Lesetipp des Monats Mai – Jugendbuch

Brigid Kemmerer: Der Himmel in deinen Worten. Roman. Aus dem Amerikanischen von Henriette Zeltner.

HarperCollins (https://www.harpercollins.de/), Hamburg 2017.

Seit dem tragischen Tod seiner jüngeren Schwester Kerry vor vier Jahren scheint sich das Leben des siebzehnjährigen Declan Murphy in einer unaufhaltsamen Abwärtsspirale zu bewegen: Probleme zu Hause, vorbestraft, an der Schule als Unruhestifter verschrien. Im Rahmen seiner Sozialstunden, die er auf dem Friedhof ableisten muss, findet er eines Tages einen auf einem Grab abgelegten Brief, der ihn so sehr bewegt, dass er etwas dazuschreiben muss.

Juliet trauert um ihre Mutter, die vor einigen Monaten bei einem Autounfall starb, und hält auch nach deren Tod noch an ihrer langjährigen Gewohnheit fest, ihr Briefe zu schreiben. Umso größer ihre Empörung, als sie die Worte eines Fremden unter ihren Zeilen entdeckt – sie hinterlässt ihm auf dem Grab eine wütende Nachricht, die er beantwortet.

Trotz dieses denkbar unglücklichen Beginns entwickelt sich der Gedankenaustausch zwischen Declan und Juliet zu einer echten Brieffreundschaft, die bald über anonyme Mailaccounts („The Dark“ und „Cemetary Girl“) fortgesetzt wird und sie gegenseitig dazu ermuntert, sich Schritt für Schritt wieder zurück ins Leben zu wagen. Beide haben mittlerweile herausgefunden, dass sie im selben Alter sind und vermutlich sogar auf die selbe Schule gehen, aber die Anonymität gefällt ihnen und sie wollen sie weiter bewahren. Als Declan nach dem Schulball doch Juliets Identität erfährt, ist er zunächst furchtbar enttäuscht und davon überzeugt, dass sie ihm sicher nie wieder schreiben würde, wenn sie wüsste, wer er wirklich ist. Wird er sich ihr dennoch zu erkennen geben?

Autorin Brigid Kemmerer lässt Declan und Juliet gleichberechtigt aus wechselnden Perspektiven ihre Geschichte erzählen. Auch ihre „Nebenfiguren“, besonders Declans bester (und einziger) Freund Rev, überzeugen mit all ihren Stärken und Schwächen und wachsen einem beim Lesen zunehmend ans Herz. Wie schön, dass bereits ein Buch mit Rev in der Hauptrolle angekündigt ist!

Schade: der Originaltitel „Letters to the lost“ war so viel aussagekräftiger und vielschichtiger als die deutsche Variante „Der Himmel in deinen Worten“ … aber das ist auch das einzige Manko. Und da schließlich der Inhalt viel mehr zählt als der Titel: Lesen lohnt sich!

Andrea Sondermann

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Lesetipp des Monats April – Kinderbuch

Ellen van Velzen: Der Turm der Drachenlenker. Aus dem Niederländischen übersetzt von Meike Blatnik.

Gerstenberg-Verlag, Hildesheim 2015.

"Der Turm der Drachenlenker" von Ellen van Velzen

„Der Turm der Drachenlenker“ von Ellen van Velzen

Genau 496 Stoffdrachen schweben hoch über dem kleinen, abgeschiedenen Dorf. Die Überlieferung erzählt, dass sie das Dorf und seine Bewohner vor Gefahr beschützen. Der Junge Jani glaubt daran, aber seine Altersgenossen und auch viele Erwachsene halten das mittlerweile nur noch für ein altes Märchen. Daher sind die Drachenlenker nicht mehr so angesehen wie einst, und der verträumte Jani erntet Hohn und Unverständnis, als er bei ihnen in die Lehre geht. Dabei ist er noch gar nicht sicher, ob er diesen Weg wirklich einschlagen will, denn der Jüngere der beiden Drachenlenker, der mürrische „Neue Drachen“, macht ihm das Leben zusätzlich schwer. Soll Janis Berufung denn zwangsläufig Einsamkeit bedeuten und wird auch die Freundschaft zwischen ihm und der gleichaltrigen Mond daran zerbrechen? Während Jani noch um eine Entscheidung ringt, scheint etwas Böses und Gefährliches dem Dorf immer näher zu kommen – helfende Drachenmagie wäre mittlerweile also durchaus angebracht. Aber was, wenn der Schutz gar nicht funktioniert? Hat Jani sich etwa die ganze Zeit geirrt, oder kann er am Ende doch mit Hilfe der Drachen alle Dorfbewohner retten?

Ellen van Velzen entführt mit ihrem Buch in eine seltsam zeitlose Welt, in der sich die Gefahr auf leisen Sohlen heranschleicht. Die über weite Strecken ruhige Selbstfindungsgeschichte ist aus Janis Sicht erzählt, sehr poetisch und sehr berührend. Fesselnde Unterhaltung!

Andrea Sondermann