Lesetipp des Monats Februar – Roman

Nell Leyshon: Die Farbe von Milch. Roman. Aus dem Englischen von Wibke Kuhn.

Eisele (http://eisele-verlag.de/), München 2017.

„Mein Name ist Mary. Mein Haar hat die Farbe von Milch. Und dies ist meine Geschichte.“

So beginnt dieses bewegende Buch, das von Mary zunehmend sicherer und selbstbewusster, in ihren eigenen Worten, erzählt wird. Sie wächst als jüngste von vier Bauerntöchtern im ländlichen England auf. Schon als kleines Kind hat sie gelernt, hart zu arbeiten. Sie ist fleißig und zugleich nicht um eine  schnelle Antwort verlegen. Als sie 15 Jahre alt ist, wird sie im Frühjahr des Jahres 1831 ins örtliche Pfarrhaus geschickt, dort soll sie sich als zweites Dienstmädchen um die kranke Hausherrin kümmern. Für Mary öffnet sich eine neue Welt: Sie bekommt in diesem gebildeten und wohlgeordneten Haushalt nicht nur gut zu essen, sondern das intelligente Mädchen erhält die ungewöhnliche Chance, lesen und schreiben zu lernen. Als die Pfarrersfrau stirbt, kommt es jedoch zu dramatischen Veränderungen…

Dieser außergewöhnlich erzählte Roman , der den Zeitraum eines einzigen Jahres umfasst, hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Die Aussage des Buches, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts spielt, ist zeitlos und erschreckend aktuell, wie die momentan in allen Medien laufenden Debatten um Abhängigkeitsverhältnisse und sexuelle Übergriffe beispielsweise in der Filmwelt zeigen.

Hedda Jensen

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Lesetipp des Monats Juni – Roman

Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen. Roman. Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein.

btb (Programm unter https://www.randomhouse.de), München 2017.

„Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde

Das Titelbild zeigt eine verendende Biene am Boden, der Titel klingt für einen Roman zunächst nicht besonders aufregend – doch hinter diesen etwa 500 Seiten verbirgt sich ein erstklassiger, unterhaltsamer Roman, der nicht nur in Norwegen, sondern auch weltweit zum Bestseller avanciert.

Parallel werden drei Geschichten in drei unterschiedlichen Zeitebenen erzählt:

Der Saatguthändler und verhinderte Wissenschaftler William lebt Mitte des 19. Jahrhunderts im ländlichen England und versucht, ein neuartiges Bienengehäuse, das den Ertrag bei der Honigernte erhöhen und für die Bienen zuträglicher sein soll, zu entwickeln.

Der amerikanische Imker George wünscht sich sehnlichst, dass sein Sohn die über Generationen im Familienbesitz befindliche Honig-Farm übernimmt. Dieser verfolgt jedoch andere Pläne, bis im Jahr 2007 ein mysteriöses Bienensterben auch seine Bienen – und somit die Existenz der Farm und die Zukunft seiner Familie bedroht.

Die dritte Erzählebene spielt in der Zukunft im Jahr 2098 an einem fiktiven Ort in China. Während in Europa und Amerika nur wenige Menschen die Auswirkungen einer weltweiten Klimakatastrophe, die mit dem Verschwinden der Bienen und Insekten einherging, überlebten, konnte Chinas Bevölkerung dem drohenden Untergang besser begegnen: Durch immensen Einsatz unzähliger Arbeitskräfte werden die Blüten an Bäumen und auf den Feldern mühselig per Hand bestäubt, damit die Menschen überhaupt Nahrung ernten können. Die körperliche Arbeit ist beschwerlich, die Lebensbedingungen sind karg. Arbeiterin Tao wünscht sich für ihren kleinen Sohn ein besseres Leben und flüchtet in ihre Gedankenwelt.

Anspruchsvoll, packend und mit geschickt verwobenen Handlungssträngen erwartet den Leser ein ungewöhnlicher Familienroman, dessen Entdeckung sich absolut lohnt!

Freuen Sie sich über viele Bienen in der Natur!

Susanne Luther-Feddersen

 

Lese- und Hörbuch-Tipps des Monats April – Romane

Durch Zufall lagen auf meinem großen Bücher- und Hörbuch-Stapel, der auf meine Lektüre oder mein Hören wartete, gleich drei Titel von australischen Autoren, die sehr unterschiedlich, aber alle durchaus für entspannte Stunden empfehlenswert sind.

Graeme Simsion: Der Mann, der zu träumen wagte. Aus dem australischen Englisch von Annette Hahn.

„Der Mann, der zu träumen wagte“ von Graeme Simsion

Als Buch: Fischer Krüger, Frankfurt am Main 2017.

Als Hörbuch gelesen von Johannes Steck im Argon-Verlag (http://www.argon-verlag.de/), Berlin 2017.

Am bekanntesten ist wohl seit dem „Rosie-Projekt“ und dem (etwas schwächeren) Folgeband „Der Rosie-Effekt“ der Australier Graeme Simsion. Wer allerdings eine ähnlich humorvolle und außergewöhnliche Geschichte erwartet, wird enttäuscht sein. Ohne diese Erwartung kann sich der Leser aber auf eine romantische Midlife-Liebesgeschichte einrichten. Der Protagonist Adam Sharp führt seit 20 Jahren ein angenehmes, eher unaufgeregtes Leben an der Seite von Claire. Beide arbeiten in der IT-Branche, sind kinderlos geblieben und entfernen sich allmählich in scheinbarer Gleichgültigkeit voneinander.

Ein einziges Wort, eine E-Mail von seiner großen Liebe Angelina, an die Adam trotz der lange vergangenen Zeit immer wieder denken musste, lässt ihn sein Leben und seine Entscheidungen damals und heute hinterfragen. Angelinas Kontaktversuch nach so vielen Jahren weckt in dem talentierten Klavierspieler Adam auch wieder seine Leidenschaft für Musik. Und da liegt auch eine der Stärken des sonst eher „klassisch“ umgesetzten Themas des Wiederauflebens der EINEN großen Liebe: Erinnerungen und Gefühle sind eng verknüpft mit Songs und Liedtexten, die am Ende des Buches erfreulicherweise auch aufgelistet sind.

Dass Angelina Adam in ihr Ferienhaus nach Frankreich einlädt, um mit ihr und ihrem Ehemann eine gemeinsame Woche zu verbringen, stellt die Beziehungen aller erwartungsgemäß auf die Probe.

In der Hörbuchfassung liest Johannes Steck mit unverwechselbarer, großartiger Stimme und fängt die Stimmung wunderbar ein!

 

Jane Harper: The Dry. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.

„The dry“ von Jane Harper

Als Hörbuch gelesen von Götz Otto im Argon-Verlag (http://www.argon-verlag.de/), Berlin 2016.

Vermutet wird von den Behörden ein erweiterter Suizid aus wirtschaftlicher Not heraus. Denn als Luke Harding, seine Frau und deren 6-jähriger Sohn Billy erschossen aufgefunden werden, herrscht ein der schlimmsten Dürren der letzten Jahre in dem kleinen Städtchen Kiewarra in Australien. Die Existenznöte der Farmer sind groß, die Stimmung ist hochgradig gereizt.

Zur Beerdigung seines Jugendfreundes Luke kehrt der Polizist Aaron Falk nach über zwanzig Jahren erstmals zurück in seine alte Heimat. Damals wurde eine gute Freundin von Luke und Aaron tot aufgefunden und das Alibi das die damaligen Jugendlichen sich gegenseitig gaben, war falsch. Aufgeklärt wurde das Geschehen damals nicht. Trotz der großen Anfeindungen zweifelt Aaron daran, dass sein alter Freund Luke, sich und seine Familie umgebracht hat. Auch der örtliche Sergeant Raco sucht nach Beweisen, die die Tat erklären. Misstrauen, alter Hass und die Ängste um die eigene Sicherheit brodeln in dem kleinen Ort – und der Druck auf Aaron wächst!

Die Stimme von Götz Otto nimmt sofort gefangen –  sowohl die Atmosphäre als auch die Spannung, die durch Rückblenden den Hörer auch in die Vergangenheit mitnimmt, sind in der Lesung perfekt eingefangen!

 

Antonia Hayes: Die relative Unberechenbarkeit des Glücks. Aus dem Australischen von Andrea Brandl.

„Die relative Unberechenbarkeit des Glücks“ von Antonia Hayes

Blanvalet-Verlag (siehe https://www.randomhouse.de/), München 2016.

Der zwölfjährige Ethan, der von Quantenphysik und Astronomie mehr weiß als so mancher Student aus dem Fach, ist ein ungewöhnliches Kind. Seine Mutter Claire ist seine wichtigste Bezugsperson, Freundschaften mit Gleichaltrigen sind für ihn eher schwierig. Seine Inselbegabung und eine Hirnschädigung, die er als Baby erlitten hat, machen ihn zum Außenseiter: er wird in der Schule gemobbt.

Je älter Ethan wird, desto mehr möchte er über seinen Vater Mark erfahren, den er nicht kennt.

Durch einen Brief erfährt Ethan zufällig, dass dieser sich gerade in der Stadt aufhält und er sucht den Kontakt zu ihm – ohne das Wissen seiner Mutter.

Ethans Schädigung ist die Folge eines Schütteltraumas, das Mark ausgelöst hat, als er – allein und überfeuert mit seinem Kind – das schreiende Baby nicht beruhigen konnte und heftig schüttelte. In der Folge wurde Mark angeklagt und zu einer Haftstrafe verurteilt, musste seine Familie verlassen und auch sein bisheriges Leben als Physiker aufgeben.

Die Auseinandersetzung aller Beteiligten mit den Geschehnissen und der Familiengeschichte ist durch die abwechselnde Schilderung aus Ethans, Claires und Marks Sicht mitfühlend und überzeugend geschrieben. In der Perspektive Ethans erinnert die Geschichte ein wenig auch an das „Rosie-Projekt“…

Lesen oder hören Sie selbst!

Susanne Luther-Feddersen

Lesetipp des Monats April – Bilderbuch

Oliver Jeffers, Sam Winston: Wo die Geschichten wohnen. Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit.

Mixtvision (https://mixtvision.de/), München 2016.

„Wo die Geschichten wohnen“ von Oliver Jeffers und Sam Winston

Der neueste Streich von Oliver Jeffers, dem wir unter anderem auch die hinreißende Freundschafts-Geschichte „Pinguin gefunden“ verdanken, macht mit dem verschlossenen Buch auf dem Cover schon auf den ersten Blick alle Leseratten neugierig. Gemeinsam mit Sam Winston entführt Jeffers sein Publikum in ein Reich aus Wörtermeeren, Märchenbergen, Zauberwäldern und verwunschenen Schlössern, die allesamt aus Büchern und Geschichten bestehen. Ein fantasiebegabtes Mädchen sucht darin einen Reisegefährten und findet einen Jungen, der nach anfänglicher Skepsis mit ihr im Kaninchenloch aus „Alice im Wunderland“ verschwindet. Gemeinsam erleben sie nun die wunderbarsten Abenteuer und bauen sich eine Welt aus Geschichten, in der jeder willkommen ist. Und die allerletzte Seite verrät dann auch, mit welchem Schlüssel sich die (Buch-)Tür dorthin öffnen lässt.

Eine zauberhafte Liebeserklärung an das Lesen – und an alle Bücher, die kleine Skeptiker das Lesen lieben gelehrt haben.

Andrea Sondermann

Lesetipp des Monats August – Roman

Henning Mankell: Die schwedischen Gummistiefel. Roman. Aus dem Schwedischen von Verena Reichel.

Zsolnay, Wien 2016.

"Die schwedischen Gummistiefel" von Henning Mankell

„Die schwedischen Gummistiefel“ von Henning Mankell

Der ehemalige Chirurg Fredrik Welin lebt allein auf einer kleinen Schäreninsel vor Stockholm. Nach einem schrecklichen Kunstfehler hat er sich aus seinem Beruf zurückgezogen. Im stressigen Klinikbetrieb hat er einer jungen Sportlerin den falschen Arm amputiert. Das hat er sich nie verziehen.

Gleich zu Beginn der Handlung brennt sein von den Großeltern geerbtes Haus ab, es bleiben ihm noch ein Wohnwagen, ein Zelt, ein Boot und zwei ungleiche Gummistiefel. Sein Vater, der als Kellner beschäftigt war, hatte ihm mit auf den Weg gegeben, nur Schuhe zu tragen, die einen festen Halt bieten (das chinesische Sprichwort „Wenn der Schuh passt, denkt man nicht an den Fuß“ ist dem Roman vorangestellt).

Aus dem Vorgängerband „Die italienischen Schuhe“ wissen wir, dass dem ehemaligen Arzt nur wenige Menschen nahe standen. Seine Tochter lernte er erst als Erwachsene kennen. Die Mutter, seine ehemalige Geliebte, hatte er ohne Kenntnis von ihrer Schwangerschaft verlassen. Als schon kranke Frau besuchte sie ihn eines Tages in seiner Einsamkeit, durch sie erfuhr er von der Existenz seiner Tochter.

Der im vorliegenden Roman mittlerweile 70jährige Welin wird nach dem Brand verdächtigt, das Feuer selbst gelegt zu haben. So ist er nicht nur durch den Brand geschädigt, sondern sieht sich zusätzlich noch den Verdächtigungen der Polizei und der Nachbarschaft ausgesetzt.

Obwohl der Schaden von der Versicherung finanziell abgedeckt ist bleibt der Verlust des Hauses für ihn schmerzhaft. Auch die Wiederbeschaffung von soliden Gummistiefeln einer schwedischen Firma erweist sich als zeitraubend, Billigware aus China will er nicht akzeptieren.

So geht es in diesem Buch um die Frage, was ist, wenn das sicher geglaubte Zuhause wegbricht, Selbstverständliches sich auf einmal als unsicher erweist und der feste Halt im Leben verlustig geht.

Der im letzten Jahr verstorbene Autor schrieb seinen letzten Roman in dem Bewusstsein, unheilbar an Krebs erkrankt zu sein. Diese Gewissheit spiegelt sich auch im Roman wieder, eine leise Melancholie durchzieht das Buch. Seine schwermütige und kauzige Hauptfigur Fredrik Welin ist unverkennbar mit Wallander, dem Kommissar in Mankells Krimis, verwandt.

Ein packender Roman, in der typischen Mankell-Manier erzählt.

Auguste Carstensen-Lenz

 

Lesetipp des Monats August – Roman

Joel Dicker: Die Geschichte der Baltimores. Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Brigitte Große und Andrea Alvermann.

Piper, München 2016.

"Die Geschichte der Baltimores" von Joel Dicker

„Die Geschichte der Baltimores“ von Joel Dicker

Nach dem großen Erfolg des mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichneten Romans „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“, erschien von dem Schweizer Schriftsteller nun das zweite Buch auch in Deutschland.

Der Ich-Erzähler Marcus, mittlerweile ein berühmter und erfolgreicher Schriftsteller, beginnt aus seiner Sicht die Geschichte der US-amerikanischen Familie Goldman aufzuschreiben.

Seiner Kindheits- und Jugenderinnerung zu Folge erscheint ihm seine eigene Familie, die Goldmans aus Montclair, als typische Mittelstandsfamilie eher langweilig. Er lebt mit seinen Eltern in einem Vorort New Jerseys und geht auf eine normale, staatliche Schule. Onkel und Tante hingegen, die Goldmans aus Baltimore, sind wohlhabend, erfolgreich und strahlen in Marcus´ Augen im hellsten Licht. Sein Cousin, Hillel, ist hochbegabt. Und der Adoptivsohn der Familie, Woody, ist ein großartiger Sportler. Marcus verbringt viele Ferien bei den hoch bewunderten Verwandten, genießt die Zeit mit seinen Cousins, ist aber auch neidisch und schämt sich zuweilen seiner eigenen schlichten Herkunft. Aber Hillel, Woody und er sind beste Freunde und halten fest zusammen. Natürlich verlieben sich alle drei in das gleiche Mädchen, Alexandra.

Eine Katastrophe lässt die vermeintlich heile Welt der Goldmans aus Baltimore zerbrechen. Acht Jahre danach entdeckt Marcus in der Beschäftigung mit der Vergangenheit, die ihn nicht loslässt, dass viele entscheidende Details der Familiengeschichte ganz anders zusammenhingen, als er es wahr haben wollte.

Die Geschichte über Ruhm und Untergang einer Familie, über Freundschaft, Eifersucht und tragische Missverständnisse nimmt den Leser schnell gefangen: Mit Rückblenden und Zeitsprüngen (vor und nach der Katastrophe) entwickelt sich ein anspruchsvoller Unterhaltungsroman, kurzweilig und spannend in einem tollen Erzählstil!

Susanne Luther-Feddersen

Das Geschriebene ist die Verkörperung eines Gedanken

Ausstellungsplakat SmarslyVom 8. August bis zum 29. Oktober zeigt die Stadtbibliothek Husum Druckgrafiken in der neuen Ausstellung „Das Geschriebene ist die Verkörperung eines Gedanken“: Dichter-Porträts von Joachim Smarsly. Der Künstler setzt für seine Porträts Fotos, Texte und grafische Elemente zusammen.

Am 3. September, unserem Tag der offenen Tür, verbindet Joachim Smarsly ab 15.30 Uhr die Lesungen durch Hans-Peter Bögel mit seinen Werken. Interessierte sind herzlich willkommen. Der Eintritt ist frei.