Lesetipp des Monats Januar – Jugendbuch

Alwyn Hamilton: Amani – Rebellin des Sandes. Aus dem Amerikanischen von Ursula Höfker.

cbt, München 2016. (Der cbt-Verlag gehört übrigens zur Verlagsgruppe Random House und sein Programm ist dementsprechend unter https://www.randomhouse.de/ zu finden.)

"Amani - Rebellin des Sandes" von Alwyn Hamilton

„Amani – Rebellin des Sandes“ von Alwyn Hamilton

„Winter“, sagt der Kalender – hier gibt es das Kontrastprogramm: Autorin Alwyn Hamilton entführt ihre Leserinnen und Leser in eine eigenwillige, zwischen Wildem Westen und orientalischen Märchen pendelnde Wüstenlandschaft, in der gefährliche unsterbliche Geschöpfe umgehen und Frauen keine Rechte haben. Um einer Zwangsheirat mit ihrem Onkel zu entgehen, will Amani unbedingt fort aus ihrem Heimatkaff Dustwalk, aber zu ihrer unbekannten Tante in der großen Stadt ist es ein weiter Weg. Bei einem Schießwettbewerb das erforderliche Geld für die Reise zu gewinnen, klappt leider nicht – stattdessen ist Amani plötzlich nicht nur auf der Flucht vor ihrem Onkel, sondern auch vor der Armee und kämpft sich zusammen mit dem geheimnisvollen Fremden Jin durch die Wüste. Rebellion liegt in der Luft: es heißt, dass Prinz Ahmed den ihm vorenthaltenen Platz als Thronfolger des Sultans zurückzuerobern plant und Getreue um sich schart. Inmitten eines Schmelztiegels aus Geheimnissen und Gefahren steht Amani bald vor der Wahl, ob sie ihr eigenes Leben retten oder es, um andere zu schützen, aufs Spiel setzen soll…

Abenteuerlich und romantisch – dieser wilde Mix aus Western und Tausendundeiner Nacht bietet beste Unterhaltung! Und der Winter ist spätestens nach den ersten paar Seiten auch vergessen.

Andrea Sondermann

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Lesetipp des Monats August – Kinder- und Jugendbuch

Kate Gordon: Wohin meine Flossen mich tragen. Aus dem Englischen von Anne Braun.

cbt, Hamburg 2016.

"Wohin meine Flossen mich tragen" von Kate Gordon

„Wohin meine Flossen mich tragen“ von Kate Gordon

Eigentlich läuft das Leben gar nicht so schlecht für Clementine Darcy: sie hat gleich zwei beste Freundinnen, ein liebevolles Zuhause und hängt sehr an ihren beiden älteren Geschwistern – ihrer nahezu in allen Belangen perfekten Schwestern Sophie und ihrem furchtlosen großen Bruder Fergus. Aber mit 15 ist die Welt leider nicht mehr so einfach: Fergus hat seit einem Jahr sein Zimmer nicht mehr verlassen, Sophie wird immer dünner und unzufriedener. Außerdem hat Clementine das Gefühl, dass sie ihren besten Freundinnen so, wie sie ist, irgendwie nicht mehr gut genug ist, sondern dass die beiden ständig versuchen, sie zu verändern – sie traut sich aber nicht, mit den beiden darüber zu sprechen. Nur in dem „Journal“, das sie für den Philosophie-Unterricht von Ms Hiller schreibt, setzt sich Clementine intensiv mit ihren Gefühlen und Gedanken auseinander – sollte sie lieber mit dem Strom schwimmen oder dagegen? Als sie plötzlich ganz allein dazustehen scheint, findet sie Halt bei Fred, dem Neuen an der Schule: Steampunk-Fan mit durchdringendem Blick und ausgesprochen hübschem Lächeln, das ihr schon seit ihrer ersten Begegnung nicht mehr aus dem Kopf geht. Worüber Clementine bisher nur was-wäre-wenn-Gedichte geschrieben hat, passiert nun wirklich: Sie verliebt sich zum ersten Mal. Durch Fred lernt sie ein anderes Umfeld und neue Freunde kennen und findet immer mehr zu sich selbst. Aber noch hat sie nicht alle Schwierigkeiten überwunden … Ob alle, die ihr am Herzen liegen, wohl auch für sie da sein werden, wenn Clementine sie am dringendsten braucht?

Autorin Kate Gordon lässt Clementine in Form von Journaleinträgen und Gedichten mit ihrer ganz eigenen, sympathischen Stimme erzählen. Die zunächst verstreuten „Schnipsel“ ergeben mehr und mehr ein Gesamtbild und eine zusammenhängende, in sich stimmige Geschichte.

Ein Buch zum Mit- und Wohlfühlen – nette Sommerlektüre mit Tiefgang.

Andrea Sondermann

Lesetipp des Monats Juli – Kinderbuch

Adina Rishe Gewirtz: Zebrawald. Aus dem Englischen von Alexandra Ernst.

Cbt, München 2014.

"Zebrawald" von Adina Rishe Gewirtz

„Zebrawald“ von Adina Rishe Gewirtz

Die elfjährige Annie und ihr kleiner Bruder Rew leben mit ihrer Großmutter am Rand des „Zebrawaldes“. Zu anderen Menschen haben sie nur wenig Kontakt, in die Schule gehen sie unter falschem Namen. Die Großmutter verlässt nur selten das Haus; manchmal schweigt sie den ganzen Tag und bleibt in ihrem Zimmer.

Annie und Rew lieben das Buch „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson, obwohl ihrer Ausgabe der Anfang fehlt. Sie diskutieren wieder und wieder über ihre Lieblingsfiguren (Rew liebt Long John Silver, Annie zieht Dr. Livesey vor) und erfinden eigene Anfänge für die Geschichte – ebenso, wie Annie für Rew Geschichten über ihre Familie erfindet: über Großvater Morgan, über ihren unbekannten Vater Andrew Snow. War auch er vielleicht ein Pirat?

Zu Beginn der Sommerferien sind sie zu dritt in ihrem kleinen Haus wie aus der Zeit gefallen: Annies einzige Freundin ist verreist, die regelmäßig vorbeischauende Sozialarbeiterin ebenso. Dann bricht ein fremder Mann bei ihnen ein; er ist bei einem Massenausbruch aus dem Gefängnis hinter dem Zebrawald geflohen und sucht ein Versteck. Doch in Wahrheit ist er kein Fremder. Und bald wird Annie klar: ihr Vater Andrew Snow ist gar nicht von einem wütenden Mann umgebracht worden, so wie es die Großmutter immer erzählt hat. Vielleicht ist er selbst der wütende Mann…

Der erste Roman der Autorin Adina Rishe Gewirtz entpuppt sich als eine wunderbare, poetische Geschichte übers Geschichtenerzählen – und darüber, dass die Welt nicht nur schwarz und weiß ist. Wie in jedem richtig guten Buch bleibt manches unausgesprochen und lädt den Leser ein, die Antworten zwischen den Zeilen zu finden.

„Zebrawald“ ist ein leises Buch. Eine Geschichte, die sich auf Zehenspitzen an den Leser heranschleicht und ihm dann direkt ins Herz flüstert.

Andrea Sondermann

Lesetipp des Monats September – Jugendbuch

Niall Leonard: Crusher. Traue niemandem. Aus dem Englischen übersetzt von Tanja Ohlsen.

Cbt, München 2014.

"Crusher - Traue niemandem" von Niall Leonard

„Crusher – Traue niemandem“ von Niall Leonard

Finn Maguire wurde in seinem jungen Leben noch nicht viel geschenkt: Seine Mutter ist abgehauen, er wurde straffällig, hat Dyslexie, keinen nennenswerten Schulabschluss und einen öden, schlecht bezahlten Job (den er hasst) in einem Fast-Food-Restaurant. Nur sein (Stief-)Vater Noel, ein arbeitsloser Schauspieler, hat immer zu ihm gehalten. Dank chronischer Geldknappheit verbringen sie den gemeinsamen Alltag immer knapp am Existenzminimum. Als Finn eines Tages seinen Vater ermordet auffindet, wird er zum Hauptverdächtigen und die Polizei scheint sich keine große Mühe zu geben, nach anderen Verdächtigen zu suchen. Also nimmt der Junge die Ermittlungen selbst in die Hand: Warum taucht eine beurlaubte Sozialarbeiterin bei ihm zu Hause auf und stellt seltsame Fragen; kannte sie seinen Vater? Und was ist mit dem Drehbuch, an dem Noel arbeitete – er hatte dafür Informationen über Gangster in der Londoner Unterwelt gesammelt, und nun ist es verschwunden!

Finn fackelt nicht lange und beschließt, gleich an der Spitze des organisierten Verbrechens mit seinen Recherchen anzusetzen: Beim „Guvnor“, dem Verbrecherkönig von London! Dass er in diesen gefährlichen Kreisen niemandem trauen darf, versteht sich von selbst, doch damit lässt es Autor Niall Leonard für seinen Helden noch nicht genug sein: Ist die geheimnisvolle Zoe, in die Finn sich verguckt, wirklich nur eine Zufallsbekanntschaft? Und warum taucht nach all den Jahren plötzlich seine Mutter wieder auf? Mehr als einmal gerät Finn in tödliche Gefahr. Zum Glück trägt er seinen Spitznamen „Crusher“ aus dem Boxclub nicht ohne Grund…

Spannend!!! Dieser erste Band über Finn Maguire weckt unaufdringlich, aber nachdrücklich die Lust auf mehr: denn obwohl der junge Romanheld letztendlich den Mord an seinem Vater aufklären kann, lässt die in der Ich-Form erzählte Geschichte den Leser mit offenen Fragen zurück – und mit dem Gefühl, gern länger in Finns Welt verweilen und mehr Zeit mit ihm verbringen zu wollen. Dankenswerterweise arbeitet Niall Leonard bereits an einer Fortsetzung von „Crusher“!

Andrea Sondermann

Lesetipp des Monats August – Fantasyroman

Nina Blazon: Der dunkle Kuss der Sterne.

Cbt, München 2014.

"Der dunkle Kuss der Sterne" von Nina Blazon

„Der dunkle Kuss der Sterne“ von Nina Blazon

Tief in der Wüste liegt die geheimnisvolle Stadt Ghan. Canda gehört dort zur herrschenden Kaste und ist sogar Anwärterin auf den Thron, doch in der Nacht vor ihrer Hochzeit ändert sich alles: Plötzlich hat sie eine ihrer vier „Gaben“, den „Glanz“, verloren – und ihr Verlobter Tian ist spurlos verschwunden. Hat er sie verlassen und ihren „Glanz“ gestohlen? Canda mag das nicht glauben; sie ist fest überzeugt davon, dass Tian entführt wurde. Verzweifelt trifft sie eine geheime Abmachung mit der Herrscherin: entweder mit Beweisen für Tians Unschuld zurückzukehren oder ihn zu töten. Dafür darf sie Ghan verlassen, um ihren Verlobten zu suchen, und der rätselhafte Amad soll sie zur Unterstützung begleiten.

Dass Canda und Amad einander auf den ersten Blick äußerst unsympathisch sind, erweist sich aber auf der gefährlichen Reise bald als ihr kleinstes Problem: Die Welt ist ganz anders, als Canda sie sich immer vorgestellt hatte, zudem wird die stolze junge Frau seit dem Verlust ihres „Glanzes“ von Träumen heimgesucht (die in Ghan als Vorstufe zum Irrsinn gelten) und die rachsüchtigen Seelen zweier hingerichteter Wächter haben sich an ihre Fersen geheftet. Schnell wird Canda klar, dass kaum etwas so ist, wie es zunächst scheint, und dass der „Jäger“ Amad viel mehr weiß, als er sagt. Wie wurde er zum Sklaven der Herrscherin, welches Druckmittel hält sie gegen ihn in der Hand? Will auch er jemanden retten, den er liebt, und wird er Canda dafür verraten? Als sie das Ausmaß seiner Geheimnisse zu ahnen beginnt, steht längst nicht mehr nur ihr eigenes Schicksal auf dem Spiel.

Von der weltfremden Stadtprinzessin, die sich allein über ihre Familienzugehörigkeit und ihre „Gaben“ definiert, bis hin zu einer starken jungen Frau, die auf ihr Herz hört, legt Canda einen weiten, glaubwürdigen und mitreißenden Weg zurück. Was sich wirklich hinter ihren „Gaben“ verbirgt, ist ein ebenso verblüffender wie genialer Einfall der Autorin Nina Blazon – und mehr wird an dieser Stelle natürlich nicht darüber verraten! „Der dunkle Kuss der Sterne“ ist ein außergewöhnliches, wunderschön erzähltes Buch, das den Leser von Anfang an fesselt, mit neuen Ideen überrascht und bis zum Ende nicht mehr loslässt. Also lautet die klare Empfehlung (nicht nur für Fantasy-Fans oder Freunde abenteuerlicher Liebesgeschichten): Lesen!

Andrea Sondermann