Lesetipp des Monats November – Geschichten

Matthias Brandt: Raumpatrouille. Geschichten.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016.

"Raumpatrouille" von Matthias Brandt

„Raumpatrouille“ von Matthias Brandt

Der bekannte Schauspieler und Politikersohn hat sein erstes Buch geschrieben, ein Debüt mit 14 Geschichten. In der Ich-Perspektive ist es die abenteuerliche und rätselhafte Welt eines etwa 10jährigen Kindes. Diese Kindheit ist in der damaligen Schaltzentrale der Macht, in Bonn, angesiedelt und der Vater ist Bundeskanzler. Der Autor, Jahrgang 1961, berichtet von den gelangweilten Wachleuten, die auf dem Grundstück ihren Dienst tun, von der aufregenden Mondlandung im Jahr 1969  und von einem netten älteren Ehepaar Lübke in der Nachbarschaft, das ihn regelmäßig zum Kakaotrinken einlädt. Ihm ist bewusst, dass sein Vater einen „komischen Beruf“ hat. Der Erzähler möchte so sein wie seine Mitschüler und beteiligt sich wie sie an den Hänseleien eines Außenseiters, denn „es war die einfachste Art, zu sein, wie die anderen, und das war mein brennendster Wunsch“. Deshalb ist er begeistert von einer Übernachtung bei der Familie eines Schulfreundes, wo man abends Wim Thoelke im Fernsehen sieht und dazu Streichkäse mit aufgefächerter Gurke verzehrt.

Aus seiner Perspektive erzählt das Prominentenkind von einem hohlen Jahrmarktsbesuch mit den Eltern, der nur für die Presse inszeniert wird. Ebenfalls für die Öffentlichkeit veranstaltet ein Arbeitskollege, Herr Wehner, einen Fahrradausflug mit dem Vater, wohl kalkulierend, dass der Bundeskanzler das Fahrradfahren nicht beherrscht und die Tour zu einem Fiasko wird. Ob der Junge wirklich Matthias Brandt ist, lässt der Autor im Unklaren, denn „Alles, was ich erzähle, ist erfunden. Einiges davon habe ich erlebt. Manches, von dem, was ich erlebt habe, hat stattgefunden“. Die Menschen und Szenen in den größtenteils humorigen Geschichten sind gut beobachtet, distanziert und feinsinnig beschrieben.

Ein vergnüglicher Leckerbissen nicht nur für Leser, die sich an die Bonner Republik erinnern.

Auguste Carstensen-Lenz

 

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Lesetipp des Monats April – Kinderbuch

Ellen van Velzen: Der Turm der Drachenlenker. Aus dem Niederländischen übersetzt von Meike Blatnik.

Gerstenberg-Verlag, Hildesheim 2015.

"Der Turm der Drachenlenker" von Ellen van Velzen

„Der Turm der Drachenlenker“ von Ellen van Velzen

Genau 496 Stoffdrachen schweben hoch über dem kleinen, abgeschiedenen Dorf. Die Überlieferung erzählt, dass sie das Dorf und seine Bewohner vor Gefahr beschützen. Der Junge Jani glaubt daran, aber seine Altersgenossen und auch viele Erwachsene halten das mittlerweile nur noch für ein altes Märchen. Daher sind die Drachenlenker nicht mehr so angesehen wie einst, und der verträumte Jani erntet Hohn und Unverständnis, als er bei ihnen in die Lehre geht. Dabei ist er noch gar nicht sicher, ob er diesen Weg wirklich einschlagen will, denn der Jüngere der beiden Drachenlenker, der mürrische „Neue Drachen“, macht ihm das Leben zusätzlich schwer. Soll Janis Berufung denn zwangsläufig Einsamkeit bedeuten und wird auch die Freundschaft zwischen ihm und der gleichaltrigen Mond daran zerbrechen? Während Jani noch um eine Entscheidung ringt, scheint etwas Böses und Gefährliches dem Dorf immer näher zu kommen – helfende Drachenmagie wäre mittlerweile also durchaus angebracht. Aber was, wenn der Schutz gar nicht funktioniert? Hat Jani sich etwa die ganze Zeit geirrt, oder kann er am Ende doch mit Hilfe der Drachen alle Dorfbewohner retten?

Ellen van Velzen entführt mit ihrem Buch in eine seltsam zeitlose Welt, in der sich die Gefahr auf leisen Sohlen heranschleicht. Die über weite Strecken ruhige Selbstfindungsgeschichte ist aus Janis Sicht erzählt, sehr poetisch und sehr berührend. Fesselnde Unterhaltung!

Andrea Sondermann

Junge Kunst in Husum: Die Kunstprofile der Husumer Gymnasien stellen aus

In der Stadtbibliothek Husum ist vom 11. Februar bis zum 30. April 2016 zu sehen, was KüntlerInnen und DesignerInnen von morgen umtreibt.

Plakat Junge Kunst in HusumDie Schülerinnen und Schüler aus den Kunstprofilen der Husumer Gymnasien (Hermann-Tast-Schule und Theodor-Storm-Schule) stellen ca. 40 Arbeiten aus, die von ihren Lehrkräften Sabine Jung, Dorothee Klose-Lehmann, Matthias Leßmann (zugleich Organisator der Ausstellung) und Peter Warmke ausgewählt wurden. Gezeigt wird eine große Bandbreite von Werken, die im Unterricht der Oberstufe oder außerhalb der Schule entstanden sind; von Malerei und Graphik in verschiedenen Arbeitsfeldern und Techniken bis zum Modedesign.

Die Vernissage findet am 11. Februar 2016 um 19.00 Uhr in der Stadtbibliothek statt. Für die musikalische Untermalung sorgt die Amariszi-Band der TSS.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen. Der Eintritt ist frei.

Lesetipp des Monats September – Jugendroman

Susan Kreller: Schneeriese.

Carlsen, Hamburg 2014.

"Schneeriese" von Susan Kreller

„Schneeriese“ von Susan Kreller

Der 14-jährige Adrian lebt seit frühen Kindheitstagen direkt neben Stella und ihrer Familie, die Wohnungen sind nur durch eine Terrasse getrennt. Das Nachbarsmädchen ist für den für sein Alter sehr groß gewachsenen Jungen Vertraute und beste Freundin und die beiden sind unzertrennlich. Adrian, von Stella liebevoll nur „Einsneunzig“ genannt, wird von seiner guten Freundin auch in der Schule vor Hänseleien geschützt. Das lässt Adrian auch die quälenden Versuche seiner Mutter ertragen, die ihn zu einer Hormontherapie, die das Wachstum stoppen soll, bewegen will.

Als im Nachbarhaus, dem bislang leerstehenden, mysteriösen „Dreitotenhaus“, das seit jeher die Fantasie der beiden angeregt hat, eine georgische Familie einzieht, ändert sich plötzlich alles. Stella verliebt sich in Dato, den Sohn der Familie, und verbringt ihre Zeit jetzt mit ihm. Adrian durchlebt eine von Sprachlosigkeit, Wut und Eifersucht geprägte Zeit und begreift allmählich seine Verliebtheit in Stella. Der Liebeskummer  treibt ihn zu unrühmlichen Taten und beinahe richtet er auch in der Familie Datos großen Schaden an. Doch mehr noch schadet er sich selbst: Als Adrian eines Nachts vor der verschlossenen Küchentür von Stellas Familie auf die Hollywoodschaukel flieht und dort Stunden apathisch in der Kälte sitzt, rettet sein Vater ihn gerade noch rechtzeitig vor dem Erfrieren. Durch diese Kältenacht wird Adrian schwer krank, er hatte ohnehin schon vorher stark an Gewicht verloren und wird nun liebevoll von seinen besorgten Eltern gepflegt. Langsam kehrt er wieder ins Leben zurück, überlebt seinen furchtbaren Liebeskummer und … schafft es vielleicht trotzdem, Stellas Freund zu bleiben.

Eine außerordentliche Liebesgeschichte, für Jugendliche ab etwa 14 Jahren, legt die preisgekrönte Autorin hier vor, die besonders durch die Sprachgewalt und die Innensicht eines unglücklich verliebten Jungen besticht. Ein Buch, dem ich viele Leser (und auch Leserinnen) wünsche!

Susanne Luther-Feddersen

„Schneeriese“ wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2015 in der Sparte „Jugendbuch“ ausgezeichnet.