Lesetipp des Monats Juli – Roman

Julian Barnes: Der Lärm der Zeit. Roman. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger.

Kiepenheuer & Witsch (http://www.kiwi-verlag.de/), Köln 2017.

„Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes
(c) Kiepenheuer & Witsch

Warum steht ein Mann Nacht für Nacht neben seinem gepackten Koffer im Treppenhaus?

Der Komponist Dimitri Schostakowitsch wartet im Moskau des Jahres 1936 wie unzählige andere Bürger des Landes auf seine Verhaftung durch den russischen Geheimdienst. Er möchte seiner Frau und seiner kleinen Tochter den Anblick ersparen, dass er aus dem Schlafzimmer gezerrt wird.

Schon mit seiner ersten Sinfonie, die der damals erst 19-jährige Student 19125 als Abschlussarbeit komponiert hatte, hatte Schostakowitsch weltweite Anerkennung errungen. Die berühmtesten Orchester spielten fortan seine Stücke.

Seitdem Stalin jedoch eine Aufführung einer Oper von Schostakowitsch frühzeitig verlassen und die Parteizeitung „Prawda“ das Werk in einem Artikel verrissen hat, muss der Komponist damit rechnen, Opfer eines der berüchtigten Schauprozesse der Stalin-Ära zu werden.

Wie überlebt man als Künstler und als Mensch den „Lärm der Zeit“?

Man muss nicht musikbegeistert sein oder sich sogar schon mit der Biographie von Schostakowitsch befasst haben, um von diesem Roman des großartigen britischen Autors Julian Barnes gefesselt zu sein.

Schlaglichtartig beleuchtet Barnes Stationen im Leben des Musikers. Es geht um Privates und um Begegnungen mit der Macht, um Feigheit und Mut. Es geht um die Frage, wem die Kunst gehört und darum, wie weit man bereit ist, Kompromisse zu machen, sich demütigen zu lassen, um weiter als Künstler arbeiten zu können.

Durch weltweite politische Entwicklungen erhält Julian Barnes neuester Roman traurige Aktualität. Der Autor wurde im vergangenen Jahr übrigens in Hamburg mit dem Siegfried-Lenz-Preis für sein Gesamtwerk ausgezeichnet.

Hedda Jensen

 

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Lesetipp des Monats November – Geschichten

Matthias Brandt: Raumpatrouille. Geschichten.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016.

"Raumpatrouille" von Matthias Brandt

„Raumpatrouille“ von Matthias Brandt

Der bekannte Schauspieler und Politikersohn hat sein erstes Buch geschrieben, ein Debüt mit 14 Geschichten. In der Ich-Perspektive ist es die abenteuerliche und rätselhafte Welt eines etwa 10jährigen Kindes. Diese Kindheit ist in der damaligen Schaltzentrale der Macht, in Bonn, angesiedelt und der Vater ist Bundeskanzler. Der Autor, Jahrgang 1961, berichtet von den gelangweilten Wachleuten, die auf dem Grundstück ihren Dienst tun, von der aufregenden Mondlandung im Jahr 1969  und von einem netten älteren Ehepaar Lübke in der Nachbarschaft, das ihn regelmäßig zum Kakaotrinken einlädt. Ihm ist bewusst, dass sein Vater einen „komischen Beruf“ hat. Der Erzähler möchte so sein wie seine Mitschüler und beteiligt sich wie sie an den Hänseleien eines Außenseiters, denn „es war die einfachste Art, zu sein, wie die anderen, und das war mein brennendster Wunsch“. Deshalb ist er begeistert von einer Übernachtung bei der Familie eines Schulfreundes, wo man abends Wim Thoelke im Fernsehen sieht und dazu Streichkäse mit aufgefächerter Gurke verzehrt.

Aus seiner Perspektive erzählt das Prominentenkind von einem hohlen Jahrmarktsbesuch mit den Eltern, der nur für die Presse inszeniert wird. Ebenfalls für die Öffentlichkeit veranstaltet ein Arbeitskollege, Herr Wehner, einen Fahrradausflug mit dem Vater, wohl kalkulierend, dass der Bundeskanzler das Fahrradfahren nicht beherrscht und die Tour zu einem Fiasko wird. Ob der Junge wirklich Matthias Brandt ist, lässt der Autor im Unklaren, denn „Alles, was ich erzähle, ist erfunden. Einiges davon habe ich erlebt. Manches, von dem, was ich erlebt habe, hat stattgefunden“. Die Menschen und Szenen in den größtenteils humorigen Geschichten sind gut beobachtet, distanziert und feinsinnig beschrieben.

Ein vergnüglicher Leckerbissen nicht nur für Leser, die sich an die Bonner Republik erinnern.

Auguste Carstensen-Lenz

 

Lesetipp des Monats September – Roman

Moritz Rinke: Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel. Roman.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010.

"Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel" von Moritz Rinke

„Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“ von Moritz Rinke

Der zunächst als Dramatiker bekannt gewordene Autor siedelt seinen ersten Roman in Worpswede an, wo er selbst in einer Künstlerfamilie aufwuchs. Er konstruiert eine Familiengeschichte aus der Sicht des Nachkommen Paul Wendland, der von seiner Hippie-Mutter beauftragt wird, das geschichtsträchtige Elternhaus vor dem Einsinken ins Moor zu retten. Da dieser als erfolgloser Galerist in Berlin kaum ein Auskommen hat, kehrt er in das berühmt gewordene Dorf zurück, um die Aufgabe zu erledigen. Hier arbeitete sein Großvater Kück an lebensgroßen Bronzestatuen von Luther bis zu Max Schmeling und Ringo Starr. Der berühmte Bildhauer überstand die Nazizeit unbeschadet, so die Annahme des Enkels. Doch dann werden bei den Sanierungsarbeiten eine Leiche und die Skulptur des Reichsbauernführers gefunden. Für Paul beginnt die Vergangenheitsbewältigung. Dunkle Familiengeheimnisse und Generationenkonflikte, in die die Bewohner der Künstlerkolonie verstrickt waren, tauchen nun ins Licht. Die historischen Gestalten spielen dabei ihre eigene Rolle.

Ein vergnüglicher Roman mit tragikomischen Elementen und skurrilen Figuren. Eine originelle Idee, mit dem Worpswede-Klischee zu spielen, zudem spannend geschrieben.

Auguste Carstensen-Lenz

Lesetipp des Monats November – Bestseller

Volker Weidermann: Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014.

"Ostende" von Volker Weidermann

„Ostende“ von Volker Weidermann

Prominente Schriftsteller treffen sich im Sommer 1936 im belgischen Badeort Ostende: Stefan Zweig, Josef Roth, Egon Erwin Kisch, Ernst Toller, Irmgard Keun, Arthur Koestler und andere weniger bekannte. Sie befinden sich in einer Urlaubswelt mit bunten Badehäusern, Sonnenschirmen und einem Spielcasino. Sie sind Hitler-Gegner und haben gemeinsame Sorgen und Hoffnungen. Ihre Heimat haben sie verloren, sie werden verfolgt und ihre Bücher sind verboten. Im Mittelpunkt dieser illustren Gesellschaft steht die Freundschaft zwischen Stefan Zweig und dem ihn bewundernden jüngeren Josef Roth. Die lebenslustige Irmgard Keun ist wegen Josef Roth dabei, eine leidenschaftliche Liebe verbindet das ungleiche Paar. Es ist das letzte Zusammentreffen der Literaten in diesen dreißig Tagen. Wenig später werden sie sich in alle Himmelsrichtungen zerstreuen oder  ihrem Leben selbst ein Ende setzen.

Volker Weidermann erzählt von der Begegnung dieser Vertreter einer „verlorenen Generation“. In Briefen und anderem Quellenmaterial hat der Literaturkritiker treffende Zitate gefunden und mit den überlieferten Ereignissen montiert. So ist eine informative, feinsinnige und bewegende Erzählung entstanden, die zum Weiterlesen der – inzwischen – Klassiker aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts animiert.

Ebenfalls empfehlenswert ist das Hörbuch. Der Schauspieler Ulrich Noethen liest pointiert, so dass die besondere Atmosphäre des Exilortes spürbar wird.

 Auguste Carstensen-Lenz

Lesetipp des Monats Februar – Roman

Joachim Meyerhoff: Alle Toten fliegen hoch, Teil 1: Amerika. Roman.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011.

"Alle Toten fliegen hoch: Amerika" von Joachim Meyerhoff

„Alle Toten fliegen hoch: Amerika“ von Joachim Meyerhoff

J. Meyerhoff erzählt die Geschichte einer ganz normalen Jugend in den achtziger Jahren Norddeutschlands. Der erste Teil dieses ursprünglich für das Theater geschriebenen autobiografischen Romans heißt „Amerika“, da der Romanheld ein Jahr lang als Austauschschüler in den USA verbringt. Der Autor, Jahrgang 1967, ist Schauspieler und Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters.

Der Ich-Erzähler ist zu einem Auswahlverfahren für den Schüleraustausch nach Hamburg eingeladen. Schon diesen Tag ohne die Gegenwart von Familie nutzt er für lang ersehnte Abenteuer in der Herbert- und Hafenstraße. Das Auswahlgespräch bringt ihn mit arroganten Großstadtkindern zusammen, die ihm scheinbar überlegen sind. Um dennoch Chancen bei der Auswahl zu haben gibt er sich als anspruchslos, naturbegeistert und streng religiös aus, was ihn in die amerikanische Provinz nach Laramie führt.

Mit Humor und Selbstironie erzählt er von seinem neuen amerikanischen „way of life“ in Wyoming: vom lockeren Teenagerleben mit eigenem Auto, vom Basketball-Kult in der High School und von seiner eigenen sichtbaren Veränderung. Anschaulich berichtet er von den kulturellen Unterschieden: Vom Leben in der Gastfamilie, vom neuen Wasserbett und von einem Gefängnisbesuch. Erhellend für ihn ist auch, dass er seine Filmhelden in den Fernsehserien erst jetzt richtig versteht, da die Stimmen nicht synchronisiert sind wie im deutschen Fernsehen: „die einzelnen Stimmen, Stimmlagen standen sich nicht so scharfkantig gegenüber“.

In Rückblenden kommt er immer wieder zu Szenen aus seiner Kindheit in Schleswig. Es passierte nicht wirklich Spektakuläres. Es sind seine lakonischen und zurückhaltenden Formulierungen für skurrile Begebenheiten, die das Lesen zu einem Vergnügen machen.

Auguste Carstensen-Lenz

Lesetipp des Monats September – Krimi

Volker Kutscher: Der nasse Fisch. Gereon Raths erster Fall.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007.

"Der nasse Fisch" von Volker Kutscher

„Der nasse Fisch“ von Volker Kutscher

Berlin im Jahr 1929: eine Weltstadt im Rausch und voller sozialer und politischer Spannungen. Wegen eines tödlichen Zwischenfalls in seiner Heimatstadt Köln kommt der Kriminalkommissar Gereon Rath in die Reichshauptstadt und wird zunächst dem Sittendezernat zugeteilt. Nach dem Fund einer unidentifizierten Leiche schaltet sich der junge ehrgeizige Kommissar ungefragt in die stagnierenden Ermittlungen der Mordkommission ein. Diese soll dem unter politischem Druck stehenden sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Ergebnisse liefern.

Bei seinen Recherchen entdeckt er eine Verbindung zu einem Kreis von Exilrussen, die mit geschmuggeltem Gold Waffen kaufen wollen, um gegen die kommunistische Regierung ihres Landes zu kämpfen. Auch weitere Gruppierungen wollen das Geld und die Waffen, so dass Gereon Rath es schnell mit dem organisierten Verbrechen zu tun bekommt. Seinen eigenen Auftrag würde er am liebsten zu den „nassen Fischen“ legen; so bezeichnet die Mordkommission die ungelösten Fälle. Zu sehr ist er selbst darin verstrickt.

Die Reichshauptstadt in den „Wilden Zwanzigern“ bietet den perfekten Hintergrund für die Handlung. Ausführlich werden die politischen Ereignisse in der Weimarer Republik geschildert: Die Kommunisten halten mit Straßenunruhen die Politische Partei auf Trab. Ehemalige Soldaten des Ersten Weltkrieges, die in diversen Frontkämpferverbänden organisiert sind, streiten für ihre Interessen. Dazwischen agieren Einzelkämpfer aus dem Verbrechermillieu. Regierungsstellen und die Polizei stehen außerdem im Visier einer unerbittlichen Presse, die es auf den Polizeipräsidenten abgesehen hat.

Die detaillierten Recherchen des Autors lassen die kriminalpolizeilichen Ermittlungen des Kommissars authentisch erscheinen. Fiktion und historische Tatsachen fügen sich gut ineinander. Die Atmosphäre und die aufgeheizte Stimmung der damaligen Zeit sind lebendig wiedergegeben. Als historische Kriminalromane (bisher sind drei weitere Titel in der Gereon-Rath-Reihe erschienen) werden sie auch die geschichtlich interessierten Leser begeistern.

Volker Kutscher, geboren 1962, arbeitete nach dem Studium der Germanistik, Philosophie und Geschichte zunächst als Tageszeitungsredakteur. Nebenher schrieb er Regionalkrimis, die im Bergischen Land angesiedelt sind. 2007 erschien der erste Band „Der nasse Fisch“ in der bisher vier Titel umfassenden Reihe von Kriminalromanen, die alle in Berlin um 1930 spielen. Der zweite Band „Der stumme Tod“ erschien 2009, der dritte Band „Goldstein“ 2010 und der vierte 2012 unter dem Titel „Die Akte Vaterland“. Die Gereon-Rath-Reihe wurde mit dem „Reinickendorfer Krimifuchs“ ausgezeichnet. Für den zweiten Band erhielt der Autor den „Burgdorfer Krimipreis“.

Volker Kutscher lebt als freier Autor in Köln.

Am Freitag, dem 20. September 2013, liest Volker Kutscher um 19.30 Uhr in der Stadtbibliothek Husum.

Weiteres zur Lesungsreihe in dänischen und deutschen Bibliotheken hier im Blog und unter „litteraturfest.nu„.

Auguste Carstensen-Lenz

Lesetipps des Monats April

Romane:

Thommie Bayer: Vier Arten, die Liebe zu vergessen.

Piper, München 2012.

Thommie Bayer: Vier Arten, die Liebe zu vergessen

Thommie Bayer: Vier Arten, die Liebe zu vergessen

Vier Schulfreunde begegnen sich nach beinahe 20 Jahren wieder: auf der Beerdigung ihrer Lehrerin und Mentorin, die die damaligen Internatsschüler als Freunde und Sänger einer A-Capella-Gruppe zusammengebracht hat. Spontan beschließen die vier, gemeinsam ein paar Urlaubstage in Venedig zu verbringen, wo Michael, einer von ihnen, in einem Palazzo lebt. Sie bleiben sich zunächst fremd, aber nach und nach öffnen sich die Männer in der Atmosphäre Venedigs ihren alten Freunden, zumindest teilweise: Enttäuschungen, misslungene Lebenspläne, verlorene oder nie gefundene Liebe haben die vier unterschiedlich geprägt. Wie viel Vertrautheit und Freundschaft bleibt nach so vielen Jahren ohne Kontakt? Besonders Michaels „Geheimnis“ um die Verknüpfung seines Berufs mit der Liebe steht im Vordergrund und wirkt geradezu poetisch. Der Autor schlägt leise Töne an und vermag in dieser ruhigen Geschichte doch zu fesseln mit den Lebensthemen Liebe, Freundschaft und Respekt.

Ein sehr schönes Buch, das man(n) so schnell nicht aus der Hand legt! Mehr davon!

Susanne Luther-Feddersen

Leena Lander: Eine eigene Frau.

Aus dem Finnischen von Stefan Moster. btb Verlag, München 2012.

Leena Lander: Eine eigene Frau

Leena Lander: Eine eigene Frau

Der Roman spielt sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart. Der Erzähler der Gegenwart ist Saidas Enkel Risto. In einer Lebenskrise hat er sich in das einsam gelegene Haus im Südwesten Finnlands, das er von seiner Großmutter Saida geerbt hat, zurückgezogen. Angeregt durch Dokumente aus der Zeit des Bürgerkriegs beginnt er die Geschichte seiner eigenen Familie zu ergründen. Nach und nach findet er mehr heraus über die Predigertochter Saida und die Menschen im Dorf. Deren Schicksale sind eng verbunden mit dem herrschaftlichen Leben auf dem Landgut. Ihre Erfahrungen spiegeln die Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Eine der Hauptfiguren ist der Sägewerkarbeiter Joel Tammisto. Im finnischen Bürgerkrieg 1918 agitiert er auf der Seite der Roten und wird als Mitglied des Kommitees zur Lebensmittelbeschaffung straffällig. Seine Tagebucheintragungen beginnen im Jahr 1903 und bilden den chronologischen Hintergrund dörflicher Ereignisse und politischer Veränderungen.

Im Jahr 2012 wurde „Eine eigene Frau“ von den Nordischen Botschaftern zum „Buch des Monats“ gewählt.

Leena Lander, Jahrgang 1955, gehört zu den bekanntesten finnischen Autoren. Auch in früheren Büchern hat sie Finnlands Vergangenheit zum Thema gemacht. Ihre Bücher wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Erstmals in deutscher Sprache erschien 1997 der Roman „Die Insel der Schmetterlinge“. Dort bringt sie die Heimerziehung in den 60er Jahren zur Sprache. Als Tochter eines Heimleiters ist sie selbst in dieser Atmosphäre aufgewachsen und konnte damit ihre eigene Kindheit aufarbeiten.

Auguste Carstensen-Lenz

Ashley Edward Miller & Zack Stentz: Der beste Tag meines Lebens.

Aus dem Englischen übersetzt. Droemer, München 2012.

Ashley Edward Miller & Zack Stentz: Der beste Tag meines Lebens

Ashley Edward Miller & Zack Stentz: Der beste Tag meines Lebens

Die beiden Autoren, die bereits gemeinsam etliche Drehbücher verfasst haben, veröffentlichen hier ihren ersten Roman, den ich wärmstens empfehlen möchte:

Colin ist nicht nur in seiner Schule ein Außenseiter: als Asperger-Autist hat er große Schwierigkeiten, die Emotionen seiner Mitmenschen zu erkennen und angemessen zu reagieren. In seinem Notizbuch hat er extra Skizzen angefertigt, anhand derer er Gefühle wiederzuerkennen versucht. Außerdem kann er Berührungen und Lärm nicht ertragen: er reagiert mit hysterischen Anfällen.

So ist er beständig Spott und Drangsalierungen ausgesetzt. Ausgerechnet seinem Erzfeind Wayne, der ihn schon verprügelt und ins Klo getaucht hat, will er helfen, als dieser unter Verdacht gerät, eine Waffe in die Schule geschmuggelt und abgefeuert zu haben. Mit seinem scharfen, analytischem Verstand ermittelt Colin akribisch und versucht, den wahren Täter zur überführen. Er wächst über sich selbst hinaus und gewinnt sogar einen Freund.

Die Geschichte ist herrlich lakonisch und quasi emotionslos aus der Sicht Colins erzählt, es gibt in jedem Kapitel kleine Einschübe mit Wissenhäppchen, die Colin ermittelt hat und für erwähnenswert hält, und in vielen kleinen Fußnoten werden Begriffe oder Fakten erläutert. Das liest sich unglaublich unterhaltsam und anrührend zugleich. Auch wenn es zu den Erwachsenenromanen gehört, eignet sich dieser besondere Roman über Freundschaft und Außenseiter unbedingt auch für Jugendliche!

Susanne Luther-Feddersen

Jana Oliver: Aller Anfang ist Hölle.

Aus dem Englischen von Maria Poets. FJB, Frankfurt am Main 2011.

Jana Oliver: Aller Anfang ist Hölle

Jana Oliver: Aller Anfang ist Hölle

Mal ehrlich: Ein Buch, in dem gleich im ersten Kapitel ein „Biblio-Dämon“ sein Unwesen treibt, muss man als Bibliothekarin doch einfach lieben, oder? Irgendwie hatten wir ja schon immer den Verdacht, dass die Bücher nicht von allein verschwinden …

Die 17jährige Riley geht bei ihrem Vater als Dämonenfängerin in die Lehre. Bisher handelt es sich dabei um einen typischen Männerberuf, und die alteingesessenen Kollegen ihres Vaters nehmen den Teenager nicht wirklich ernst. Leider bleiben deren Vorbehalte und ein im Internet kursierendes Pannenvideo nicht Rileys einzige Sorge: Plötzlich scheinen alle Dämonen in ganz Atlanta ihren Namen zu kennen, ihr Vater wird von einem Dämon ermordet und sie muss sein Grab bewachen, damit er nicht von einem Totenbeschwörer versklavt werden kann. Denver Beck, ehemaliger Geselle ihres Vaters, und Simon Adler, Lehrling ihres neuen, tyrannischen Ausbilders Harper, stehen Riley zur Seite. Zwischen ihr und Simon entspinnt sich sogar ein zerbrechliches Liebesglück. Doch dabei entgeht Riley völlig, dass sie jemand anderem viel mehr am Herzen liegt. Und der mächtige Dämon, der ihren Vater getötet hat, ist ihr bereits auf den Fersen.

Glaubhaft und mit atemloser Spannung entführt Jana Oliver, die wie ihre Hauptfigur in Atlanta lebt, ihre Leser in eine Welt, in der die Hölle bereits auf Erden stattfindet und nichts mehr sicher scheint. Abwechselnd folgt die Geschichte den Erlebnissen von Riley und Beck und sorgt für erhöhte Suchtgefahr. Auch der Folgeband „Seelenraub“ wird jedoch nicht alle Fragen beantworten, sondern Riley nur in noch größere Schwierigkeiten bringen. So bleibt weiterhin ungeduldiges Warten auf die Fortsetzung.

Andrea Sondermann

Sachbücher:

Adriana Altaras: Titos Brille – die Geschichte meiner strapaziösen Familie.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011.

Adriana Altaras: Titos Brille - die Geschichte meiner strapaziösen Familie

Adriana Altaras: Titos Brille – die Geschichte meiner strapaziösen Familie

Als die 1960 in Zagreb geborene Schauspielerin und Regisseurin Adriana Altaras die Wohnung ihrer verstorbenen Eltern erbt, beginnt sie sich mit deren Leben und ihrer eigenen jüdischen Familiengeschichte auseinanderzusetzen.

Der in Kroatien geborene Vater überlebte in Italien den Krieg und machte in der kommunistischen Partei Jugoslawiens Karriere. In den 60er Jahren wurde er von der Partei ausgeschlossen und floh nach Deutschland, wo er als Arzt, später als Professor an der Universität Gießen arbeitete.

Die Mutter erforschte als Architektin früheres jüdisches Leben in Hessen und wurde mit ihren Veröffentlichungen bekannt. Beide gründeten in Gießen eine jüdische Gemeinde.

Als Tochter von Überlebenden schildert sie ihre eigenen Erfahrungen zum Verhältnis zwischen Deutschen und Juden: „Die Buchläden sind überfüllt mit jüdisch-deutscher Literatur. Historiker streiten, Gegner und Befürworter jeder These haben sich verausgabt. Volkshochschulen und Mahnmale erledigen den Rest. Ich brauche mich um nichts zu kümmern“. Mit kritischer Distanz und viel Humor reflektiert sie ihr „Anderssein“ in vielen Situationen. So wurde sie aufgrund ihres Aussehens zu Beginn ihrer schauspielerischen Tätigkeit „hauptsächlich für Opferrollen“ engagiert.

Klug und amüsant hat Adriana Altaras die Geschichte einer außergewöhnlichen Familie in Europa beschrieben, die vom bewegten 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart reicht.

Auguste Carstensen-Lenz

Aus einem Land vor unserer Zeit: Eine Lesereise durch die DDR-Geschichte.

Metropol, Berlin 2012.

Aus einem Land vor unserer Zeit: eine Lesereise durch die DDR-Geschichte

Aus einem Land vor unserer Zeit: eine Lesereise durch die DDR-Geschichte

Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall macht sich eine Gruppe von jungen Forschern auf, ein Land vor ihrer Zeit zu entdecken. Die Wissenschaftler, gebürtig in Ost- und Westdeutschland, waren zur Zeit des Verschwindens der DDR noch Kinder. Sie sammeln und analysieren Texte, Fotos und Filme, studieren Akten und befragen Zeitzeugen. Mit biografisch unverstelltem Blick werden neu Fragen an die DDR gerichtet und alte Fragen neu gestellt:

Welchen Einfluss hatte die SED konkret auf den Alltag und das Berufsleben junger Menschen? Wie wurde die Jugend zu sozialistischen Persönlichkeiten geformt? Welche Überlegungen gab es beim Städtebau für das Versprechen “Glücklichsein für jeden“? Wie war die Situation von Kindern inhaftierter Eltern?

Die „Lesereise durch die DDR-Geschichte“ bündelt die Beiträge von 25 Stipendiaten der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Auch die langsame Annäherung der Menschen und die derzeitige Ost-West-Befindlichkeiten im vereinten Deutschland nach 1989 werden thematisiert. Die Rolle der Bürgerrechtler ist ein weiteres Thema. Nach dem Ende der DDR wurde ihnen von der offiziellen Bundesrepublik viel Wertschätzung entgegengebracht, inzwischen sehen sie sich „Zwischen Orden und Spott“.

Zum Schluss richtet sich der Blick auch auf die Grenzländer der DDR und auf den aktuellen Umbruch im arabischen Raum.

Auguste Carstensen-Lenz

Ronald Bergan: Alles über Film – weltbeste Filme, Regisseure, Genres.

Aus dem Englischen übersetzt. Dorling Kindersley, München 2012.

Alles über Film: Weltbeste Filme, Regisseure, Genres

Alles über Film: Weltbeste Filme, Regisseure, Genres

Für alle Filmfans und Kinofreunde lädt dieses reich bebilderte Buch zu einer kleinen Reise durch die Filmgeschichte ein.

Seit der Geburt des Kinos 1895 bis zur digitalen Technik im heutigen Film sind unzählige Filmklassiker entstanden. Ob der interessierte Leser nun lieber über verschiedenen Filmgenres nachlesen oder sich einen Überblick über das internationale Kino verschaffen möchte: viele Bilder und informative Texthäppchen begleiten durch die Filmwelt. Natürlich dürfen die 100 besten Filme sowie die 100 größten Regisseure und ihre Filme in der Darstellung nicht fehlen.

Ein gut gelungener und unterhaltsamer Schmöker rund um den Kinofilm, der Lust auf die Filme macht, die man schon lange mal (wieder-)sehen wollte!

Susanne Luther-Feddersen

Kinderbücher:

Urte Fiutak: A, B, C … und Z – tierischer Buchstabenspaß.

Esslinger, Esslingen 2012.

A, B, C ... und Z: tierischer Buchstabenspaß

A, B, C … und Z: tierischer Buchstabenspaß

In bestechend schönen Fotos verknüpft dieses Sachbilderbuch das Alphabet mit erstem Wissen über Tiere. Pro Seite wird ein Buchstabe vorgestellt, dem ein Tier zugeordnet ist (nur beim „X“ wird mit dem „Axolotl“ ein bisschen geschummelt). Wo es passt, werden die Tiere auf einer Doppelseite sogar miteinander in Beziehung gesetzt: Zwischen Fuchs und Gans ist die Liedzeile „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ abgedruckt, und die Raupe verwandelt sich in den Schmetterling. Selten hatte ein Buch einen so passenden Untertitel: Dieses ABC macht wirklich Spaß!

Andrea Sondermann

Carolin Görtler: Mein großes Märchenwimmelbuch.

Cbj, München 2012.

Carolin Görtler: Mein großes Märchenwimmelbuch

Carolin Görtler: Mein großes Märchenwimmelbuch

Pünktlich zum großen Jubiläum der Grimmschen „Kinder- und Hausmärchen“ ist im letzten Jahr dieses fröhliche Bilderbuch erschienen. Hier können schon die Jüngsten in den bekanntesten Märchen der Brüder Grimm auf Entdeckungsreise gehen, denn die doppelseitigen Wimmelbilder im Comic-Stil kommen ganz ohne Worte aus und machen einfach Spaß! Wer die Märchen zusätzlich (vor)lesen möchte, findet die gekürzt (nach)erzählten Texte jeweils auf zwei Klappseiten an den Bildrändern. Besonderer Clou: In den Wimmelbildern sind nicht nur zahlreiche kleine Szenen aus den Märchen, sondern auch noch weitere Suchaufgaben versteckt. Außerdem spielt in den farbenfrohen Illustrationen jedes Märchen zu einer anderen Tageszeit. Dieses Buch sorgt für ein so rundum gelungenes Vorlese- und Such-Vergnügen, dass man sich wünscht, es wäre mindestens doppelt so dick. Da hilft nur eins: Gleich wieder von vorne anfangen.

Andrea Sondermann