Lesetipp des Monats August – Roman

Henning Mankell: Die schwedischen Gummistiefel. Roman. Aus dem Schwedischen von Verena Reichel.

Zsolnay, Wien 2016.

"Die schwedischen Gummistiefel" von Henning Mankell

„Die schwedischen Gummistiefel“ von Henning Mankell

Der ehemalige Chirurg Fredrik Welin lebt allein auf einer kleinen Schäreninsel vor Stockholm. Nach einem schrecklichen Kunstfehler hat er sich aus seinem Beruf zurückgezogen. Im stressigen Klinikbetrieb hat er einer jungen Sportlerin den falschen Arm amputiert. Das hat er sich nie verziehen.

Gleich zu Beginn der Handlung brennt sein von den Großeltern geerbtes Haus ab, es bleiben ihm noch ein Wohnwagen, ein Zelt, ein Boot und zwei ungleiche Gummistiefel. Sein Vater, der als Kellner beschäftigt war, hatte ihm mit auf den Weg gegeben, nur Schuhe zu tragen, die einen festen Halt bieten (das chinesische Sprichwort „Wenn der Schuh passt, denkt man nicht an den Fuß“ ist dem Roman vorangestellt).

Aus dem Vorgängerband „Die italienischen Schuhe“ wissen wir, dass dem ehemaligen Arzt nur wenige Menschen nahe standen. Seine Tochter lernte er erst als Erwachsene kennen. Die Mutter, seine ehemalige Geliebte, hatte er ohne Kenntnis von ihrer Schwangerschaft verlassen. Als schon kranke Frau besuchte sie ihn eines Tages in seiner Einsamkeit, durch sie erfuhr er von der Existenz seiner Tochter.

Der im vorliegenden Roman mittlerweile 70jährige Welin wird nach dem Brand verdächtigt, das Feuer selbst gelegt zu haben. So ist er nicht nur durch den Brand geschädigt, sondern sieht sich zusätzlich noch den Verdächtigungen der Polizei und der Nachbarschaft ausgesetzt.

Obwohl der Schaden von der Versicherung finanziell abgedeckt ist bleibt der Verlust des Hauses für ihn schmerzhaft. Auch die Wiederbeschaffung von soliden Gummistiefeln einer schwedischen Firma erweist sich als zeitraubend, Billigware aus China will er nicht akzeptieren.

So geht es in diesem Buch um die Frage, was ist, wenn das sicher geglaubte Zuhause wegbricht, Selbstverständliches sich auf einmal als unsicher erweist und der feste Halt im Leben verlustig geht.

Der im letzten Jahr verstorbene Autor schrieb seinen letzten Roman in dem Bewusstsein, unheilbar an Krebs erkrankt zu sein. Diese Gewissheit spiegelt sich auch im Roman wieder, eine leise Melancholie durchzieht das Buch. Seine schwermütige und kauzige Hauptfigur Fredrik Welin ist unverkennbar mit Wallander, dem Kommissar in Mankells Krimis, verwandt.

Ein packender Roman, in der typischen Mankell-Manier erzählt.

Auguste Carstensen-Lenz

 

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Lesetipp des Monats August – Roman

Joel Dicker: Die Geschichte der Baltimores. Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Brigitte Große und Andrea Alvermann.

Piper, München 2016.

"Die Geschichte der Baltimores" von Joel Dicker

„Die Geschichte der Baltimores“ von Joel Dicker

Nach dem großen Erfolg des mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichneten Romans „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“, erschien von dem Schweizer Schriftsteller nun das zweite Buch auch in Deutschland.

Der Ich-Erzähler Marcus, mittlerweile ein berühmter und erfolgreicher Schriftsteller, beginnt aus seiner Sicht die Geschichte der US-amerikanischen Familie Goldman aufzuschreiben.

Seiner Kindheits- und Jugenderinnerung zu Folge erscheint ihm seine eigene Familie, die Goldmans aus Montclair, als typische Mittelstandsfamilie eher langweilig. Er lebt mit seinen Eltern in einem Vorort New Jerseys und geht auf eine normale, staatliche Schule. Onkel und Tante hingegen, die Goldmans aus Baltimore, sind wohlhabend, erfolgreich und strahlen in Marcus´ Augen im hellsten Licht. Sein Cousin, Hillel, ist hochbegabt. Und der Adoptivsohn der Familie, Woody, ist ein großartiger Sportler. Marcus verbringt viele Ferien bei den hoch bewunderten Verwandten, genießt die Zeit mit seinen Cousins, ist aber auch neidisch und schämt sich zuweilen seiner eigenen schlichten Herkunft. Aber Hillel, Woody und er sind beste Freunde und halten fest zusammen. Natürlich verlieben sich alle drei in das gleiche Mädchen, Alexandra.

Eine Katastrophe lässt die vermeintlich heile Welt der Goldmans aus Baltimore zerbrechen. Acht Jahre danach entdeckt Marcus in der Beschäftigung mit der Vergangenheit, die ihn nicht loslässt, dass viele entscheidende Details der Familiengeschichte ganz anders zusammenhingen, als er es wahr haben wollte.

Die Geschichte über Ruhm und Untergang einer Familie, über Freundschaft, Eifersucht und tragische Missverständnisse nimmt den Leser schnell gefangen: Mit Rückblenden und Zeitsprüngen (vor und nach der Katastrophe) entwickelt sich ein anspruchsvoller Unterhaltungsroman, kurzweilig und spannend in einem tollen Erzählstil!

Susanne Luther-Feddersen

Literaturgruppe

Am Montag, 10. Oktober 2016, bespricht die Literaturgruppe ab 18.30 Uhr in der Bibliothek das Buch „Die Wahlverwandtschaften“ von Johann Wolfgang von Goethe.

Interessierte sind herzlich willkommen.

"Die Wahlverwandtschaften" von Johann Wolfgang von Goethe

„Die Wahlverwandtschaften“ von Johann Wolfgang von Goethe

Johann Wolfgang von Goethe: Die Wahlverwandtschaften.

Insel-Verlag, Frankfurt am Main 2012. (Wer sich über die Jahresangabe wundert: 2012 bezieht sich auf diese Taschenbuchausgabe. Natürlich gibt es die „Wahlverwandtschaften“ schon viel länger – laut Verlag gingen sie bereits 1809 aus einem Novellenplan hervor)

Der Verlag schreibt über das Buch: „Eduard und Charlotte sind glücklich und genießen ihr Leben zu zweit auf einem Gutshof auf dem Land. Diese Idylle wird gestört, als Eduard seinen Freund Otto einlädt und Charlotte ihre Ziehtochter Ottilie ins Haus holt: Während Charlotte sich zu Otto hingezogen fühlt, können sich auch Eduard und Ottilie nicht lange gegen die Kraft ihrer Gefühle wehren …“

Halbzeit im FerienLeseClub (FLC)

Noch rund vier Wochen lang läuft der FerienLeseClub in der Stadtbibliothek Husum.

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Bis zum 10. September können Schülerinnen und Schüler ab Klasse 5 beim FLC mitmachen und sich auch jetzt noch anmelden: Ausreichend Club-Lesestoff ist vorhanden und die Teilnahme ist kostenlos. Dieses tolle Ferienangebot wird von der Stiftung Husumer Volksbank unterstützt.

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Urkunden in Bronze, Silber und Gold für alle FLC-Stempel-Sammler gibt es dann auf der Abschlussfeier am 16. September im Kino Center Husum. Welcher Film dabei über die Leinwand läuft, wird jetzt noch nicht verraten. Der einzige Tipp vorab: es handelt sich um eine Buchverfilmung aus der diesjährigen FLC-Auswahl.

Das Geschriebene ist die Verkörperung eines Gedanken

Ausstellungsplakat SmarslyVom 8. August bis zum 29. Oktober zeigt die Stadtbibliothek Husum Druckgrafiken in der neuen Ausstellung „Das Geschriebene ist die Verkörperung eines Gedanken“: Dichter-Porträts von Joachim Smarsly. Der Künstler setzt für seine Porträts Fotos, Texte und grafische Elemente zusammen.

Am 3. September, unserem Tag der offenen Tür, verbindet Joachim Smarsly ab 15.30 Uhr die Lesungen durch Hans-Peter Bögel mit seinen Werken. Interessierte sind herzlich willkommen. Der Eintritt ist frei.

Lesetipp des Monats August – Kinder- und Jugendbuch

Kate Gordon: Wohin meine Flossen mich tragen. Aus dem Englischen von Anne Braun.

cbt, Hamburg 2016.

"Wohin meine Flossen mich tragen" von Kate Gordon

„Wohin meine Flossen mich tragen“ von Kate Gordon

Eigentlich läuft das Leben gar nicht so schlecht für Clementine Darcy: sie hat gleich zwei beste Freundinnen, ein liebevolles Zuhause und hängt sehr an ihren beiden älteren Geschwistern – ihrer nahezu in allen Belangen perfekten Schwestern Sophie und ihrem furchtlosen großen Bruder Fergus. Aber mit 15 ist die Welt leider nicht mehr so einfach: Fergus hat seit einem Jahr sein Zimmer nicht mehr verlassen, Sophie wird immer dünner und unzufriedener. Außerdem hat Clementine das Gefühl, dass sie ihren besten Freundinnen so, wie sie ist, irgendwie nicht mehr gut genug ist, sondern dass die beiden ständig versuchen, sie zu verändern – sie traut sich aber nicht, mit den beiden darüber zu sprechen. Nur in dem „Journal“, das sie für den Philosophie-Unterricht von Ms Hiller schreibt, setzt sich Clementine intensiv mit ihren Gefühlen und Gedanken auseinander – sollte sie lieber mit dem Strom schwimmen oder dagegen? Als sie plötzlich ganz allein dazustehen scheint, findet sie Halt bei Fred, dem Neuen an der Schule: Steampunk-Fan mit durchdringendem Blick und ausgesprochen hübschem Lächeln, das ihr schon seit ihrer ersten Begegnung nicht mehr aus dem Kopf geht. Worüber Clementine bisher nur was-wäre-wenn-Gedichte geschrieben hat, passiert nun wirklich: Sie verliebt sich zum ersten Mal. Durch Fred lernt sie ein anderes Umfeld und neue Freunde kennen und findet immer mehr zu sich selbst. Aber noch hat sie nicht alle Schwierigkeiten überwunden … Ob alle, die ihr am Herzen liegen, wohl auch für sie da sein werden, wenn Clementine sie am dringendsten braucht?

Autorin Kate Gordon lässt Clementine in Form von Journaleinträgen und Gedichten mit ihrer ganz eigenen, sympathischen Stimme erzählen. Die zunächst verstreuten „Schnipsel“ ergeben mehr und mehr ein Gesamtbild und eine zusammenhängende, in sich stimmige Geschichte.

Ein Buch zum Mit- und Wohlfühlen – nette Sommerlektüre mit Tiefgang.

Andrea Sondermann