Lesetipp des Monats März – Roman

Elena Ferrante: Meine geniale Freundin. Kindheit und frühe Jugend. Roman. Aus dem Italienischen von Karin Krieger.

Suhrkamp (http://www.suhrkamp.de/), Berlin 2016.

„Meine geniale Freundin“ von Elena Ferrante

Eines Morgens bekommt die Ich-Erzählerin einen Anruf vom längst erwachsenen Sohn ihrer besten Freundin. Er fragt, ob sie weiß, wo seine Mutter sein könne. Sie sei seit zwei Wochen spurlos verschwunden, und zwar gründlich: sämtliche Kleider, persönlichen Gegenstände und Papiere sind ebenfalls weg – seine Mutter hat sich sogar aus sämtlichen Fotos in der Wohnung herausgeschnitten!

Lenú (Elena), so heißt die Erzählerin, zeigt – hier habe ich beim Lesen schon zum ersten Mal gestaunt – am Telefon keinerlei Mitleid mit dem Anrufer, sie zankt sich nur ein wenig mit dem doch immerhin besorgten Sohn herum, legt schließlich auf und ihr ist klar, dass ihre lebenslange Freundin nun wahrgemacht hat, was sie schon lange angekündigt hatte. Zu verschwinden, ihr Leben auszulöschen. Mit sechsundsechzig. Und wie immer, wie bei allem, was sie tut, so findet Lenú, übertreibt ihre geniale Freundin Lila maßlos!!!

Wütend setzt sie sich an ihren Computer und beginnt, die Geschichte ihrer Freundschaft aufzuschreiben. Sie schreibt gegen Lilas Verschwinden an, und wir lesen atemlos, vergessen zu schlucken und trinken zu viel Kaffee, weil wir wach bleiben müssen, um alles von den beiden zu erfahren.

Von Kindheit und Jugend der beiden Mädchen erzählt dieser erste Roman. Lila und Lenú wachsen in einem von Kleinbürgertum und Kriminalität geprägten „Rione“ auf, einem staubigen, ärmlichen Viertel im Osten von Neapel in den 1950er Jahren. Hier befehden sich die Familien seit Generationen voller Energie.

Die Freundinnen lieben und vertrauen einander, doch ihre Beziehung, immer aus Lenús Sicht geschildert, ist auch voller Konkurrenz und Schmerz. Es ist auch der Kampf zweier begabter, außergewöhnlicher Mädchen um ihr Glück, und um einen sozialen Aufstieg aus ihrer ärmlichen, völlig bildungsfernen Umgebung.

Ferrante erzählt ungeheuer kraftvoll, präzise, aufwühlend und poetisch zugleich.

Leserinnen weltweit sind der neapolitanischen Saga geradezu verfallen. Der zweite Band „Die Geschichte eines neuen Namens“ ist auch schon erschienen und bei uns ausleihbar, der dritte erscheint im Juni und der abschließende vierte Band im Oktober.

Ich kann es kaum erwarten!

Hedda Jensen

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Lesetipp des Monats September – Jugendbuch

Tamara Ireland Stone: Mit anderen Worten: ich. Aus dem Englischen von Sandra Knuffinke und Jessika Komina.

Magellan, Bamberg 2016.

"Mit anderen Worten: ich" von Tamara Ireland Stone

„Mit anderen Worten: ich“ von Tamara Ireland Stone

Gedankenspiralen, die kreisen und kreisen und nicht mehr aufhören wollen. Besessenheit von der Zahl Drei. Das Leben der sechzehnjährigen Sam wird von Zwängen beherrscht, für die sie sich schämt. Um keinen Preis dürfen ihre Freundinnen, die Clique der „Verrückten Acht“, davon jemals erfahren. Aber es ist anstrengend, tagtäglich ein schützendes Lügengebilde aufrechtzuerhalten, und Sams Therapeutin hat ihr schon mehrfach dringend geraten, sich doch vielleicht einmal andere Freunde zu suchen – damit sie endlich nicht mehr nur im Schwimm-Camp während der Sommerferien sie selbst sein kann. Die große Chance zur Veränderung tut sich auf, als Sam einen geheimen Dichterclub in ihrer Schule entdeckt. Die Wirkung des Schreibens auf ihre Zwänge ist enorm: beruhigend und befreiend wie sonst nur das Schwimmen. Aber den Schlüssel zum geheimen Dichter-Treffpunkt hütet AJ Olsen, den Sam und ihre Freundinnen vor einigen Jahren so schlimm gemobbt hatten, dass er die Schule verlassen musste… ob er ihr verzeihen kann?

„Mit anderen Worten: ich“ ist ein faszinierendes und sehr bewegendes Buch, ein tiefer Blick ins Herz einer Jugendlichen, die zu gern aus ihrer Haut möchte, aber ihren Zwängen nie vollständig entkommen kann. Die Autorin Tamara Ireland Stone wurde durch eine ähnliche Diagnose im engsten Freundeskreis zu Sams Geschichte inspiriert. Sie hat ein Werk geschaffen, das Mut macht – und ganz nebenbei auch wunderbare Einblicke in die schöpferische Kraft des kreativen Schreibens vermittelt. Da möchte man nach, aber auch schon während der Lektüre am liebsten gleich selbst zu Stift und Papier greifen (oder notfalls zur Fast-Food-Verpackung als Papierersatz, so wie es Sydney aus dem Dichterclub perfektioniert hat). Also: lesen und loslegen!

Andrea Sondermann

Lesetipp des Monats August – Kinder- und Jugendbuch

Kate Gordon: Wohin meine Flossen mich tragen. Aus dem Englischen von Anne Braun.

cbt, Hamburg 2016.

"Wohin meine Flossen mich tragen" von Kate Gordon

„Wohin meine Flossen mich tragen“ von Kate Gordon

Eigentlich läuft das Leben gar nicht so schlecht für Clementine Darcy: sie hat gleich zwei beste Freundinnen, ein liebevolles Zuhause und hängt sehr an ihren beiden älteren Geschwistern – ihrer nahezu in allen Belangen perfekten Schwestern Sophie und ihrem furchtlosen großen Bruder Fergus. Aber mit 15 ist die Welt leider nicht mehr so einfach: Fergus hat seit einem Jahr sein Zimmer nicht mehr verlassen, Sophie wird immer dünner und unzufriedener. Außerdem hat Clementine das Gefühl, dass sie ihren besten Freundinnen so, wie sie ist, irgendwie nicht mehr gut genug ist, sondern dass die beiden ständig versuchen, sie zu verändern – sie traut sich aber nicht, mit den beiden darüber zu sprechen. Nur in dem „Journal“, das sie für den Philosophie-Unterricht von Ms Hiller schreibt, setzt sich Clementine intensiv mit ihren Gefühlen und Gedanken auseinander – sollte sie lieber mit dem Strom schwimmen oder dagegen? Als sie plötzlich ganz allein dazustehen scheint, findet sie Halt bei Fred, dem Neuen an der Schule: Steampunk-Fan mit durchdringendem Blick und ausgesprochen hübschem Lächeln, das ihr schon seit ihrer ersten Begegnung nicht mehr aus dem Kopf geht. Worüber Clementine bisher nur was-wäre-wenn-Gedichte geschrieben hat, passiert nun wirklich: Sie verliebt sich zum ersten Mal. Durch Fred lernt sie ein anderes Umfeld und neue Freunde kennen und findet immer mehr zu sich selbst. Aber noch hat sie nicht alle Schwierigkeiten überwunden … Ob alle, die ihr am Herzen liegen, wohl auch für sie da sein werden, wenn Clementine sie am dringendsten braucht?

Autorin Kate Gordon lässt Clementine in Form von Journaleinträgen und Gedichten mit ihrer ganz eigenen, sympathischen Stimme erzählen. Die zunächst verstreuten „Schnipsel“ ergeben mehr und mehr ein Gesamtbild und eine zusammenhängende, in sich stimmige Geschichte.

Ein Buch zum Mit- und Wohlfühlen – nette Sommerlektüre mit Tiefgang.

Andrea Sondermann

Lesetipp des Monats Juli – Bilderbuch

Rachel Bright, Jim Field: Der Löwe in dir. Aus dem Englischen übersetzt von Pia Jüngert.

Magellan, Bamberg 2016.

"Der Löwe in dir" von Rachel Bright und Jim Field

„Der Löwe in dir“ von Rachel Bright und Jim Field

Nein, es ist nicht schön, so klein und ängstlich zu sein wie die Maus und immer von allen übersehen zu werden. Viel lieber wäre sie ein bisschen mehr wie der Löwe. Vielleicht hilft es, wenn sie das Brüllen lernt – aber von wem? Das muss ihr doch wohl der Meister persönlich beibringen! Also nimmt sie all ihren Mut zusammen und macht sich auf den Weg, um ihn zu fragen.

Tapfer, tapfer! Wer hätte geahnt, welche Überraschung auf sie wartet … und dass die Erkenntnis am Ende natürlich nur lauten kann: „Jeder von uns ist mal Löwe, mal Maus.“

Frech gedichtet von Rachel Bright (und auch in Reimen übersetzt!) entspinnt sich eine kleine feine Geschichte über Angst und Mut, über Freundschaft und darüber, dass in den Kleinsten oft mehr steckt als man denkt und dass auch der Stärkste sich mal fürchten darf. Eine wohltuende Botschaft, rundum gelungen verpackt: die herrlichen Zeichnungen von Jim Field (siehe Buchcover) bringen die Gefühlslage der Protagonisten gekonnt auf den Punkt.

Andrea Sondermann

 

Lesetipp des Monats Juni – Jugendroman

Stephanie Tromly: Digby #01. Aus dem Englischen übersetzt von Sylke Hachmeister.

Oetinger, Hamburg 2016.

"Digby #01" von Stephanie Tromly

„Digby #01“ von Stephanie Tromly

Nach der Scheidung ihrer Eltern zieht Ich-Erzählerin Zoe mit ihrer Mutter in die Kleinstadt River Heights – furchtbar! – und träumt davon, der örtlichen Highschool-Hölle (mitsamt missgünstigen Mädchencliquen) zu entkommen und von der Prentiss Academy in New York aufgenommen zu werden. Nachsitzen mit dem Sonderling Digby scheint dafür kein besonders guter Anfang zu sein, aber das ist noch gar nichts: Ohne so richtig zu wissen, wie das passieren konnte, findet sich Zoe mitten in einem Einbruch wieder, unter Beschuss, verhaftet, gekidnappt … Der lässige und detektivisch begabte Digby, mit dem die Gefahr Hand in Hand zu gehen scheint, stellt ihr Leben völlig auf den Kopf.

Vor 8 Jahren verschwand Digbys kleine Schwester spurlos aus dem heimischen Schlafzimmer; bei den folgenden polizeilichen Ermittlungen wurden sämtliche (!) Familienmitglieder zu Unrecht verdächtigt (woran der verbliebene Rest von Digbys Familie zerbrach). Seitdem ist er davon besessen, dieses Rätsel zu lösen. Und ganz nebenbei auch noch andere. Zum Beispiel einen Drogenring auffliegen zu lassen. Außerdem könnte der aktuelle Vermisstenfall einer Schülerin vielleicht im Zusammenhang mit der Entführung von damals stehen. Warum Zoe das alles mitmacht? Irgendwie scheint der ewig hungrige Digby wohl ihr Freund geworden zu sein …

Autorin Stephanie Tromly erzählt ihr erstes Jugendbuch spannend und sehr witzig, während Zoe, Digby (der nie einen Plan B hat) und ihre Freunde in eine völlig absurde Situation nach der anderen stolpern. Dialoge und Action sind filmreif – da zeigt sich, dass die Autorin auch im Drehbuchbereich tätig ist. Der deutsche Titel „Digby #01“ klingt verglichen mit dem äußerst passenden Originaltitel „Trouble is a friend of mine“ zwar nicht so einfallsreich, verspricht aber dafür schon, was alle LeserInnen nach der Lektüre sicherlich fordern: Eine Fortsetzung!! Bis dahin lesen wir Teil 1 einfach noch mal.

Andrea Sondermann

Lesetipp des Monats April – Kinderbuch

Ellen van Velzen: Der Turm der Drachenlenker. Aus dem Niederländischen übersetzt von Meike Blatnik.

Gerstenberg-Verlag, Hildesheim 2015.

"Der Turm der Drachenlenker" von Ellen van Velzen

„Der Turm der Drachenlenker“ von Ellen van Velzen

Genau 496 Stoffdrachen schweben hoch über dem kleinen, abgeschiedenen Dorf. Die Überlieferung erzählt, dass sie das Dorf und seine Bewohner vor Gefahr beschützen. Der Junge Jani glaubt daran, aber seine Altersgenossen und auch viele Erwachsene halten das mittlerweile nur noch für ein altes Märchen. Daher sind die Drachenlenker nicht mehr so angesehen wie einst, und der verträumte Jani erntet Hohn und Unverständnis, als er bei ihnen in die Lehre geht. Dabei ist er noch gar nicht sicher, ob er diesen Weg wirklich einschlagen will, denn der Jüngere der beiden Drachenlenker, der mürrische „Neue Drachen“, macht ihm das Leben zusätzlich schwer. Soll Janis Berufung denn zwangsläufig Einsamkeit bedeuten und wird auch die Freundschaft zwischen ihm und der gleichaltrigen Mond daran zerbrechen? Während Jani noch um eine Entscheidung ringt, scheint etwas Böses und Gefährliches dem Dorf immer näher zu kommen – helfende Drachenmagie wäre mittlerweile also durchaus angebracht. Aber was, wenn der Schutz gar nicht funktioniert? Hat Jani sich etwa die ganze Zeit geirrt, oder kann er am Ende doch mit Hilfe der Drachen alle Dorfbewohner retten?

Ellen van Velzen entführt mit ihrem Buch in eine seltsam zeitlose Welt, in der sich die Gefahr auf leisen Sohlen heranschleicht. Die über weite Strecken ruhige Selbstfindungsgeschichte ist aus Janis Sicht erzählt, sehr poetisch und sehr berührend. Fesselnde Unterhaltung!

Andrea Sondermann

Lesetipp des Monats Dezember – Roman

Christoph Poschenrieder: Mauersegler. Roman.

Diogenes, Zürich 2015.

"Mauersegler" von Christoph Poschenrieder

„Mauersegler“ von Christoph Poschenrieder

Fünf alte Herren, seit früher Jugend miteinander befreundet, gründen eine Alten-WG, um in den verbleibenden Jahren das Leben nochmals zu genießen. Im Beruf und in  der Gesellschaft waren sie sehr erfolgreich. Wilhelm war Chefjustiziar bei Deutschlands größtem Versicherungskonzern, Heinrich wurde als Lebensmitteltechnologe und Saucenerfinder reich, Siegfried gefällt sich immer noch als Theaterregisseur und Intendant, der Ich-Erzähler Carl war Chefredakteur eines schöngeistigen Magazins. Der reichste von ihnen ist der Software-Unternehmer Ernst, der eine Villa am See kauft, in der sie ohne gängelnde Familienangehörige oder Pflegekräfte ihren Ruhestand genießen wollen. Natürlich hat das Leben sie unterschiedlich geprägt und es bedarf einiger Hausregeln für ein harmonisches Zusammenleben.

Da sie im jüngeren Alter gewohnt waren, mit Geld und Macht zu jonglieren, wollen sie auch beim eigenen Ableben nichts dem Zufall überlassen. Dazu entwickelt der Computerspezialist ein „Todesengelprogramm“,  wonach sie sich selbstbestimmt und gegenseitig aus dem Leben befördern wollen. Davon soll die kirgisische Pflegerin nichts erfahren, wohl aber der Dorfarzt.

So geht es in diesem Buch auch um Sterbehilfe und die Auseinandersetzung mit der Schuld am Tod eines weiteren Freundes, den sie in der Schulzeit verloren haben.

Dennoch ist der Roman keineswegs deprimierend, was an der entspannten und leichtfüßigen  Erzählweise des Ich-Erzählers liegt. Die Beschreibung der Suche nach einem sechsten WG-Bewohner ist köstlich: ehemalige Wirtschaftsbosse werden zum Vorstellungsgespräch gebeten.

Gesellschaftssatire und philosophische Fragen – ein sehr unterhaltsames Buch.

Auguste Carstensen-Lenz