Lesetipp des Monats Februar – Roman

Nell Leyshon: Die Farbe von Milch. Roman. Aus dem Englischen von Wibke Kuhn.

Eisele (http://eisele-verlag.de/), München 2017.

„Mein Name ist Mary. Mein Haar hat die Farbe von Milch. Und dies ist meine Geschichte.“

So beginnt dieses bewegende Buch, das von Mary zunehmend sicherer und selbstbewusster, in ihren eigenen Worten, erzählt wird. Sie wächst als jüngste von vier Bauerntöchtern im ländlichen England auf. Schon als kleines Kind hat sie gelernt, hart zu arbeiten. Sie ist fleißig und zugleich nicht um eine  schnelle Antwort verlegen. Als sie 15 Jahre alt ist, wird sie im Frühjahr des Jahres 1831 ins örtliche Pfarrhaus geschickt, dort soll sie sich als zweites Dienstmädchen um die kranke Hausherrin kümmern. Für Mary öffnet sich eine neue Welt: Sie bekommt in diesem gebildeten und wohlgeordneten Haushalt nicht nur gut zu essen, sondern das intelligente Mädchen erhält die ungewöhnliche Chance, lesen und schreiben zu lernen. Als die Pfarrersfrau stirbt, kommt es jedoch zu dramatischen Veränderungen…

Dieser außergewöhnlich erzählte Roman , der den Zeitraum eines einzigen Jahres umfasst, hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Die Aussage des Buches, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts spielt, ist zeitlos und erschreckend aktuell, wie die momentan in allen Medien laufenden Debatten um Abhängigkeitsverhältnisse und sexuelle Übergriffe beispielsweise in der Filmwelt zeigen.

Hedda Jensen

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Lesetipp des Monats Dezember – Roman

Daniel Kehlmann: Tyll. Roman.

Rowohlt (https://www.rowohlt.de), Reinbek bei Hamburg 2017.

Am Ende jedes Jahres frage ich mich, welches der Bücher, die ich in den vergangenen Monaten gelesen habe, wohl mein Lieblingsroman gewesen ist. Hier ist die Antwort für 2017: Mein Buch des Jahres ist „TYLL“ von Daniel Kehlmann.

„Tyll“ von Daniel Kehlmann
(c) Rowohlt-Verlag

Nach dem sensationellen Erfolg seines Romans „Die Vermessung der Welt“ über Alexander von Humboldt und den genialen Mathematiker Carl Friedrich Gaus hatte Kehlmann als knapp 30-jähriger seinerzeit erklärt, er werde nun nie wieder einen historischen Stoff verarbeiten, er hatte viele andere Pläne. Und er hat sich wirklich redlich Mühe gegeben in den letzten 12 Jahren, vom experimentellen Roman bis zum Krimi hat er alles Mögliche veröffentlicht.

Erst in der Ferne, Daniel Kehlmann lehrt und arbeitet zur Zeit in New York, hat er sich auf das besonnen, was er am allerbesten kann: Eine Epoche zum Leben zu erwecken!

In „TYLL“ lässt er uns mühelos eintauchen, mit allen Sinnen, ins düstere 17. Jh., in die Zeit des 30-jährigen Krieges, in dessen blutigem Gefolge die damals bekannte Ordnung in Trümmern lag. Schlachten, Missernten, Seuchen, Aberglauben, religiöser Wahn… Ein Menschenleben gilt nicht viel und im Grunde ist jeder jederzeit in Lebensgefahr. Eine grausame, dunkle Welt voll Willkür und Gewalt, Angst, Pest und Gestank. EINER jedoch, der tanzt und spielt durch die deutschen Lande. Und durch dieses Buch! Im Grunde ist er fortwährend auf der Flucht, doch währenddessen lehrt er als Gaukler die Menschen das Staunen, hält ihnen den sprichwörtlichen Spiegel vor und zieht ihnen das Geld aus der Tasche, hält sie zum NARREN. Ist überall und nirgends.

Kehlmanns bester Schachzug nämlich ist die Wahl seiner Hauptfigur, die durch dieses prachtvolle Buch irrlichtert. Und fest entschlossen ist, selbst dem Tod zu entfliehen.

Sie kennen ihn alle – Es ist Till Eulenspiegel, der Narr, der bei uns in Norddeutschland, in Mölln begraben liegen soll, den Kehlmann in seinem Buch höchst lebendig werden lässt. Er ist noch fast ein Kind, als er aus der heimischen Mühle flieht und auf Wanderschaft geht, als Ulenspiegel zieht er durch die verwüsteten Lande, die junge Bäckerstochter Nele an seiner Seite. Er trifft die Bettler, Bauern und Soldaten bei seinen verrückten Darbietungen und begegnet den Großen seiner Zeit, denen er als Hofnarr dient, mit ebenso wenig Respekt wie den kleinen Leuten. Wenn es brenzlig wird, zieht er weiter. Sein Leben ist ein einziger Tanz auf dem Seil.

Wir leben in gefühltermaßen unsicherer werdenden Zeiten. Diese hinreißend erzählte Geschichte aus, historisch gesehen, absolut chaotischen Zeiten hatte auf mich beim Lesen daher eine verblüffend beruhigende Wirkung.

„TYLL“ ist ein kluger, ja fast gelehrter Roman, und dabei ein leichtfüßiger Lesespaß. Im wahrsten Sinne ein GenieSTREICH!

Hedda Jensen

Lesetipp des Monats März – historischer Roman

Elizabeth Loupas: Die zweite Herzogin. Historischer Roman. Aus dem Englischen von Anja Schünemann.

Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2011.

"Die zweite Herzogin" von Elizabeth Loupas

„Die zweite Herzogin“ von Elizabeth Loupas

Was für ein Auftakt: „‚Seine erste Frau soll er mit eigenen Händen ermordet haben‘, flüsterte die Frisierdame, während sie mir eine Perlenschnur ins Haar flocht. ‚Sie war so jung, so schön.'“ Im Dezember 1565 trifft Barbara von Österreich in Ferrara ein, um dort Herzog Alfonso d’Este zu ehelichen und somit seine „zweite“ Herzogin zu werden. Es ist eine aus politischen Gründen arrangierte Heirat. Mit 26 Jahren ist Barbara nicht mehr die jüngste Braut, und besonders schön ist sie mit ihrer langen Nase und der berüchtigten „Habsburger Lippe“ auch nicht. Dass Alfonsos erste Frau, Lucrezia de Medici, unter verdächtigen Umständen gestorben und ihr Gatte gerüchteweise daran nicht ganz unschuldig ist, hat sie natürlich gehört. Trotzdem freut sich Barbara auf Ferrara, ist die Ehe doch ihre Chance, einer Zukunft im Kloster (die bereits ihren drei unverheirateten Schwestern droht) zu entkommen. Aber sich in ihrem neuen Leben einzurichten ist nicht ganz einfach: am Hof von Ferrara (den eine erbitterte Feindschaft mit den Medici aus Florenz verbindet) wimmelt es von Neid, Intrigen und Spionen, und Barbaras Gefühle gegenüber Alfonso sind zwiespältig – ist er wirklich ein Mörder? Das Rätsel um den Tod ihrer Vorgängerin lässt der intelligenten, neugierigen Barbara keine Ruhe, und so beginnt sie mit vorsichtigen Erkundigungen. Anscheinend stellt sie dabei die richtigen Fragen, denn bald gibt es erste Anschläge auf ihr Leben…

Elizabeth Loupas verknüpft in ihrem ersten Roman sprachlich elegant den immer spannender werdenden Kriminalfall mit farbenprächtig geschilderter Historie. Um den Lesern auch Lucrezias Geschichte und Gefühlswelt näherzubringen, greift die Autorin zu einem raffinierten Trick: Lucrezias Geist ist zwischen Diesseits und Jenseits gefangen, kann sich aber weder bemerkbar machen noch in die Handlung eingreifen sondern nur die Geschehnisse aus ihrer Sicht kommentieren. Diese kursiv gedruckten Passagen fügen sich so passend in die Geschichte ein, dass die Idee mit dem Geist kein bisschen befremdlich erscheint. Vielmehr bangt man bald nicht nur mit Barbara, sondern auch um die teils blauäugige, teils boshafte Lucrezia, die sich schon halb auf dem Weg in die Hölle wähnt.

Im Nachwort geht die Autorin kurz auf die tatsächlichen historischen Ereignisse und Gestalten ein, die sie zu ihrem Roman inspiriert haben. Wie es allerdings den Hauptakteuren Barbara und Alfonso später ergangen ist, erzählt sie dabei nicht – das ist auch gut so: denn aus den historischen Grundlagen hat sie ihre ganz eigenen Romanfiguren zum Leben erweckt. Und nun liegt es ganz in der Phantasie der Leser, ihnen eine gebührende Zukunft jenseits aller Aufzeichnungen auszumalen.

Andrea Sondermann

Lesetipp des Monats Oktober – Roman

Alex Capus: Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer.

Hanser, München 2013

"Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer" von Alex Capus

„Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer“ von Alex Capus

Dem Schweizer Schriftsteller Alex Capus gelingt es wiederum (nach der Liebegeschichte von „Léon und Louise“) in seinem neuen Roman mit historischem Hintergrund ein sehr persönliches und berührendes Bild seiner Akteure zu beschreiben.

Die drei realen Schweizer Persönlichkeiten, deren Lebenswege Capus kunstvoll miteinander verknüpft, könnten sich ein einziges Mal getroffen haben: Im November 1924 am Züricher Hauptbahnhof. Dort beginnt auch der Roman, der von nun an abwechselnd den Blick auf die drei Protagonisten lenkt: Felix Bloch – Pazifist – wird Physiker, flieht vor den mächtig werdenden Nationalsozialisten in die USA und hilft dort beim Bau der Atombombe mit. Laura d´Oriano möchte Sängerin werden und wird aufgrund ihrer hervorragenden Sprachkenntnisse als Spionin für die Alliierten tätig. Emile Gilliéron hingegen, der mit Schliemann als archäologischer Zeichner nach Troja reist, entwickelt sich zum Kunstfälscher der Schätze Knossos auf Kreta.

So unterschiedlich die Lebensläufe sind, eines haben alle gemeinsam: sie haben sich eine ganz andere Zukunft für sich erhofft und erträumt. Spannend und einfühlsam zeichnet Capus diese Figuren und ihr Bestreben, sich selbst treu zu bleiben, nach.

Zu Recht ein Spiegel-Bestseller und gerne zu empfehlen.

Susanne Luther-Feddersen