Lesetipp des Monats April – Thriller

Ruth Ware: Woman in cabin 10. Deutsch von Stefanie Ochel.

dtv (https://www.dtv.de/), München 2017.

Wahn oder Wirklichkeit?

Lo Blackwood hat einen beneidenswerten Job: Sie wird bezahlt für etwas, was andere teuer bezahlen müssen: das Reisen in alle Welt. Sie arbeitet für ein Reisemagazin als Journalistin und darf an der Jungfernfahrt einer kleinen, ebenso exklusiven wie luxuriösen Kreuzfahrtyacht teilnehmen, um darüber zu berichten.

Es geht Richtung Nordkap durch die norwegischen Fjorde. An Bord der Yacht, die auch gechartert werden kann, befindet sich, neben einigen weiteren Journalisten und Fotografen, vor allem der elitäre Freundeskreis des Schiffeigners.

Noch in der ersten Nacht wird Lo durch auffällige Geräusche in der Nachbarkabine geweckt. Kampfgeräusche. Lo ist sich sicher, dass jemand über Bord geworfen wird, sofort alarmiert sie den Schiffsoffizier. Wer fehlt aus der kleinen Gruppe von Reisenden? Doch es stellt sich heraus, dass niemand außer ihr selbst die junge Frau zu vermissen scheint, mit der Lo sich am Abend noch unterhalten hat, und die die jetzt jedoch völlig unberührte Kabine mit der Nummer 10 bezogen hatte.

„Woman in cabin 10“ ist ein Thriller, der langsam Fahrt aufnimmt und uns dann mit unvorhergesehenen Wendungen verblüfft und bis zur letzten Seite blendend unterhält.

Die ideale Lektüre für Ihre nächste (Schiffs-?)Reise, oder vielleicht noch besser, für die lange Wartezeit vor dem nächsten Urlaub.

Hedda Jensen

Der dtv-Verlag hat zu „Woman in cabin 10“ ein Buchspecial veröffentlicht: https://www.dtv.de/special-ruth-ware-woman-in-cabin-10/start/c-1661.

Spontaner Filmtipp (fiel mir beim Lesen der Inhaltsangabe sofort ein): Ähnliche Ausgangslage, aber mit Zug statt Schiff: Sehen Sie sich doch bei Gelegenheit mal den Schwarzweiß-Klassiker „Eine Dame verschwindet“ von Regisseur Alfred Hitchcock an. Spannend!

Andrea Sondermann

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Lesetipp des Monats Februar – Sachbuch

Tim Marshall: Die Macht der Geographie. Wie sich Weltpolitik anhand von 10 Karten erklären lässt. Aus dem Englischen von Birgit Brandau.

Dtv, München 2015.

"Die Macht der Geographie" von Tim Marshall

„Die Macht der Geographie“ von Tim Marshall

Wir leben in einer Zeit, in der wir glauben, dass sich durch neue Technologien die mentalen und räumlichen Entfernungen zwischen den Völkern verringert haben. Diese Vorstellung lasse uns leicht vergessen, so der Autor, dass der geographische Raum, in dem wir leben, weiterhin höchst bedeutsam ist. Denn dieser erlaubt es den Regierungen, Entscheidungen über Krieg und Frieden zu treffen. Das schreibt der britische Experte für Außenpolitik, Tim Marshall, der lange als Europa- und Nahost-Korrespondent aus vielen Ländern berichtet hat. Er erklärt, wie geographische Gegebenheiten, nämlich Gebirge, Meere, Flüsse und das Klima die Geschichte beeinflusst haben. Dazu erläutert er anhand von zehn Landkarten, wie sich Staaten und politische Regionen entwickelt haben und wie sich die gegenwärtige Politik erklären lässt. Ein Beispiel ist die fruchtbare nordeuropäische Tiefebene mit den Staaten Frankreich und Deutschland, in der genügend Nahrung produziert werden konnte. Die schiffbaren Flüsse begünstigten zudem den Handel und den Verkehr. Gleichzeitig ermöglichte dieser Landstrich den raschen Durchzug von Armeen. So wurde Russland in den letzten Jahrhunderten mehrfach vom Westen her überrannt. Den Zerfall der Sowjetunion und den Beitritt der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten zur EU oder Nato sieht Putin als die „größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts“. Putins Annektierung der ukrainischen Krim wegen eines ganzjährig eisfreien Hafens und seine Verbindung zum syrischen Königshaus sind die jüngsten Konfliktpunkte mit dem Westen.

An weiteren neun Schauplätzen rund um den Globus macht der Autor die Weltpolitik unter dem geographischen Aspekt verständlich. Er beschreibt die Naturlandschaften in Fernost und erläutert, weshalb es trotz großer Rivalität nie einen Krieg zwischen Indien und China gab. In angenehmer Weise lenkt er die Aufmerksamkeit weg von der Tagespolitik hin zu langjährigen Umwälzungen.

Tim Marshall lässt auch seine eigenen Erlebnisse als Korrespondent mit einfließen. Das macht das Buch zusätzlich spannend und lebendig.

Auguste Carstensen-Lenz