Lesetipp des Monats Januar – Thriller

Gregg Hurwitz: Orphan X. Roman. Aus dem Amerikanischen von Mirga Nekvedavicius.

HarperCollins (https://www.harpercollins.de/), Hamburg 2016.

Auf den ersten Blick wirkt Evan Smoak eigentlich wie ein Durchschnittstyp – Mitte 30, nicht zu durchtrainiert, nicht zu gutaussehend – und wohnt im nicht allzu elitären Apartmenthaus „Castle Heights“, wo man den Nachbarn ab und an im Fahrstuhl begegnet, aber ansonsten nichts weiter miteinander zu tun hat.

Alles bloß Tarnung: Seit Evan im Alter von 12 Jahren in einem streng geheimen, beinharten Trainingsprogramm landete, ist an ihm gar nichts mehr durchschnittlich. Im (natürlich total illegalen und aus schwarzen Kassen finanzierten) Auftrag der US-Regierung hat er jahrelang als „Orphan X“ rund um die Welt getötet, diesem Job aber mittlerweile den Rücken gekehrt. Seine Fähigkeiten setzt er nur noch ein, um Verzweifelten zu helfen, die sich an niemand anderen als den „Nowhere Man“ wenden können.

Doch dann gerät alles aus den Fugen: Die Nachbarn in Castle Heights beharren nachdrücklich auf seiner Teilnahme an den regelmäßigen Eigentümerversammlungen, und die alleinerziehende Staatsanwältin Mia Hall und ihr Sohn Peter aus Apartment 12b beginnen unaufhaltsam wie eine Naturgewalt Evans selbstgewählte Einsamkeit aufzubrechen. Noch schlimmer als dieser Angriff auf sein seelisches Gleichgewicht ist allerdings, dass auf Evan und seine neue Klientin Katrin White ein Mordanschlag verübt wird und die Verfolger ihre Spur anscheinend trotz aller Schutzmaßnahmen ständig wiederfinden können. Wer sind diese hartnäckigen Jäger – etwa Feinde aus Evans „Orphan“-Vergangenheit? Immerhin hatten nicht alle „Orphans“ einen Ausbilder mit so hohen moralischen Grundsätzen wie Evans Ersatzvater Jack Johns. Bald muss der „Nowhere Man“ gegen fast alle seine Regeln verstoßen, um die letzte und wichtigste Regel einzuhalten: „Lasse niemals einen Unschuldigen sterben“…

Autor Gregg Hurwitz kommt in seinem Thriller schnell zur Sache: Es gibt keine große Einleitung; die ganz kurze Start-Rückblende in Evans Vergangenheit (im Prolog) gibt mehr Rätsel auf, als sie beantwortet, und dann ist Evan auch schon erwachsen und kommt angeschlagen von einem Auftrag nach Hause. Von da an steigt die Spannungskurve durchgehend nach oben! Die eine oder andere Rückblende taucht später noch auf, aber das bleiben kleine Mosaiksteinchen im großen Ganzen, die einige wichtige Punkte erklären und weitaus mehr im Dunkeln lassen. Der Fokus liegt klar auf Evans handfesten Schwierigkeiten im Hier und Jetzt.

Also (für alle, die sich das bei der Lektüre fragen): Nein, was genau Grundschüler Peter, der Evan offensichtlich als seinen ganz persönlichen Helden anhimmelt, mit den Worten „Danke, dass du mir vorhin aus der Patsche geholfen hast“ am Ende von Kapitel 1 meint, wird tatsächlich im gesamten Buch nicht aufgelöst. Das müssen wir uns beim Lesen schon selbst ausmalen, und einige andere Sachen auch. Andererseits schadet Mitdenken beim Lesen ja nicht. Und Fortsetzung folgt. Glauben Sie mir: Sie werden ungeduldig darauf warten.

Andrea Sondermann

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Lesetipp des Monats Dezember – Roman

Daniel Kehlmann: Tyll. Roman.

Rowohlt (https://www.rowohlt.de), Reinbek bei Hamburg 2017.

Am Ende jedes Jahres frage ich mich, welches der Bücher, die ich in den vergangenen Monaten gelesen habe, wohl mein Lieblingsroman gewesen ist. Hier ist die Antwort für 2017: Mein Buch des Jahres ist „TYLL“ von Daniel Kehlmann.

„Tyll“ von Daniel Kehlmann
(c) Rowohlt-Verlag

Nach dem sensationellen Erfolg seines Romans „Die Vermessung der Welt“ über Alexander von Humboldt und den genialen Mathematiker Carl Friedrich Gaus hatte Kehlmann als knapp 30-jähriger seinerzeit erklärt, er werde nun nie wieder einen historischen Stoff verarbeiten, er hatte viele andere Pläne. Und er hat sich wirklich redlich Mühe gegeben in den letzten 12 Jahren, vom experimentellen Roman bis zum Krimi hat er alles Mögliche veröffentlicht.

Erst in der Ferne, Daniel Kehlmann lehrt und arbeitet zur Zeit in New York, hat er sich auf das besonnen, was er am allerbesten kann: Eine Epoche zum Leben zu erwecken!

In „TYLL“ lässt er uns mühelos eintauchen, mit allen Sinnen, ins düstere 17. Jh., in die Zeit des 30-jährigen Krieges, in dessen blutigem Gefolge die damals bekannte Ordnung in Trümmern lag. Schlachten, Missernten, Seuchen, Aberglauben, religiöser Wahn… Ein Menschenleben gilt nicht viel und im Grunde ist jeder jederzeit in Lebensgefahr. Eine grausame, dunkle Welt voll Willkür und Gewalt, Angst, Pest und Gestank. EINER jedoch, der tanzt und spielt durch die deutschen Lande. Und durch dieses Buch! Im Grunde ist er fortwährend auf der Flucht, doch währenddessen lehrt er als Gaukler die Menschen das Staunen, hält ihnen den sprichwörtlichen Spiegel vor und zieht ihnen das Geld aus der Tasche, hält sie zum NARREN. Ist überall und nirgends.

Kehlmanns bester Schachzug nämlich ist die Wahl seiner Hauptfigur, die durch dieses prachtvolle Buch irrlichtert. Und fest entschlossen ist, selbst dem Tod zu entfliehen.

Sie kennen ihn alle – Es ist Till Eulenspiegel, der Narr, der bei uns in Norddeutschland, in Mölln begraben liegen soll, den Kehlmann in seinem Buch höchst lebendig werden lässt. Er ist noch fast ein Kind, als er aus der heimischen Mühle flieht und auf Wanderschaft geht, als Ulenspiegel zieht er durch die verwüsteten Lande, die junge Bäckerstochter Nele an seiner Seite. Er trifft die Bettler, Bauern und Soldaten bei seinen verrückten Darbietungen und begegnet den Großen seiner Zeit, denen er als Hofnarr dient, mit ebenso wenig Respekt wie den kleinen Leuten. Wenn es brenzlig wird, zieht er weiter. Sein Leben ist ein einziger Tanz auf dem Seil.

Wir leben in gefühltermaßen unsicherer werdenden Zeiten. Diese hinreißend erzählte Geschichte aus, historisch gesehen, absolut chaotischen Zeiten hatte auf mich beim Lesen daher eine verblüffend beruhigende Wirkung.

„TYLL“ ist ein kluger, ja fast gelehrter Roman, und dabei ein leichtfüßiger Lesespaß. Im wahrsten Sinne ein GenieSTREICH!

Hedda Jensen

Lesetipp des Monats November – Roman

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann. Roman.

DuMont (http://www.dumont-buchverlag.de/), Köln 2017.

Hauptfigur Luise, die Enkelin von Selma, erzählt, zunächst als Kind, später dann als junge Erwachsene, ihre persönliche Geschichte und die der Menschen in ihrem kleinen Dorf im Westerwald.

Ihre Großmutter Selma hat eine besondere und von allen gefürchtete Gabe: immer wenn sie von einem Okapi (= giraffenartiger Paarhufer aus dem zentralafrikanischen Regenwald) träumt, stirbt binnen 24 Stunden ein Mensch aus der Gegend. Da niemand weiß, wen es treffen wird, sind alle Bewohner des Dorfes, sobald bekannt wird, dass Selma diesen Traum hatte, besonders vorsichtig, ängstlich und besorgt.

Die Menschen, die Luise umgeben, sind ihr gleichaltriger Freund Martin, ihre Oma und ihre Eltern: die Mutter, die so mit sich selbst und dem Wunsch, sich von ihrem Mann zu trennen beschäftigt ist und der Vater, der ständig in der Welt herumreist, so dass beide ihre Tochter gar nicht wahrnehmen. Dann gibt es noch den Optiker, der nicht nur heimlich in Luises Oma verliebt ist, sondern Luise und ihrem Freund alles Wissenswerte der Welt beizubringen versucht.

Der Schicksalsschlag, den Luise noch als Kind erfahren muss, als nach einer der Todesvisionen ihrer Oma ihr bester Freund aus dem Zug fällt und stirbt, prägt Luise in ihrem Erwachsenwerden. Sie macht eine Buchhändlerlehre im nächstgelegenen Ort und verbringt ihre Zeit noch immer am liebsten bei ihrer Oma und im Dorf.

Als Luise dem buddhistischen Mönch Frederick begegnet, entdeckt sie deutlich mehr Facetten für ihr weiteres Leben.
Die beschriebenen Bewohner des Dorfes sind eine skurrile, kleine und scheinbar beengte Gemeinschaft, deren Welt die Autorin liebevoll und scharfsinnig ersonnen hat.

Das Eintauchen als Leserin oder Leser in Luises kleine, eigenartige Welt lohnt sich unbedingt!

Susanne Luther-Feddersen

Lesetipp des Monats November – Roman

Kate Mosse: Der Kreis der Rabenvögel. Roman. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.

Droemer (https://www.droemer-knaur.de), München 2017.

„Der Kreis der Rabenvögel“ von Kate Mosse
(c) Verlagsgruppe Droemer Knaur

Wenn Sie manchmal das Gefühl haben, es regnet in unseren Breiten einfach zu häufig, dann ist es Zeit für den großartigen neuen Roman „Der Kreis der Rabenvögel“ von Kate Mosse.

Die düster-spannende Geschichte um die junge Contantia Gifford spielt an der stürmischen Küste von Sussex, im Jahre 1912. Connie, wie sie genannt wird,  lebt mit ihrem trunksüchtigen Vater, einem einst berühmten Tierpräparator, in völliger Zurückgezogenheit in einem abgelegenen Landhaus, mitten im  sumpfigen Marschland. Die Menschen in dieser einsamen Gegend sind Niederschläge gewöhnt. Doch in diesem Jahr sind die Wetterverhältnisse besonders übel. Die Wege sind überflutet, es regnet, es stürmt, es gießt, es gewittert. Eines Morgens findet Connie eine Leiche im Schlick. Hatte ihr Vater die Hände im Spiel?

Seit einem schweren Unfall fehlt der jungen Frau jegliche Erinnerung an ihre eigene Kindheit. Doch langsam, in kurzen, beunruhigenden Sequenzen, suchen sie die Erlebnisse von einst sie wieder ein. Nach dem Fund der toten Frau und der unheimlichen nächtlichen Versammlung in der Dorfkirche, die Connie heimlich beobachtet, verschwinden innerhalb weniger Tage auch noch vier Männer, lauter ehrenwerte Herren der Gesellschaft. Auch von ihrem Vater fehlt jede Spur. Als die unerschrockene Connie mit Hilfe des jungen Harry Doyle den düsteren Geheimnissen auf die Spur kommt, gerät sie selbst in große Gefahr.

Vorhänge zu, Heizung hoch drehen oder Kamin anfeuern und dem Heulen des Sturms lauschen, das sind die richtigen Zutaten, um dieses Buch richtig zu genießen.

Hedda Jensen

 

Lesetipp des Monats September – Thriller

Asa Ericsdotter: Epidemie. Roman. Aus dem Schwedischen von Ulla Ackermann.

Arctis (http://arctis-verlag.de/), Zürich 2017.

Eine besondere Art der Diät

Diesen unglaublichen Thriller hat mir eine Kollegin empfohlen und ich habe dieses Buch mit dem schlichten schwarzen Titelbild mit der weißen Schrift, die aussieht, als sei sie mit Zucker aufgestreut, binnen zwei Tagen verschlungen!

In Schweden ist seit vier Jahren die Gesundheitspartei unter der Führung des charismatischen Präsidenten Johan Svärd an der Macht. Seine Wiederwahl steht bevor. Fast das ganze Land widmet sich der kollektiven Bekämpfung der Fettleibigkeit, die die Partei für die Geißel der Menschheit hält. Mit erschütternder Leichtigkeit ist die Machtübernahme gelungen, die Erfolge sind groß und das Ausland betrachtet die Entwicklung interessiert.

Es gibt Steuern auf Zucker, Schweinefleisch und auf Übergewicht, Menschen werden nach dem Fettindikator eingeteilt, Magenband-Operationen und Abnehmpillen sind schon für Kinder alltäglich. Die Menschen überwachen sich gegenseitig und nur wenige fragen sich, was in den „Fat Camps“ für die ganz schweren Fälle wirklich geschieht. Daneben läuft der scheinbar normale Alltag weiter.

Eigentlich hat sich der junge Professor Landon ins abgelegene Ferienhaus seiner Familie zurück gezogen, um in Ruhe zu arbeiten. Er lernt die warmherzige, selbstbewußte Helena kennen, die ihre Tochter von der Schule abgemeldet hat, um sie vor weiteren Demütigungen und Maßnahmen zur gezwungenen Gewichtsabnahme zu bewahren. Als Helena eines Tages spurlos verschwindet, beginnt ein Wettlauf mit der Zeit.

Die Autorin möchte ihren Debütroman durchaus auch als politischen Protest verstanden wissen, nicht umsonst gibt es im Buch klare Parallelen zur Diktatur des Nationalsozialismus, zu den Methoden und Motiven der geistigen Brandstifter. Und das verknüpft sie erschreckend und klug zugleich mit dem aktuellen Schlankheits- und Gesundheitswahn.

Ein mitreißend erzählter Thriller, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Aus mehr als nur einem Grund!

Hedda Jensen

 

Lesetipp des Monats August – Roman

Graham Swift: Ein Festtag. Roman. Aus dem Englischen von Susanne Höbel.

dtv (https://www.dtv.de/), München 2017.

Ein Sonntag im März

Ein überraschend sommerlicher Tag im März des Jahres 1924. Die „Herrschaft“ des Dienstmädchens Jane plant einen Ausflug zum Pferderennen, vor Jane liegt ein freier Tag.

Während des Frühstücks nimmt sie einen Anruf entgegen, von dem sie später behauptet, jemand sei „falsch verbunden“ gewesen. Kurze Zeit später liegt sie im Bett ihres vertrauten Liebhabers Paul, zum ersten Mal können sie sich in seinem Zimmer treffen. Paul Sheringham ist der Sohn einer mit Janes Arbeitgebern befreundeten, ebenfalls sehr wohlhabenden Nachbarfamilie. Seine Hochzeit mit einer natürlich standesgemäßen Braut steht bevor, später an diesem Tag ist Paul noch mit seiner Verlobten verabredet.

Nachdem er verspätet aufgebrochen ist, streift Jane, die weder ihren Vater noch ihre Mutter noch ihren wirklichen Namen kennt, neugierig durch das Haus und hängt ihren Gedanken nach. Noch ahnt sie nicht, wie dieser Tag enden wird.

Niemals in ihrem langen, erfüllten Leben, denn Jane wird über 90 Jahre alt werden und eine gefeierte Schriftstellerin, wird sie jemandem von dieser verbotenen Affäre erzählen. Sie bleibt ihr Geheimnis. Und hat doch Spuren hinterlassen, wie alles, das unser Leben berührt.

„Ein Festtag“ ist ein schmaler, elegant und unaufgeregt erzählter, sehr sinnlicher Roman des vielfach preisgekrönten britischen Autors Graham Swift, hervorragend übersetzt von Susanne Höbel. Ein Buch voll kluger Lebensfreude!

Hedda Jensen

Lesetipp des Monats Juli – Roman

Julian Barnes: Der Lärm der Zeit. Roman. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger.

Kiepenheuer & Witsch (http://www.kiwi-verlag.de/), Köln 2017.

„Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes
(c) Kiepenheuer & Witsch

Warum steht ein Mann Nacht für Nacht neben seinem gepackten Koffer im Treppenhaus?

Der Komponist Dimitri Schostakowitsch wartet im Moskau des Jahres 1936 wie unzählige andere Bürger des Landes auf seine Verhaftung durch den russischen Geheimdienst. Er möchte seiner Frau und seiner kleinen Tochter den Anblick ersparen, dass er aus dem Schlafzimmer gezerrt wird.

Schon mit seiner ersten Sinfonie, die der damals erst 19-jährige Student 19125 als Abschlussarbeit komponiert hatte, hatte Schostakowitsch weltweite Anerkennung errungen. Die berühmtesten Orchester spielten fortan seine Stücke.

Seitdem Stalin jedoch eine Aufführung einer Oper von Schostakowitsch frühzeitig verlassen und die Parteizeitung „Prawda“ das Werk in einem Artikel verrissen hat, muss der Komponist damit rechnen, Opfer eines der berüchtigten Schauprozesse der Stalin-Ära zu werden.

Wie überlebt man als Künstler und als Mensch den „Lärm der Zeit“?

Man muss nicht musikbegeistert sein oder sich sogar schon mit der Biographie von Schostakowitsch befasst haben, um von diesem Roman des großartigen britischen Autors Julian Barnes gefesselt zu sein.

Schlaglichtartig beleuchtet Barnes Stationen im Leben des Musikers. Es geht um Privates und um Begegnungen mit der Macht, um Feigheit und Mut. Es geht um die Frage, wem die Kunst gehört und darum, wie weit man bereit ist, Kompromisse zu machen, sich demütigen zu lassen, um weiter als Künstler arbeiten zu können.

Durch weltweite politische Entwicklungen erhält Julian Barnes neuester Roman traurige Aktualität. Der Autor wurde im vergangenen Jahr übrigens in Hamburg mit dem Siegfried-Lenz-Preis für sein Gesamtwerk ausgezeichnet.

Hedda Jensen