richtige zu tun. Dabei agieren sie verbissen und sind nicht in der Lage, die Meinung anderer zu akzeptieren. Immer wieder treffen sie bei Veranstaltungen oder im Gericht aufeinander, wo sie für ihre Position kämpfen.

Ein spannender und anspruchsvoller Roman über die Veränderung der Natur durch die Menschen. Gut recherchiert und damit ein fundierter Beitrag zur aktuellen Umwelt- und Artenschutzdebatte. Natürlich sind die Charaktere und Situationen überzeichnet. Manches ist so grotesk, dass das Buch auch als eine Umweltsatire zu lesen ist.

 Auguste Carstensen-Lenz

Filmtipp des Monats März

Mit „Madame Mallory und der Duft von Curry“ beweist Regisseur Lasse Hallström einmal mehr sein sicheres Händchen für gut gemachtes Kino: Seit 30 Jahren schon führt Madame Mallory das feine Restaurant ihres verstorbenen Gatten in einem beschaulichen Ort in Südfrankreich fort, als eines Tages ihre Welt auf den Kopf gestellt wird: Direkt gegenüber eröffnet die indische Familie Kadam das „Maison Mumbai“. Es ist laut und bunt, Papa Kadam kennt alle Tricks, um Kunden anzulocken, und Sohn Hassan ist ein begnadeter Koch. Während zwischen beiden Restaurants ein erbitterter Kleinkrieg um Kunden, Zutaten und Vorschriften beginnt, möchte Hassan gern mehr über die französische Küche erfahren und bei der strengen Madame Mallory in die Lehre gehen. Mit seinen genialen Gerichten kocht er die Nachbarin langsam aber sicher weich: Könnte er für ihr Restaurant vielleicht sogar einen zweiten Michelin-Stern „erkochen“?

Der Film punktet mit Szenen, die in Erinnerung bleiben: z.B. wenn Hassan erklärt, dass seine Familie nicht in England bleiben wollte, weil das Gemüse dort so leblos war, und sie dann auf der Tour durch Europa überall Gemüse kosten, um einen Ort zu finden, an dem sie bleiben möchten; wenn das „Maison Mumbai“ zum ersten Mal seine Pforten öffnet und der Eingang einem märchenhaften Palast ähnelt; oder wenn Papa Kadam sich darüber aufregt, dass die französische Küche die „klassische“ Küche genannt werde, obwohl die indische Kultur doch viel älter sei…

Berauschende Bilder aus der indischen Küche, tolle Schauspieler und eine charmante Geschichte – „Madame Mallory und der Duft von Curry“ ist bestes Wohlfühlkino, das den Zuschauer mit einer überwältigenden Sehnsucht nach gutem (und am besten indischem) Essen zurücklässt. Wenn im letzten Drittel des Films die laborartige Küche eines Pariser Nobelrestaurants, wo es nur noch um den Kick eines neuen nie dagewesenen Geschmacks geht, geradezu gruselig wirkt, bekommt man umso mehr Lust auf eine reichhaltige Mahlzeit, die mit Liebe gekocht wurde und richtig sättigt!

Madame Mallory und der Duft von Curry. USA, 2014. Regie: Lasse Hallström. Darsteller: Helen Mirren (Madame Mallory), Om Puri (Papa Kadam), Manish Dayal (Hassan) … 1 DVD (118 Min.). Freigegeben ohne Altersbeschränkung.

Andrea Sondermann

Hört! Hört!

„Hört! Hört!“ heißt die Debütveranstaltung der noch frischen Autorengruppe „Orpheus Lyra“.

(c) Wencke Rowek Die Gründungsmitglieder von Orpheus Lyra (v.l.): Christine Hartung-Czaja, Dieter Tippelt, Timo Rowek und Wencke Rowek

(c) Wencke Rowek
Die Gründungsmitglieder von Orpheus Lyra (v.l.): Christine Hartung-Czaja, Dieter Tippelt, Timo Rowek und Wencke Rowek

Gegründet von wortstarken Autoren aus dem Raum Nordfriesland stellt sie sich mit einer Mischung von Gedichten, Kurzgeschichten und einem Reisebericht vor. Die Stadtbibliothek Husum präsentiert diese bunte Lesung am Sonnabend, d. 28. März 2015, um 15.00 Uhr:

Wencke Rowek wird Lyrik lesen, Timo Rowek eine Auswahl seiner Gedichte und Kurzgeschichten. Beide konnten bereits beim Kultur21-Festival überzeugen. Aus Soest kommt Doris Bröcking, eine Autorin, die sich dort schon einen Namen mit ihren Gedichten und Geschichten gemacht hat. Karl-Peter Kööp, Mitautor des Bildwörterbuches „Mien eersten dusend Wöör“, erzählt auf Plattdeutsch von seiner Erkundungsreise nach Iowa, wo er sich auf die Spuren der letzten „low german – speaker“ machte. Auf die Besucher wartet also ein breites literarisches Spektrum. Der Eintritt ist frei.

Weitere Informationen unter www.orpheus-lyra.de

Literaturgruppe

Am Montag, 13. April 2015, bespricht die Literaturgruppe ab 18.30 Uhr in der Bibliothek das Buch „Adler und Engel“ von Juli Zeh.

Interessierte sind herzlich willkommen.

"Adler und Engel" von Juli Zeh

„Adler und Engel“ von Juli Zeh

Juli Zeh: Adler und Engel. Roman.

btb, München 2003.

Der Verlag schreibt über das Buch: „Liebesgeschichte, Kriminalroman, Entwicklungsgeschichte, Politthriller furios zu einem Roman verwoben – das ist das Buch von Juli Zeh, einem der überragenden Talente der deutschen Literatur. Für ihre Geschichte um den Völkerrechtsexperten Max, der nach dem Selbstmord seiner einzigen Liebe Jessie ins Bodenlose stürzt, wurde die Autorin mit dem Deutschen Bücherpreis, mit dem Rauriser Literaturpreis und dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet, die Kritik lag ihr zu Füßen. Juli Zeh erzählt lakonisch und doch voller Poesie vom Schicksal einer Liebe, die sich im Geflecht von Politik und Profit verfängt. Ihr Roman entwirft das eindrucksvolle Szenario einer Welt nach dem Zusammenbruch der Ideologien – und das in einer Sprache, die rasant und absolut zeitgemäß ist.“