Lesetipp des Monats September – Sachbuch

Christoph Ribbat: Im Restaurant. Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne.

Suhrkamp, Berlin 2016.

"Im Restaurant" von Christoph Ribbat

„Im Restaurant“ von Christoph Ribbat

Eine Weltgeschichte der Gastronomie in vielen kurzen Häppchen erzählt. Aneinandergereiht ergeben sie ein Gesamtbild des modernen „auswärtigen Essens“. Die Geschichte der europäischen Restaurants begann vor 250 Jahren. In der Zeit davor ging es meist rustikaler zu. Die Gäste saßen zusammen an einem großen Tisch, serviert wurde das Tagesgericht. Das Restaurant hingegen war mehr als ein Ort der bloßen Nahrungsaufnahme, es wurde ein Ort des Sehens und des Gesehenwerdens. Die Gäste saßen jetzt an eigenen Tischen, sie erhielten eine Speisekarte zum Aussuchen der Mahlzeit und der Ober fragte nach ihren Wünschen. Gleichzeitig prallten im Restaurant die Gegensätze aufeinander: einerseits der Luxus und der Genuss, hinter den Kulissen aber Schwerstarbeit und schlechte Arbeitsbedingungen für das Personal. Von den Servicekräften wurde eine ausgesuchte Freundlichkeit und immerwährendes Lächeln gegenüber der Kundschaft erwartet. Der Autor spricht vom „emotionalen Proletariat“, das sich bis in die Gegenwart weiter entwickelt habe und kommt zu der Erkenntnis „heute sind wir alle Kellner“.

Christoph Ribbat, Professor für Amerikanistik an der Universität Paderborn, beleuchtet die Esskultur aus vielen Blickwinkeln. Er schreibt über die Gourmetküche und über Fast Food, über Klassenfragen beim Essen, auch über unappetitliche Szenerien in der Gastronomie, über Kochgenies, Kellnerinnen, Philosophen und Soziologinnen. Die kulinarischen Künste der Spitzenköche Paul Bocuse und Eckart Witzigmann gehören zum Thema wie auch das Wirken ihres Testers und äußerst sensiblen Feinschmeckers Wolfram Siebeck. Des Autors Quintessenz: Restaurants sind ein Spiegel der Gesellschaft.

Ein mit Fakten und Anekdoten pralles Buch, sehr unterhaltsam geschrieben. Ein Lesegenuss für alle, die sich für die Kulturgeschichte des Essens interessieren.

Auguste Carstensen-Lenz

 

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Lesetipp des Monats Juni – Sachbuch

Dieter-J. Mehlhorn: Architektur in Schleswig-Holstein. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart.

Wachholtz, Kiel 2016.

"Architektur in Schleswig-Holstein" von Dieter-J. Mehlhorn

„Architektur in Schleswig-Holstein“ von Dieter-J. Mehlhorn

Ob Kirchen, Schlösser, Gutshöfe, Bauern- oder Bürgerhäuser – Schleswig-Holstein hat mit seinen Bauwerken eine eigene und besondere Architekturlandschaft hervor gebracht. Als Brücke zwischen Deutschland und Skandinavien war dieses Gebiet vielfältigen Einflüssen ausgesetzt. Siedler aus dem Westen und der Mitte Deutschlands brachten neben ihren Lebensformen auch eigene architektonische Vorstellungen ins Land zwischen Nord- und Ostsee, später kamen dänische und preußische Tendenzen zum Tragen.

Der Autor Prof. Dieter-J. Mehlhorn, der bereits zahlreiche Bücher verfasste, präsentiert jetzt die nahezu 1.000 Jahre umfassende Baugeschichte des Landes in den heutigen Grenzen. Als Fachmann lehrte er in Bremen, Kiel und Lübeck und war als Stadtplaner mit den Schwerpunkten Stadterneuerung tätig.

In den ersten vier Kapiteln führt der Autor in die verschiedenen Aspekte der Baukultur ein. So beschreibt er die bestimmenden Faktoren des Bauens wie die Klimaverhältnisse, die Landschaft und die Baumaterialien. In der „Stilgeschichte“ der Architektur geht er auf die typischen Bauweisen der geschichtlichen Epochen ein und macht den Zusammenhang zur politischen Entwicklung deutlich. Im Kapitel „Bautypen“ geht es um die spezifische Architektur von gesellschaftlichen Gruppen wie Kirchen, Adel, Herrschaft und einfache Wohnbevölkerung. Auch diese sieht er im Kontext zu den großen Umwälzungen, wie z.B. die Christianisierung oder die Industrialisierung. Der vierte Teil ist der technischen Infrastruktur gewidmet. Straßen, Wasserwege, Brücken, Bahnhöfe, Befestigungsanlagen, touristische Bauwerke und Schiffe werden in den Blick genommen.

Den Hauptteil des umfangreichen Werkes machen aber die „Bauten in Schleswig-Holstein“ aus. Lexikalisch geordnet erläutert der Architekturführer die bestimmenden Bauobjekte der jeweiligen Stadt oder des Ortes. Umstrittene Bauwerke wie das Designer Outlet Center in Neumünster oder der Wikingerturm in Schleswig bleiben nicht unerwähnt.

Der reich bebilderte Prachtband wird alle begeistern, die einen Blick für besondere Bauwerke und Architektur haben. Auch für unterwegs ist er als kenntnisreicher Reisebegleiter nutzbar.

Auguste Carstensen-Lenz

Lesetipp des Monats Mai – Sachbuch

Wolfgang Büscher: Ein Frühling in Jerusalem.

Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2014.

"Ein Frühling in Jerusalem" von Wolfgang Büscher

„Ein Frühling in Jerusalem“ von Wolfgang Büscher

Wolfgang Büscher, Journalist und Autor zahlreicher Bücher, wurde bekannt mit seinen Büchern über Fernwanderungen in Osteuropa und Nordamerika („Berlin-Moskau“ und „Hartland“). Viele Jahre schrieb er für große Tageszeitungen und die Zeitschrift Geo.

Um Jerusalem zu erkunden hat er zwei Monate in der geschichtsträchtigen Mitte gelebt. Er bewegte sich auf zweitausend Jahre alten Spuren und versuchte die Moderne damit in Einklang zu bringen. Für drei große Weltreligionen ist Jerusalem die heilige Stadt; der Ort ist aufgeladen mit Religion und Politik. Die historische Altstadt besteht aus dem jüdischen, armenischen, christlichen und muslimischen Viertel. Zahlreiche Synagogen, Kirchen und Moscheen unterschiedlichster Glaubensrichtungen sind hier auf engstem Raum vertreten. Die Sehnsucht nach Jerusalem hat die Menschen zu allen Zeiten ergriffen. Schon in den Jahrhunderten nach Christus zog das Heilige Grab Pilger aus aller Welt nach Jerusalem. Im Mittelalter waren es die Kreuzritter, die sich für ihren Glauben auf den Weg machten. Auch die Rabbiner verließen ihre Städte in Russland, Spanien oder Nordafrika, um sich an diesem heiligen Ort niederzulassen.

Der erfahrene Reiseschriftsteller hat historische Fakten recherchiert und trifft sich mit diversen Gesprächspartnern, um das heutige Jerusalem zu verstehen. Sein erster Stadtführer ist ein Armenier, der ihn wissen lässt, dass er auch nach sechzig Jahren vieles in Jerusalem nicht verstehe. Seine Familiengeschichte ist wie die der meisten Bewohner Jerusalems untrennbar mit der Stadt verbunden. Wolfgang Büscher hört seinen Gesprächspartnern zu. Er beobachtet das Treiben auf der Via Dolorosa, an der Klagemauer und auf dem Tempelberg. Auf belebten Plätzen horcht er in das Stimmengewirr hinein und lässt es auf sich wirken. Zur besseren Übersicht begibt er sich auf Dächer. Eine Nacht verbringt er in der Grabeskirche, die er danach mit all ihren Kuriositäten wunderbar charakterisiert.

Hautnah lässt der Autor an seinem Reiseabenteuer teilhaben und diese einmalige und faszinierende Stadt miterleben.

Auguste Carstensen-Lenz

Lesetipp des Monats April – Sachbuch

Iris Radisch: Die letzten Dinge. Lebensendgespräche.

Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2015.

"Die letzten Dinge" von Iris Radisch

„Die letzten Dinge“ von Iris Radisch

Die Autorin Iris Radisch hat sich mit Schriftstellern und Intellektuellen über den Herbst des Lebens unterhalten. Es interessierte sie, ob der nahe Tod den Blick auf die Welt verändert, wenn kostbare Zeit nicht mehr für Überflüssiges verwendet und keine Kompromisse mehr gemacht werden müssen. Können neue Freiheiten gewonnen werden oder überwiegen Bitterkeit und Verzweiflung? In der Zeit von 1990 bis 2015 fanden die achtzehn Gespräche mit der Literaturredakteurin und Fernsehmoderatorin statt, meistens am Wohnort des Interviewpartners. Europäische Geschichte und Kultur des 20. Jahrhunderts werden durch diese bedeutenden Zeitzeugen lebendig. In ihrer Rückschau vertreten sie unterschiedliche Themen und Zeiträume. Zu Wort kommen Julien Green, Ilse Aichinger, Claude Simon, Peter Rühmkorf, Peter Nadas, Andrej Bitow, George Tabori, Friederike Mayröcker, Sarah Kirsch, Martin Walser, Günther Grass, Marcel Reich-Ranicki, Antonio Tabuchi, Michel Butor, Imre Kertész, George Steiner, Patrick Modiano, Amos Oz und Ruth Klüger. Mit großer Offenheit und Ehrlichkeit reflektieren sie die Vergangenheit. Die Bilanz zieht jeder auf seine Weise.

Die Autorin resümiert, sie habe sich besonders gern mit „sympathisch ungefestigten Gesprächspartnern“ unterhalten. Sie selbst pflegte nach ihren Begegnungen einen respektvollen Umgang mit den ihr anvertrauten Lebenserinnerungen, ihre Berichte sind von Sympathie getragen.

Ein außergewöhnliches Buch mit tiefen Einsichten.

Auguste Carstensen-Lenz

Lesetipp des Monats März – Agatha Christie

Im Januar 1976 starb die „Queen of Crime“ Agatha Christie im Alter von 85 Jahren. Auch vierzig Jahre nach ihrem Tod gilt sie noch als erfolgreichste Kriminalschriftstellerin der Welt.

Die Graphic Novel „Agatha Christie – das Leben ist kein Roman“ würdigt ihr Leben und Werk im Schnelldurchlauf.

"Agatha Christie - das Leben ist kein Roman"

„Agatha Christie – das Leben ist kein Roman“

Anne Martinetti, Guillaume Lebeau, Alexandre Franc: Agatha Christie – das Leben ist kein Roman. Übersetzt von Ulrich Pröfrock.

Egmont Graphic Novel, Köln 2015.

Beginnend mit dem nie restlos aufgeklärten rund zehntägigen Verschwinden der Autorin im Jahr 1926 entfaltet sich ein Kaleidoskop aus Momentaufnahmen ihrer Vergangenheit und Zukunft, häufig begleitet von Zwiegesprächen mit den fiktiven Ermittlern Hercule Poirot, Jane Marple und Tommy & Tuppence. Natürlich können dabei einzelne Themen nur kurz angerissen werden, und wer sich vorher noch nie mit Agatha Christie beschäftigt hat, ist sicherlich dringend auf die Zeittafel am Ende des Buches angewiesen, um alles gedanklich noch einmal zu sortieren. Trotzdem macht der Comic große Lust darauf, sich sowohl eingehender mit der Biografie der Autorin als auch mit ihrem Werk anzufreunden.

Dafür bieten sich beispielsweise folgende Titel an (zum Teil im Atlantik-Verlag gerade neu aufgelegt):

Das fehlende Glied in der Kette – Agatha Christies erster Roman mit dem belgischen Detektiv Hercule Poirot.

"Alibi"

„Alibi“

Das kontrovers diskutierte Alibi, in dem die Autorin doch tatsächlich (Vorsicht, Spoiler! ->) den Täter in der Ich-Form erzählen ließ und damit vermutlich das Krimi-Genre neu erfand. Die Tatsache, dass der Erzähler gleichzeitig der Täter ist, offenbart sich dem Leser erst am Ende des Buches. Meisterdetektiv Poirot kommt ihm natürlich schon vorher auf die Schliche.

 

 

"Mord im Orientexpress"

„Mord im Orientexpress“

Einer der wahrscheinlich bekanntesten Fälle für Hercule Poirot: Mord im Orientexpress – die Idee dazu kam der Autorin übrigens, während sie selbst mit besagtem Zug unterwegs war. Sehenswert ist auch die starbesetzte Verfilmung von 1974 mit Albert Finney in der Rolle des berühmten Detektivs.

 

Das Theaterstück Die Mausefalle, Rekordhalter als das am längsten ununterbrochen aufgeführte Stück weltweit: seit 1952 wird „The Mousetrap“ im Londoner West End fast täglich gespielt. Ein Ende ist nicht in Sicht – aktuell läuft das Bühnenstück im St. Martin’s Theatre.

"Die Tote in der Bibliothek"

„Die Tote in der Bibliothek“

Schon vom Titel her ein Muss: Die Tote in der Bibliothek, ein kniffliger Fall für Miss Marple. Und damit keine Missverständnisse aufkommen – es handelt sich selbstverständlich um eine Privatbibliothek, nicht um eine öffentliche! Die Bantrys verstehen allerdings trotzdem nicht, was eine Leiche in ihrer Bibliothek zu suchen hat, und werden zu Unrecht verdächtigt, mit dem Mord etwas zu tun zu haben. Das kann Miss Marple nicht tatenlos hinnehmen!

 

"Die Schattenhand"

„Die Schattenhand“

Die Schattenhand – dieser Roman hat wie „Alibi“ einen Ich-Erzähler (der in diesem Fall nicht der Täter ist): Jerry Burton wollte mit seiner Schwester eigentlich in einen ganz ruhigen und beschaulichen Ort auf dem Land ziehen, doch unter der friedlichen Oberfläche brodelt das Böse: ist die tückische Macht des Wortes in Form anonymer Briefe schuld an einem Selbstmord? Oder sind die Briefe, wie Miss Marple vermutet, nur ein Ablenkungsmanöver für ein ganz anderes Verbrechen?

Agatha Christies Kurzkrimis – beispielsweise in der Sammlung „Der Dienstagabend-Klub“ (mit Miss Marple) oder in „Der seltsame Mr. Quin“ (mal ganz was anderes!).

Natürlich ist diese Auswahl wie immer rein subjektiv!

blauEin kleiner Tipp zum Schluss: viele Werke von Agatha Christie gibt es als Hörbücher und in Hörspielfassungen – auch in der Onleihe zwischen den Meeren.

Mehr Anregungen und Informationen bietet die offizielle (englische) Internetseite www.agathachristie.com.

Andrea Sondermann

Lesetipp des Monats Februar – Sachbuch

Tim Marshall: Die Macht der Geographie. Wie sich Weltpolitik anhand von 10 Karten erklären lässt. Aus dem Englischen von Birgit Brandau.

Dtv, München 2015.

"Die Macht der Geographie" von Tim Marshall

„Die Macht der Geographie“ von Tim Marshall

Wir leben in einer Zeit, in der wir glauben, dass sich durch neue Technologien die mentalen und räumlichen Entfernungen zwischen den Völkern verringert haben. Diese Vorstellung lasse uns leicht vergessen, so der Autor, dass der geographische Raum, in dem wir leben, weiterhin höchst bedeutsam ist. Denn dieser erlaubt es den Regierungen, Entscheidungen über Krieg und Frieden zu treffen. Das schreibt der britische Experte für Außenpolitik, Tim Marshall, der lange als Europa- und Nahost-Korrespondent aus vielen Ländern berichtet hat. Er erklärt, wie geographische Gegebenheiten, nämlich Gebirge, Meere, Flüsse und das Klima die Geschichte beeinflusst haben. Dazu erläutert er anhand von zehn Landkarten, wie sich Staaten und politische Regionen entwickelt haben und wie sich die gegenwärtige Politik erklären lässt. Ein Beispiel ist die fruchtbare nordeuropäische Tiefebene mit den Staaten Frankreich und Deutschland, in der genügend Nahrung produziert werden konnte. Die schiffbaren Flüsse begünstigten zudem den Handel und den Verkehr. Gleichzeitig ermöglichte dieser Landstrich den raschen Durchzug von Armeen. So wurde Russland in den letzten Jahrhunderten mehrfach vom Westen her überrannt. Den Zerfall der Sowjetunion und den Beitritt der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten zur EU oder Nato sieht Putin als die „größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts“. Putins Annektierung der ukrainischen Krim wegen eines ganzjährig eisfreien Hafens und seine Verbindung zum syrischen Königshaus sind die jüngsten Konfliktpunkte mit dem Westen.

An weiteren neun Schauplätzen rund um den Globus macht der Autor die Weltpolitik unter dem geographischen Aspekt verständlich. Er beschreibt die Naturlandschaften in Fernost und erläutert, weshalb es trotz großer Rivalität nie einen Krieg zwischen Indien und China gab. In angenehmer Weise lenkt er die Aufmerksamkeit weg von der Tagespolitik hin zu langjährigen Umwälzungen.

Tim Marshall lässt auch seine eigenen Erlebnisse als Korrespondent mit einfließen. Das macht das Buch zusätzlich spannend und lebendig.

Auguste Carstensen-Lenz

Lesetipp des Monats Januar – Sachbuch

Christian Nürnberger: Die verkaufte Demokratie – wie unser Land dem Geld geopfert wird.

Ludwig, München 2015.

"Die verkaufte Demokratie" von Christian Nürnberger

„Die verkaufte Demokratie“ von Christian Nürnberger

Christian Nürnberger zeichnet ein Bild unseres Staates, der immer mehr zum Einflussgebiet eines aggressiven Kapitalismus geworden ist. Weltweit agierende Konzerne beuten ihre Arbeitnehmer aus, Demokratie und Menschenrechte werden mit Füßen getreten, Ressourcen verschwendet und die Meinungsbildung manipuliert. Das Ungleichgewicht zwischen Kapital und Arbeit hat einen Niedergang der demokratischen Kultur verursacht. Als Grundlage dafür sieht er eine verkrustete Parteiendemokratie. Eigentlich sollten die Parteien nur an der Willensbildung mitwirken, tatsächlich jedoch bestimmt ein kleiner Personenkreis aus Berufspolitikern. Diese sind häufig den Lobbyorganisationen verpflichtet, die ihre Kariere begleitet haben. Der Autor selbst schaffte aufgrund parteiinterner Regelungen nicht den Sprung in den Bundestag. Diese Erfahrung mag zu seiner These beitragen, dass die meisten Berufspolitiker am eigenen Machterhalt interessiert sind und weniger an der Gestaltung gesellschaftlicher Zukunft. Im Idealfall gibt es „mündige Bürger“, die durch seriöse Medien in die Lage versetzt werden, sich qualifizierte Urteile zu bilden. Da die Nachfrage nach fundierter politischer Information aber gering ist, liefert die Mehrheit der Medien Unterhaltsames und Seichtes. Privatwirtschaftlich organisierte Medien leben von Werbeeinnahmen und bevorzugen ein unkritisches und unpolitisches Umfeld. Sind die Medien öffentlich-rechtlich organisiert, nehmen Politiker Einfluss auf Journalistenkarrieren. Der Kampf um Werbung, Auflagen und Quoten ist mittlerweile beiden gemein und hat zu einer Neudefinition von Qualität geführt: gut ist, was erfolgreich ist.

Der Theologe und Publizist (u.a. schrieb er für „Die Zeit“ und die „Süddeutsche“) berichtet engagiert aus seinem persönlichen Erleben. In sehr verständlicher Sprache erläutert er, wie es so weit kommen konnte. Und er nennt sinnvolle Alternativen, die die Macht der Konzerne wie z.B. Google, Amazon u. Co. brechen könnten. Die Einflussnahme der Bürger auf die Wirtschaft durch private Kaufentscheidungen sieht er als eine Möglichkeit der Teilhabe. Ebenso plädiert er für Bürgerinitiativen, die sich für eine lebenswerte Zukunft einsetzen.

Ein wichtiges Buch für politisch Interessierte!

Auguste Carstensen-Lenz