Lesetipp des Monats September – Roman

Moritz Rinke: Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel. Roman.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010.

"Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel" von Moritz Rinke

„Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“ von Moritz Rinke

Der zunächst als Dramatiker bekannt gewordene Autor siedelt seinen ersten Roman in Worpswede an, wo er selbst in einer Künstlerfamilie aufwuchs. Er konstruiert eine Familiengeschichte aus der Sicht des Nachkommen Paul Wendland, der von seiner Hippie-Mutter beauftragt wird, das geschichtsträchtige Elternhaus vor dem Einsinken ins Moor zu retten. Da dieser als erfolgloser Galerist in Berlin kaum ein Auskommen hat, kehrt er in das berühmt gewordene Dorf zurück, um die Aufgabe zu erledigen. Hier arbeitete sein Großvater Kück an lebensgroßen Bronzestatuen von Luther bis zu Max Schmeling und Ringo Starr. Der berühmte Bildhauer überstand die Nazizeit unbeschadet, so die Annahme des Enkels. Doch dann werden bei den Sanierungsarbeiten eine Leiche und die Skulptur des Reichsbauernführers gefunden. Für Paul beginnt die Vergangenheitsbewältigung. Dunkle Familiengeheimnisse und Generationenkonflikte, in die die Bewohner der Künstlerkolonie verstrickt waren, tauchen nun ins Licht. Die historischen Gestalten spielen dabei ihre eigene Rolle.

Ein vergnüglicher Roman mit tragikomischen Elementen und skurrilen Figuren. Eine originelle Idee, mit dem Worpswede-Klischee zu spielen, zudem spannend geschrieben.

Auguste Carstensen-Lenz

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Lesetipp des Monats Februar – Roman

Sarah Addison Allen: Die Mondscheinbäckerin. Roman. Aus dem Englischen von Sonja Hauser.

Goldmann, München 2013.

"Die Mondscheinbäckerin" von Sarah Addison Allen

„Die Mondscheinbäckerin“ von Sarah Addison Allen

Die 17-jährige Emily zieht nach dem Tod ihrer Mutter in die Kleinstadt Mullaby zu ihrem Großvater, von dem sie bislang nichts wusste. Doch der kleine Ort in North Carolina ist keine gewöhnliche Kleinstadt, und Emily wird nicht von allen Einwohnern mit offenen Armen empfangen. Der gleichaltrige Win scheint der einzige aus der geheimnisumwitterten Familie Coffey zu sein, der ihr wohlgesonnen ist, und die nette Nachbarin Julia versucht, Emily vor traurigen Wahrheiten zu beschützen.

Was geht bloß in Mullaby vor? Ein Hauch von Magie liegt in der Luft: Warum geistern nachts Irrlichter durch die Stadt, warum wechselt die Tapete in Emilys Zimmer je nach Stimmung ihr Muster? Warum schaut Emilys Großvater ständig in den Trockner, warum verlässt die Familie Coffey nachts niemals das Haus, und warum backt Julia Kuchen über Kuchen bei offenem Fenster?

Schritt für Schritt beginnen sich die kleinen und großen Rätsel von Mullaby zu lösen. Aber schon bald zeigt sich, dass Emilys Mutter das größte Rätsel von allen ist: Nach und nach wird alles, was Emily über sie zu wissen glaubte, auf den Kopf gestellt …

Die zweite Hauptfigur des Buches ist Julia, die eigentlich nur für zwei Jahre in ihre Heimatstadt Mullaby zurückkehren wollte, um den Nachlass ihres Vaters zu regeln. Anschließend will sie irgendwo weit weg eine eigene Bäckerei eröffnen. Ihrer einstigen großen Highschool-Liebe Sawyer versucht sie währenddessen konsequent aus dem Weg zu gehen – in einer Kleinstadt wie Mullaby klappt das natürlich überhaupt nicht. Wird Julia am Ende ihr Glück an dem einen Ort finden, an dem sie schon gar nicht mehr danach suchen wollte?

Autorin Sarah Addison Allen spinnt hier ein charmantes Netz, dem man sich kaum entziehen kann, bis ihre liebevoll geschriebene Geschichte den Leser am Schluss mit einem wohligen Gefühl entlässt. Zauberhaft!

Andrea Sondermann