Lesetipp des Monats Oktober – aus der Sachbuchabteilung

Die große Unruhe: Afghanistan und seine Nachbarn. Redaktion: Sven Hansen. Edition Le Monde diplomatique, No. 17.

TAZ, Berlin 2015.

"Die große Unruhe" aus der Edition Le Monde diplomatique

„Die große Unruhe“ aus der Edition Le Monde diplomatique

Die Rückeroberung der Provinzhauptstadt Kundus durch die Taliban im September 2015 lenkte den Blick der Öffentlichkeit abermals auf Afghanistan. Der Einmarsch der amerikanischen Truppen im Jahre 2001 als Reaktion auf 9/11 hat die Region nicht befriedet, im Gegenteil. Ein Ende der verheerenden Situation ist für die Zivilbevölkerung nicht abzusehen. Die Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht dauern an, vor kurzem wurde ein Krankenhaus der „Ärzte ohne Grenzen“ bombardiert.

Um mehr über dieses Land zu erfahren, empfiehlt sich eine Extra-Ausgabe der französischen Monatszeitung „Le Monde diplomatique“. Dieser Sammelband im Zeitschriftenformat bietet eine große Auswahl an Beiträgen, die in den letzten Jahren in der Zeitung veröffentlicht wurden, für diesen Band zusammengefasst und aktualisiert wurden. Besonders lesenswert wird der Band durch Reportagen und Analysen von renommierten Autoren, die aus dieser Region stammen bzw. eine besondere Beziehung zu den Ländern haben.

Die Aufsätze haben die unterschiedlichsten Themen zum Inhalt: Geschichte, Kriege, Bildung, Koranschulen, Gesundheitswesen, Jugend, Drogenhandel und Stammeswesen. Ein Beitrag betrifft den Stamm der Paschtunen, durch dessen Gebiet eine Grenze verläuft, die von der britischen Kolonialmacht gezogen wurde. Thematisiert wird auch die „militärische Entwicklungshilfe“ durch NATO-Verbände und das Verhältnis zu den Nachbarstaaten Pakistan, Indien und China.

Sven Hansen, Asien-Redakteur der Zeitung „taz“, hat den Band für die deutsche Ausgabe zusammengestellt. Von ihm sind die zwölf Porträts zu wichtigen Persönlichkeiten Afghanistans, wie den Staatschefs Hamid Karsai, Aschraf Ghani und Abdullah Abdullah, die auch in der westlichen Welt bekannt sind. Bemerkenswert ist auch ein Artikel über die afghanische Volksheldin Malalai von Maiwand, die sich als Märtyrerin für die Unabhängigkeit ihres Landes im 19. Jahrhundert opferte. Nach ihr erhalten die Mädchen häufig diesen Vornamen, so auch die junge pakistanische Malala Yousafzai, die 2014 den Friedensnobelpreis erhielt.

Eine anregende Lektüre, die zum Verständnis des Landes und globaler Probleme beiträgt.

Auguste Carstensen-Lenz

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Was ist eigentlich die Onleihe?

Onleihe? Ja, was war das doch gleich? Wer da noch rätselt, sollte sich vielleicht den nächsten Donnerstagnachmittag für einen Besuch bei uns in der Bibliothek freihalten…

blauAm 24. Oktober, dem Internationalen Tag der Bibliotheken, startet eine bundesweite Aktionswoche im Rahmen der Kampagne „Netzwerk Bibliothek„: bis zum 31.10. präsentieren viele deutsche Bibliotheken ihre digitalen Angebote. Aus diesem Anlass gibt es am Donnerstag, 29.10., um 17 Uhr einen kleinen Vortrag in der Stadtbibliothek Husum. Andrea Sondermann stellt die „Onleihe zwischen den Meeren“ anhand des Internet-Ausleihportals vor.

Interessierte sind herzlich willkommen. Der Eintritt ist frei.

Literaturgruppe

Am Montag, 30. November 2015, bespricht die Literaturgruppe ab 18.30 Uhr in der Bibliothek das Buch „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler.

Interessierte sind herzlich willkommen.

"Ein ganzes Leben" von Robert Seethaler

„Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben. Roman.

Hanser Berlin, München 2014.

Der Verlag schreibt über das Buch: „Als Andreas Egger in das Tal kommt, in dem er sein Leben verbringen wird, ist er vier Jahre alt, ungefähr – so genau weiß das keiner. Er wächst zu einem gestandenen Hilfsknecht heran und schließt sich als junger Mann einem Arbeitstrupp an, der eine der ersten Bergbahnen baut und mit der Elektrizität auch das Licht und den Lärm in das Tal bringt. Dann kommt der Tag, an dem Egger zum ersten Mal vor Marie steht, der Liebe seines Lebens, die er jedoch wieder verlieren wird. Erst viele Jahre später, als Egger seinen letzten Weg antritt, ist sie noch einmal bei ihm. Und er, über den die Zeit längst hinweggegangen ist, blickt mit Staunen auf die Jahre, die hinter ihm liegen. Eine einfache und tief bewegende Geschichte.“

Lesetipp des Monats Oktober – aus der Romanabteilung

Christiane Neudecker: Sommernovelle.

Luchterhand Literaturverlag, München 2015.

Der Sommer geht zu Ende und um noch ein bisschen den Wind der Dünen und das Meeresrauschen zu fühlen, sollte man unbedingt die „Sommernovelle“ lesen:

"Sommernovelle" von Christiane Neudecker

„Sommernovelle“ von Christiane Neudecker

Nicht nur das schöne Cover mit Dünengras, Meer und Himmel lädt ein, sich gedanklich auf eine Nordseeinsel einzulassen und noch einmal in das Jahr 1989 einzutauchen.

Die beiden 15-jährigen Mädchen Panda und Lotte sind in Aufbruchstimmung, wollen sich von ihren Eltern und der Gesellschaft unterscheiden, sind voller Träume und wollen die Welt retten. Die Katastrophe von Tschernobyl bewegt sie und sie möchten unbedingt für die Umwelt aktiv sein. Durch Zufall ergattern die beiden einen Freiwilligenjob auf einer Vogelstation einer Nordseeinsel, um Vögel zu zählen und Touristen durch das Schutzgebiet zu führen. Aus der Sicht der kritischen Beobachterin Panda erzählt, die auch hartnäckig nachfragt, wozu ihre Arbeit in der Station eigentlich dient, entfaltet sich ein atmosphärisch dichtes Panorama der Gefühle: Aufbruch, Selbstzweifel, erstes Verliebtsein  (Lotte verliebt sich in den attraktiven Zivi) und Erwachsenwerden. Sehr gelungen ist die Beschreibung der langsam entstehenden Freundschaft zwischen Panda und einem alten Vogelkundler, die beide die Begeisterung für Bücher teilen.  Panda lernt von ihm das „Himmelslesen“, um eine Vorstellung von der Zahl der Vögel zu haben, die sie zählen soll. Die Sprache der kleinen Novelle ist bezaubernd und voller Leichtigkeit. Der Sprung in die Gegenwart, in der die Erzählerin die Insel als Erwachsene noch einmal besucht – es ist Sylt! – aber doch kaum etwas wieder erkennt, lässt dennoch das Bauchkribbeln von damals nachempfinden.

Wie eine kleine Zeitreise in die eigene Jugend – eine kleine, aber feine Geschichte, von der man gerne me(e)hr hätte! Unbedingt lesen!

Susanne Luther-Feddersen

FerienLeseClub 2015 – Abschluss

Der Blick aus dem Fenster spricht eine deutliche Sprache: Der Lesesommer ist vorbei – jetzt beginnt der Leseherbst! Zeit also, um auch den FerienLeseClub 2015 abzuschließen und Bilanz zu ziehen.

FLC-Logo-Bild_querDer Artikel aus der „Wochenschau“ vom 04.10.2015 verrät es:

FerienLeseClub: Ein voller Erfolg – Lesesommer klang im Kino aus (…) 224 Schülerinnen und Schüler hatten sich für den diesjährigen FerienLeseClub in der Stadtbibliothek Husum angemeldet und fleißig gelesen: innerhalb von 8 Wochen erzielten die Bücher aus dem Club-Regal 1702 Ausleihen.

Die Buchvorlage des diesjährigen Abschlussfilms: "Herr der Diebe" von Cornelia Funke

Die Buchvorlage des diesjährigen Abschlussfilms: „Herr der Diebe“ von Cornelia Funke

Viele Teilnehmer sammelten auch kräftig Stempel in ihren Leselogbüchern – die stolze Bilanz: 29 Urkunden in Bronze (für 1 – 2 gelesene Bücher), 34 in Silber (3 – 6 Bücher) und 71 in Gold (ab 7 Stempeln).

Die große Abschlussveranstaltung im Kino Center Husum hat bereits Tradition. Jedes Jahr wird aus diesem Anlass die Verfilmung eines Buches aus der aktuellen FLC-Auswahl gezeigt. 109 Clubmitglieder kamen zum Abschlussfilm 2015 („Herr der Diebe“ nach dem gleichnamigen FLC-Buch von Cornelia Funke) und brachten teilweise noch Freunde und Verwandte mit.

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Im gut gefüllten Kinosaal gratulierte Linda Zimmermann im Namen der Stiftung Husumer Volksbank, die den FerienLeseClub vor Ort unterstützt, allen FLC-Teilnehmern zu ihren Urkunden und kündigte an, dass die Stiftung sich auch im nächsten Jahr gern wieder an diesem Leseförderungsprojekt beteiligen wird. Bibliothekarin Andrea Sondermann dankte allen FLC-Partnern und gab die dreizehn beliebtesten FerienLeseClub-Bücher dieses Sommers bekannt. (…)“

Das Abstimmungsergebnis ist natürlich auch bereits hier im Bibliotheksblog veröffentlicht!

So war das „litteraturfest.nu“ in der Stadtbibliothek

litteraturfest2015Anlässlich des grenzüberschreitenden Literaturfestivals „litteraturfest.nu“ besuchten der schwedische Autor Fredrik Backman und seine deutsche Übersetzerin Stefanie Werner am 17. September die Stadtbibliothek Husum.

Unter der Überschrift „Fredrik Backman mag es ausführlich“ berichteten die Husumer Nachrichten am 01.10.2015 über die Veranstaltung: „Der Mann ist schwer zu bremsen. „Das war schon immer so: Wenn in der Schule meine Lehrerin einen einseitigen Aufsatz darüber haben wollte, was wir am Wochenende erlebt hatten, schrieb ich 14 Seiten mit allen Details“, gesteht Fredrik Backman, Shootingstar der schwedischen Literaturszene mit drei Bestsellern in Folge. Kein Wunder, dass der Junge mit dem großen Mitteilungsbedürfnis später zum Blogger wurde (für alle, die Schwedisch sprechen, nachzulesen unter www.fredrik.cafe.se bzw. ab Mai 2015 unter www.fredrikbackman.com). „Zum Glück gibt es Lektoren, sonst hätten alle meine Bücher über 1500 Seiten“, sagt er lachend.

"Ein Mann namens Ove" von Fredrik Backman

„Ein Mann namens Ove“ von Fredrik Backman

Es sind die außergewöhnlichen Menschen, die Backman interessieren. Die, die irgendwie anders sind, so wie Ove, der „Held“ seines ersten großen Erfolges. Und nein: Ove hat nicht alle Eigenschaften von Backmans Vater – einige aber schon. Seine eigene Altersgruppe findet er hingegen total langweilig – nie würde er so jemanden in einem seiner Bücher zur Hauptfigur machen. Lieber schreibt er über Ältere oder über Kinder.

Das Publikum liebt Backmans Werke; die Literaturkritiker sind zum Teil weniger begeistert. Der Autor nimmt’s gelassen: „Die wollen große Literatur kritisieren, bei der es auf große Worte ankommt. Bei meinen Büchern halte ich die Sprache aber bewusst einfach, damit möglichst viele Menschen sie lesen und verstehen können. Mir ist die Geschichte wichtiger als die Wortwahl.“

Fredrik Backmans zweiter Bestseller "Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid"

Fredrik Backmans zweiter Bestseller „Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid“

So wurde es auch in der Stadtbibliothek Husum ein durchweg gelassener und längerer Abend, als Fredrik Backman im Rahmen des grenzüberschreitenden Literaturfestivals „litteraturfest.nu“ in der Storm-Stadt zu Gast war. Stefanie Werner, die Übersetzerin von Backmans ersten beiden Büchern „Ein Mann namens Ove“ und „Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid“ führte das deutsch-schwedische Interview und las ausgewählte Passagen aus beiden Werken auf Deutsch vor. Die Fragen des Publikums beantwortete der Autor direkt auf Englisch. Alles kein Problem. Auch nicht, als während der Autogrammstunde Backmans kleiner Sohn anrief – da musste der Papa eben kurz pausieren, um nach Schweden „Gute Nacht“ zu sagen. Was ihn noch sympathischer macht. hn

Mehr zu Fredrik Backman und seinen Bestsellern gibt es auch hier im Blog: unter den Überschriften litteraturfest.nu und Lesetipp des Monats Januar – Roman.

Lesetipp des Monats Oktober – Graffiti-Romanzen

Zwei Liebesgeschichten sind meine Lesetipps für Oktober – was diese beiden Bücher miteinander gemeinsam haben, ist nicht schwer zu erkennen. Trotzdem sind sie ganz unterschiedlich. Und lohnen sich beide zu lesen:

"Die Anatomie der Nacht" von Jenn Bennett

„Die Anatomie der Nacht“ von Jenn Bennett

Jenn Bennett: Die Anatomie der Nacht. Aus dem Englischen übersetzt von Claudia Max.

Königskinder-Verlag, Hamburg 2015.

Im Nachtbus, mit dem sie eigentlich gar nicht fahren darf, lernt die siebzehnjährige Bex den gleichaltrigen Jack kennen. Gutaussehend ist er, sehr schlagfertig und ebenso geheimnisvoll. Aber ein Dieb, wie sie zunächst vermutet, ist er nicht – stattdessen der gesuchte Sprayer, der mit goldener Farbe einzelne Worte an verschiedenen Plätzen von San Francisco hinterlassen hat. Zwischen beiden funkt es sofort, aber sie tauschen weder Nachnamen noch Adressen aus. Werden sie einander wiederfinden?

Autorin Jenn Bennett lässt Bex die Geschichte in der Ich-Form erzählen und hat ihrem Jugendbuch im Original den Titel „The anatomical shape of a heart“ gegeben – sehr passend, weil die begabte Zeichnerin Bex hauptsächlich an anatomischen Studien arbeitet und damit sogar einen Zeichenwettbewerb gewinnen will, um ein College-Stipendium zu ergattern. Der deutsche Titel „Die Anatomie der Nacht“ klingt dagegen deutlich rätselhafter und verweist somit stärker auf Jack, dessen Geheimnisse sich nur nach und nach lüften lassen – dass er Graffiti-Sprayer ist und warum er sich einen „schlechten Buddhisten“ nennt, sind nur die ersten von vielen. Romanze mit Suchtfaktor, die sich sehr gut in einem Rutsch „verschlingen“ lässt.

Zwei Jahre älter als Jenn Bennetts „Anatomie der Nacht“ ist meine Lieblings-„Graffiti-Romanze“, die an dieser Stelle keinesfalls unerwähnt bleiben soll:

"Graffiti Moon" von Cath Crowley

„Graffiti Moon“ von Cath Crowley

Cath Crowley: Graffiti Moon. Aus dem Englischen übersetzt von Henning Ahrens.

Carlsen, Hamburg 2013.

Mit seinen atemberaubenden Graffiti-Kunstwerken hat der Streetart-Künstler Shadow das Herz der ebenfalls künstlerisch begabten Lucy gewonnen – obwohl sie ihm noch nie begegnet ist. Niemand weiß, wer sich hinter Shadow und seinem Freund Poet verbirgt – auch nicht Lucys beste Freundin Jazz, die angeblich hellseherische Fähigkeiten besitzt. Aber Jazz würde für Lucy sowieso lieber ein Date mit einem „echten“ Jungen arrangieren. Als beide sich mit Daisy anfreunden und gemeinsam ausgehen wollen, kommt unverhofft Bewegung in Lucys Suche nach Shadow, denn Daisys (Ex?-)Freund Dylan behauptet, Shadow und Poet ziemlich gut zu kennen. Kurzerhand schlägt Jazz vor, den Abend mit Dylan und seinen Kumpels Ed und Leo (auf den sie ein Auge geworfen hat) zu verbringen, um gemeinsam nach den Künstlern zu suchen. Lucy und Ed sind beide nicht begeistert von dieser Idee, denn sie waren bereits einmal miteinander verabredet und haben dieses Date in denkbar schlechter Erinnerung (es endete damit, dass Ed Lucys Hintern anfasste und sie ihm daraufhin die Nase brach). Das ist jedoch nicht das einzige Problem: Eigentlich brauchen die Jungs dringend Geld und wollen deshalb noch später in derselben Nacht in die Schule einbrechen. Außerdem sind Ed und Leo insgeheim selbst Shadow und Poet – wie sollen sie denn nach sich selbst suchen? Jazz setzt sich trotzdem durch, und so machen sich die Sechs gemeinsam auf den Weg. Wider Erwarten kommen Lucy und Ed mehr als gut miteinander aus und setzen sich ab. Schon bald knistert es zwischen den beiden gewaltig. Aber wie soll er ihr sagen, dass er in Wahrheit Shadow ist?

Abwechselnd aus der Sicht von Ed und Lucy erzählt die australische Autorin Cath Crowley die Geschichte einer ereignisreichen Nacht und schildert dabei die Graffiti-Kunstwerke so plastisch, dass man sie zu gern in echt bewundern würde. Die eingeschobenen Gedichte von Leo alias Poet fügen sich stimmig ins Ganze. Rundum gelungenes Lesevergnügen, das auf ein dreifaches Happy-End hoffen lässt.

Andrea Sondermann