Lesetipp des Monats April – Bilderbuch

Oliver Jeffers, Sam Winston: Wo die Geschichten wohnen. Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit.

Mixtvision (https://mixtvision.de/), München 2016.

„Wo die Geschichten wohnen“ von Oliver Jeffers und Sam Winston

Der neueste Streich von Oliver Jeffers, dem wir unter anderem auch die hinreißende Freundschafts-Geschichte „Pinguin gefunden“ verdanken, macht mit dem verschlossenen Buch auf dem Cover schon auf den ersten Blick alle Leseratten neugierig. Gemeinsam mit Sam Winston entführt Jeffers sein Publikum in ein Reich aus Wörtermeeren, Märchenbergen, Zauberwäldern und verwunschenen Schlössern, die allesamt aus Büchern und Geschichten bestehen. Ein fantasiebegabtes Mädchen sucht darin einen Reisegefährten und findet einen Jungen, der nach anfänglicher Skepsis mit ihr im Kaninchenloch aus „Alice im Wunderland“ verschwindet. Gemeinsam erleben sie nun die wunderbarsten Abenteuer und bauen sich eine Welt aus Geschichten, in der jeder willkommen ist. Und die allerletzte Seite verrät dann auch, mit welchem Schlüssel sich die (Buch-)Tür dorthin öffnen lässt.

Eine zauberhafte Liebeserklärung an das Lesen – und an alle Bücher, die kleine Skeptiker das Lesen lieben gelehrt haben.

Andrea Sondermann

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Lesetipp des Monats Februar – Kinderkrimi

Kevin Sands: Der Blackthorn-Code – Das Vermächtnis des Alchemisten. Aus dem Amerikanischen von Alexandra Ernst.

dtv (https://www.dtv.de/), München 2016.

"Der Blackthorn-Code - Das Vermächtnis des Alchemisten" von Kevin Sands

„Der Blackthorn-Code – Das Vermächtnis des Alchemisten“ von Kevin Sands

London, 1665: Seit rund drei Jahren ist Waisenjunge Christopher Rowe bereits Lehrling bei Meisterapotheker Benedict Blackthorn, als die Stadt von einer Mordserie erschüttert wird. Mehrere Opfer waren Apotheker, und Christopher fürchtet um seinen Meister, der für ihn wie ein Vater ist. Benedict Blackthorn, der insgeheim auch Alchemie betreibt, bringt seinem Schützling nicht nur das Apothekerhandwerk bei, sondern ermuntert ihn zum Rätsellösen und Entschlüsseln von Geheimcodes. Doch eines Tages schickt er Christopher mit einem unmöglichen Auftrag fort, und als der Junge zurückkehrt, findet er seinen Meister ermordet vor. Gemeinsam mit seinem besten Freund Tom macht Christopher sich auf die Suche nach den Tätern – eine letzte, verschlüsselte Botschaft seines Meisters in der Tasche, die ihn auf die Spur eines gefährlichen Geheimnisses führt.

Atmosphärisch, düster, spannend – ein historisches Abenteuer vom Feinsten! Eine Fortsetzung ist bereits angekündigt: wenn die so gut wird wie Teil 1, können wir uns schon jetzt auf eine neue Runde Codeknacken mit Christopher freuen.

Andrea Sondermann

Lesetipp des Monats Oktober – Bilderbücher

Zwei ebenso unterschiedliche wie außergewöhnliche Bilderbücher sind meine Lesetipps für diesen Monat:

Francesca Sanna: Die Flucht. Aus dem Englischen von Thomas Bodmer.

NordSüd, Zürich 2016.

"Die Flucht" von Francesca Sanna

„Die Flucht“ von Francesca Sanna

Das Bilderbuchdebüt von Francesca Sanna ist poetisch und zeitlos, aber zugleich trotz aller Zeitlosigkeit von trauriger Aktualität. Es erzählt aus der Sicht eines namenlosen Kindes (auch ob Junge oder Mädchen bleibt unerwähnt) von der Flucht einer Familie aus Kriegsgebiet und der stetigen Hoffnung auf ein neues Zuhause – doch ob dieses Ziel erreicht wird, bleibt ungewiss. Die eindrucksvollen Bilder verraten dabei oft mehr als die kurzen Sätze der Geschichte. So wird die Familie an der Grenze von einem übellaunigen Giganten mit scharfen Zähnen zurückgewiesen und im Schutz der Dunkelheit von einem unheimlichen Schleuser mit katzenhaften Augen und riesigen Händen doch noch über die Mauer gehoben. Bedrückend und beeindruckend. Bildgewaltiger Augenschmaus zum Nachdenken.

 

Sigrid Eyb-Green: Die Sonnenschaukel.

Jungbrunnen, Wien 2016.

Ebenfalls poetisch, aber weitaus fröhlicher kommt „Die Sonnenschaukel“ von Sigrid Eyb-Green daher. In Gestalt von vier Zwerginnen wandern Frühling, Sommer, Herbst und Winter in teils überraschenden, teils rätselhaften Wortbildern durchs (Garten-)Jahr. Heitere Reime und tiefgründiger Inhalt halten sich die Waage und lassen ihre (Vor-)Leser nachhaltig verzaubert zurück. Ein echter Gedichtschatz, nach dem sich die Suche im Bilderbuchtrog auf jeden Fall lohnt!

Andrea Sondermann

Film- und Lesetipp des Monats September

Mary Norton: Die Borger. Mit Bildern von Emilia Dziubak. Aus dem Englischen von Christiane Jung.

Fischer Sauerländer, Frankfurt am Main 2015.

"Die Borger" von Mary Norton

„Die Borger“ von Mary Norton

Im englischen Original erschienen „Die Borger“ erstmals bereits 1952, haben ihren zeitlosen Zauber aber bis heute nicht verloren. Im Grunde sind die Borger genau wie Menschen – nur sehr viel kleiner. Unter den Dielen eines alten viktorianischen Landhauses wohnen die Borger-Eheleute Clock mit ihrer vierzehnjährigen Tochter Arrietty und erbeuten aus dem Haushalt der Menschen alles, was sie zum Leben brauchen. Da sie so klein sind, fällt es kaum auf, wenn bei den Menschen etwas fehlt. Obwohl sie das nicht als Diebstahl empfinden (weil sie ja „nur“ borgen), ist es ihr oberstes Gebot, niemals entdeckt zu werden. Doch Arrietty ist unglaublich neugierig auf die Welt da oben… und wird natürlich prompt gesehen. Überraschenderweise ist das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Autorin Mary Norton wuchs selbst in einer alten georgianischen Villa auf, deren Ecken und Winkel sicherlich für den Schauplatz der „Borger“ Pate standen. Detailverliebt umgesetzt wird dieser unwiderstehlich verwinkelte Charme in der Verfilmung „Arrietty – die wundersame Welt der Borger“ durch das renommierte Studio Ghibli. Behutsam in die japanische Gegenwart verlegt, entfalten die Borger auch im Anime ihren ungebrochenen Zauber. Arriettys winzige und doch so große Welt lädt Schritt für Schritt zum Staunen ein und zieht nicht nur den Menschenjungen Sho, sondern auch die Zuschauer nachhaltig in ihren Bann. Ein nahezu magischer Blick auf die kleinen Dinge des Lebens.

Arrietty – die wundersame Welt der Borger. Japan, 2010. Regie: Hiromasa Yonebayashi. 1 DVD (91 Min.). Freigegeben ohne Altersbeschränkung.

Andrea Sondermann

Lesetipp des Monats August – Kinder- und Jugendbuch

Kate Gordon: Wohin meine Flossen mich tragen. Aus dem Englischen von Anne Braun.

cbt, Hamburg 2016.

"Wohin meine Flossen mich tragen" von Kate Gordon

„Wohin meine Flossen mich tragen“ von Kate Gordon

Eigentlich läuft das Leben gar nicht so schlecht für Clementine Darcy: sie hat gleich zwei beste Freundinnen, ein liebevolles Zuhause und hängt sehr an ihren beiden älteren Geschwistern – ihrer nahezu in allen Belangen perfekten Schwestern Sophie und ihrem furchtlosen großen Bruder Fergus. Aber mit 15 ist die Welt leider nicht mehr so einfach: Fergus hat seit einem Jahr sein Zimmer nicht mehr verlassen, Sophie wird immer dünner und unzufriedener. Außerdem hat Clementine das Gefühl, dass sie ihren besten Freundinnen so, wie sie ist, irgendwie nicht mehr gut genug ist, sondern dass die beiden ständig versuchen, sie zu verändern – sie traut sich aber nicht, mit den beiden darüber zu sprechen. Nur in dem „Journal“, das sie für den Philosophie-Unterricht von Ms Hiller schreibt, setzt sich Clementine intensiv mit ihren Gefühlen und Gedanken auseinander – sollte sie lieber mit dem Strom schwimmen oder dagegen? Als sie plötzlich ganz allein dazustehen scheint, findet sie Halt bei Fred, dem Neuen an der Schule: Steampunk-Fan mit durchdringendem Blick und ausgesprochen hübschem Lächeln, das ihr schon seit ihrer ersten Begegnung nicht mehr aus dem Kopf geht. Worüber Clementine bisher nur was-wäre-wenn-Gedichte geschrieben hat, passiert nun wirklich: Sie verliebt sich zum ersten Mal. Durch Fred lernt sie ein anderes Umfeld und neue Freunde kennen und findet immer mehr zu sich selbst. Aber noch hat sie nicht alle Schwierigkeiten überwunden … Ob alle, die ihr am Herzen liegen, wohl auch für sie da sein werden, wenn Clementine sie am dringendsten braucht?

Autorin Kate Gordon lässt Clementine in Form von Journaleinträgen und Gedichten mit ihrer ganz eigenen, sympathischen Stimme erzählen. Die zunächst verstreuten „Schnipsel“ ergeben mehr und mehr ein Gesamtbild und eine zusammenhängende, in sich stimmige Geschichte.

Ein Buch zum Mit- und Wohlfühlen – nette Sommerlektüre mit Tiefgang.

Andrea Sondermann

Lesetipp des Monats Juli – Bilderbuch

Rachel Bright, Jim Field: Der Löwe in dir. Aus dem Englischen übersetzt von Pia Jüngert.

Magellan, Bamberg 2016.

"Der Löwe in dir" von Rachel Bright und Jim Field

„Der Löwe in dir“ von Rachel Bright und Jim Field

Nein, es ist nicht schön, so klein und ängstlich zu sein wie die Maus und immer von allen übersehen zu werden. Viel lieber wäre sie ein bisschen mehr wie der Löwe. Vielleicht hilft es, wenn sie das Brüllen lernt – aber von wem? Das muss ihr doch wohl der Meister persönlich beibringen! Also nimmt sie all ihren Mut zusammen und macht sich auf den Weg, um ihn zu fragen.

Tapfer, tapfer! Wer hätte geahnt, welche Überraschung auf sie wartet … und dass die Erkenntnis am Ende natürlich nur lauten kann: „Jeder von uns ist mal Löwe, mal Maus.“

Frech gedichtet von Rachel Bright (und auch in Reimen übersetzt!) entspinnt sich eine kleine feine Geschichte über Angst und Mut, über Freundschaft und darüber, dass in den Kleinsten oft mehr steckt als man denkt und dass auch der Stärkste sich mal fürchten darf. Eine wohltuende Botschaft, rundum gelungen verpackt: die herrlichen Zeichnungen von Jim Field (siehe Buchcover) bringen die Gefühlslage der Protagonisten gekonnt auf den Punkt.

Andrea Sondermann

 

Lesetipp des Monats April – Kinderbuch

Ellen van Velzen: Der Turm der Drachenlenker. Aus dem Niederländischen übersetzt von Meike Blatnik.

Gerstenberg-Verlag, Hildesheim 2015.

"Der Turm der Drachenlenker" von Ellen van Velzen

„Der Turm der Drachenlenker“ von Ellen van Velzen

Genau 496 Stoffdrachen schweben hoch über dem kleinen, abgeschiedenen Dorf. Die Überlieferung erzählt, dass sie das Dorf und seine Bewohner vor Gefahr beschützen. Der Junge Jani glaubt daran, aber seine Altersgenossen und auch viele Erwachsene halten das mittlerweile nur noch für ein altes Märchen. Daher sind die Drachenlenker nicht mehr so angesehen wie einst, und der verträumte Jani erntet Hohn und Unverständnis, als er bei ihnen in die Lehre geht. Dabei ist er noch gar nicht sicher, ob er diesen Weg wirklich einschlagen will, denn der Jüngere der beiden Drachenlenker, der mürrische „Neue Drachen“, macht ihm das Leben zusätzlich schwer. Soll Janis Berufung denn zwangsläufig Einsamkeit bedeuten und wird auch die Freundschaft zwischen ihm und der gleichaltrigen Mond daran zerbrechen? Während Jani noch um eine Entscheidung ringt, scheint etwas Böses und Gefährliches dem Dorf immer näher zu kommen – helfende Drachenmagie wäre mittlerweile also durchaus angebracht. Aber was, wenn der Schutz gar nicht funktioniert? Hat Jani sich etwa die ganze Zeit geirrt, oder kann er am Ende doch mit Hilfe der Drachen alle Dorfbewohner retten?

Ellen van Velzen entführt mit ihrem Buch in eine seltsam zeitlose Welt, in der sich die Gefahr auf leisen Sohlen heranschleicht. Die über weite Strecken ruhige Selbstfindungsgeschichte ist aus Janis Sicht erzählt, sehr poetisch und sehr berührend. Fesselnde Unterhaltung!

Andrea Sondermann