Lesetipp des Monats September – Thriller

Asa Ericsdotter: Epidemie. Roman. Aus dem Schwedischen von Ulla Ackermann.

Arctis (http://arctis-verlag.de/), Zürich 2017.

Eine besondere Art der Diät

Diesen unglaublichen Thriller hat mir eine Kollegin empfohlen und ich habe dieses Buch mit dem schlichten schwarzen Titelbild mit der weißen Schrift, die aussieht, als sei sie mit Zucker aufgestreut, binnen zwei Tagen verschlungen!

In Schweden ist seit vier Jahren die Gesundheitspartei unter der Führung des charismatischen Präsidenten Johan Svärd an der Macht. Seine Wiederwahl steht bevor. Fast das ganze Land widmet sich der kollektiven Bekämpfung der Fettleibigkeit, die die Partei für die Geißel der Menschheit hält. Mit erschütternder Leichtigkeit ist die Machtübernahme gelungen, die Erfolge sind groß und das Ausland betrachtet die Entwicklung interessiert.

Es gibt Steuern auf Zucker, Schweinefleisch und auf Übergewicht, Menschen werden nach dem Fettindikator eingeteilt, Magenband-Operationen und Abnehmpillen sind schon für Kinder alltäglich. Die Menschen überwachen sich gegenseitig und nur wenige fragen sich, was in den „Fat Camps“ für die ganz schweren Fälle wirklich geschieht. Daneben läuft der scheinbar normale Alltag weiter.

Eigentlich hat sich der junge Professor Landon ins abgelegene Ferienhaus seiner Familie zurück gezogen, um in Ruhe zu arbeiten. Er lernt die warmherzige, selbstbewußte Helena kennen, die ihre Tochter von der Schule abgemeldet hat, um sie vor weiteren Demütigungen und Maßnahmen zur gezwungenen Gewichtsabnahme zu bewahren. Als Helena eines Tages spurlos verschwindet, beginnt ein Wettlauf mit der Zeit.

Die Autorin möchte ihren Debütroman durchaus auch als politischen Protest verstanden wissen, nicht umsonst gibt es im Buch klare Parallelen zur Diktatur des Nationalsozialismus, zu den Methoden und Motiven der geistigen Brandstifter. Und das verknüpft sie erschreckend und klug zugleich mit dem aktuellen Schlankheits- und Gesundheitswahn.

Ein mitreißend erzählter Thriller, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Aus mehr als nur einem Grund!

Hedda Jensen

 

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Lesetipp des Monats November – Roman

Hanne-Vibeke Holst: Das Mädchen aus Stockholm. Roman.

Pendo, München 2014.

"Das Mädchen aus Stockholm" von Hanne-Vibeke Holst

„Das Mädchen aus Stockholm“ von Hanne-Vibeke Holst

In Berlin wird der dänischen Opernregisseurin Helena Tholstrup ein wichtiger Medienpreis feierlich übergeben. Zu diesem Anlass erhofft die beruflich sehr erfolgreiche Helena auf eine Versöhnung mit ihrer Tochter Sophie, die gemeinsam mit ihrem Verlobten Khalil zur Preisverleihung anreist. Khalil, der ein radikaler Muslim zu sein scheint, droht im Hotelzimmer von Helena, eine Bombe zu zünden, sollte Helena sich nicht für die vermeintliche Beleidigung der Moslems in ihrer prämierten Operninszenierung entschuldigen

Auf der zweiten Erzählebene wird die Geschichte von dem Pfarrer Thorvald Tholstrup, Helenas Großvater, erzählt, der in den 1940er Jahren dem Widerstand gegen die deutsche Besatzung in Dänemark angehört und sich und seine Familie mit den Zwillingen Leif und Leo großen Gefahren aussetzt, aber auch zum Volkshelden wird.

Leo und Leif, mittlerweile erwachsen, reisen gemeinsam mit dem Rad durch Dänemark, um sich vor dem bevorstehenden Eintritt in das Berufsleben noch unbeschwert zu amüsieren. Sie lernen in Kopenhagen Ninni kennen und verlieben sich beide in sie. Während auf Leif zu Hause eine Verlobte wartet, beginnt Leo seine berufliche Laufbahn im diplomatischen Dienst. So ist es schließlich Leo, der die schwangere Ninni, ambitionierte Sängerin und aus reichem Hause, heiratet und zum Vater der Tochter Helena wird.

Die Verknüpfung der Familiengeschichten und –geheimnisse gelingt der dänischen Autorin mit viel Einfühlungsvermögen und Spannung. Sie weckt große Sympathien für ihre Figuren und rückt die Themen Liebe und Verzeihen in den Mittelpunkt, ohne je rührselig zu werden. Eine bewegende Familiengeschichte sowohl im geschichtlichen Kontext als auch im aktuellen Bezug, die den Leser schnell in den Bann zieht. Sehr gerne empfohlen!

Susanne Luther-Feddersen