Lesetipp des Monats Dezember – Roman

Daniel Kehlmann: Tyll. Roman.

Rowohlt (https://www.rowohlt.de), Reinbek bei Hamburg 2017.

Am Ende jedes Jahres frage ich mich, welches der Bücher, die ich in den vergangenen Monaten gelesen habe, wohl mein Lieblingsroman gewesen ist. Hier ist die Antwort für 2017: Mein Buch des Jahres ist „TYLL“ von Daniel Kehlmann.

„Tyll“ von Daniel Kehlmann
(c) Rowohlt-Verlag

Nach dem sensationellen Erfolg seines Romans „Die Vermessung der Welt“ über Alexander von Humboldt und den genialen Mathematiker Carl Friedrich Gaus hatte Kehlmann als knapp 30-jähriger seinerzeit erklärt, er werde nun nie wieder einen historischen Stoff verarbeiten, er hatte viele andere Pläne. Und er hat sich wirklich redlich Mühe gegeben in den letzten 12 Jahren, vom experimentellen Roman bis zum Krimi hat er alles Mögliche veröffentlicht.

Erst in der Ferne, Daniel Kehlmann lehrt und arbeitet zur Zeit in New York, hat er sich auf das besonnen, was er am allerbesten kann: Eine Epoche zum Leben zu erwecken!

In „TYLL“ lässt er uns mühelos eintauchen, mit allen Sinnen, ins düstere 17. Jh., in die Zeit des 30-jährigen Krieges, in dessen blutigem Gefolge die damals bekannte Ordnung in Trümmern lag. Schlachten, Missernten, Seuchen, Aberglauben, religiöser Wahn… Ein Menschenleben gilt nicht viel und im Grunde ist jeder jederzeit in Lebensgefahr. Eine grausame, dunkle Welt voll Willkür und Gewalt, Angst, Pest und Gestank. EINER jedoch, der tanzt und spielt durch die deutschen Lande. Und durch dieses Buch! Im Grunde ist er fortwährend auf der Flucht, doch währenddessen lehrt er als Gaukler die Menschen das Staunen, hält ihnen den sprichwörtlichen Spiegel vor und zieht ihnen das Geld aus der Tasche, hält sie zum NARREN. Ist überall und nirgends.

Kehlmanns bester Schachzug nämlich ist die Wahl seiner Hauptfigur, die durch dieses prachtvolle Buch irrlichtert. Und fest entschlossen ist, selbst dem Tod zu entfliehen.

Sie kennen ihn alle – Es ist Till Eulenspiegel, der Narr, der bei uns in Norddeutschland, in Mölln begraben liegen soll, den Kehlmann in seinem Buch höchst lebendig werden lässt. Er ist noch fast ein Kind, als er aus der heimischen Mühle flieht und auf Wanderschaft geht, als Ulenspiegel zieht er durch die verwüsteten Lande, die junge Bäckerstochter Nele an seiner Seite. Er trifft die Bettler, Bauern und Soldaten bei seinen verrückten Darbietungen und begegnet den Großen seiner Zeit, denen er als Hofnarr dient, mit ebenso wenig Respekt wie den kleinen Leuten. Wenn es brenzlig wird, zieht er weiter. Sein Leben ist ein einziger Tanz auf dem Seil.

Wir leben in gefühltermaßen unsicherer werdenden Zeiten. Diese hinreißend erzählte Geschichte aus, historisch gesehen, absolut chaotischen Zeiten hatte auf mich beim Lesen daher eine verblüffend beruhigende Wirkung.

„TYLL“ ist ein kluger, ja fast gelehrter Roman, und dabei ein leichtfüßiger Lesespaß. Im wahrsten Sinne ein GenieSTREICH!

Hedda Jensen

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Literaturgruppe

Am Montag, 4. September 2017, bespricht die Literaturgruppe ab 16.30 Uhr in der Bibliothek das Buch „Ruhm“ von Daniel Kehlmann.

Interessierte sind herzlich willkommen.

„Ruhm“ von Daniel Kehlmann
(c) Rowohlt-Taschenbuch-Verlag

Daniel Kehlmann: Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten.

Rowohlt-Taschenbuch-Verlag (https://www.rowohlt.de/), Reinbek bei Hamburg 2010.

Der Verlag schreibt über das Buch: „Ein Schriftsteller mit der unheilvollen Neigung, Menschen, die ihm nahestehen, zu Literatur zu machen, ein verwirrter Internetblogger, ein Abteilungsleiter mit Doppelleben, ein berühmter Schauspieler, der lieber unbekannt wäre, eine alte Dame auf der Reise in den Tod: Ihre Wege kreuzen sich in einem Geflecht von Episoden zwischen Wirklichkeit und Schein. Ein Spiegelkabinett voll unvorhersehbarer Wendungen– komisch, tiefgründig und elegant erzählt vom Autor der «Vermessung der Welt».“