Lesetipp des Monats August – Roman

Graham Swift: Ein Festtag. Roman. Aus dem Englischen von Susanne Höbel.

dtv (https://www.dtv.de/), München 2017.

Ein Sonntag im März

Ein überraschend sommerlicher Tag im März des Jahres 1924. Die „Herrschaft“ des Dienstmädchens Jane plant einen Ausflug zum Pferderennen, vor Jane liegt ein freier Tag.

Während des Frühstücks nimmt sie einen Anruf entgegen, von dem sie später behauptet, jemand sei „falsch verbunden“ gewesen. Kurze Zeit später liegt sie im Bett ihres vertrauten Liebhabers Paul, zum ersten Mal können sie sich in seinem Zimmer treffen. Paul Sheringham ist der Sohn einer mit Janes Arbeitgebern befreundeten, ebenfalls sehr wohlhabenden Nachbarfamilie. Seine Hochzeit mit einer natürlich standesgemäßen Braut steht bevor, später an diesem Tag ist Paul noch mit seiner Verlobten verabredet.

Nachdem er verspätet aufgebrochen ist, streift Jane, die weder ihren Vater noch ihre Mutter noch ihren wirklichen Namen kennt, neugierig durch das Haus und hängt ihren Gedanken nach. Noch ahnt sie nicht, wie dieser Tag enden wird.

Niemals in ihrem langen, erfüllten Leben, denn Jane wird über 90 Jahre alt werden und eine gefeierte Schriftstellerin, wird sie jemandem von dieser verbotenen Affäre erzählen. Sie bleibt ihr Geheimnis. Und hat doch Spuren hinterlassen, wie alles, das unser Leben berührt.

„Ein Festtag“ ist ein schmaler, elegant und unaufgeregt erzählter, sehr sinnlicher Roman des vielfach preisgekrönten britischen Autors Graham Swift, hervorragend übersetzt von Susanne Höbel. Ein Buch voll kluger Lebensfreude!

Hedda Jensen

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Lese- und Hörbuch-Tipps des Monats April – Romane

Durch Zufall lagen auf meinem großen Bücher- und Hörbuch-Stapel, der auf meine Lektüre oder mein Hören wartete, gleich drei Titel von australischen Autoren, die sehr unterschiedlich, aber alle durchaus für entspannte Stunden empfehlenswert sind.

Graeme Simsion: Der Mann, der zu träumen wagte. Aus dem australischen Englisch von Annette Hahn.

„Der Mann, der zu träumen wagte“ von Graeme Simsion

Als Buch: Fischer Krüger, Frankfurt am Main 2017.

Als Hörbuch gelesen von Johannes Steck im Argon-Verlag (http://www.argon-verlag.de/), Berlin 2017.

Am bekanntesten ist wohl seit dem „Rosie-Projekt“ und dem (etwas schwächeren) Folgeband „Der Rosie-Effekt“ der Australier Graeme Simsion. Wer allerdings eine ähnlich humorvolle und außergewöhnliche Geschichte erwartet, wird enttäuscht sein. Ohne diese Erwartung kann sich der Leser aber auf eine romantische Midlife-Liebesgeschichte einrichten. Der Protagonist Adam Sharp führt seit 20 Jahren ein angenehmes, eher unaufgeregtes Leben an der Seite von Claire. Beide arbeiten in der IT-Branche, sind kinderlos geblieben und entfernen sich allmählich in scheinbarer Gleichgültigkeit voneinander.

Ein einziges Wort, eine E-Mail von seiner großen Liebe Angelina, an die Adam trotz der lange vergangenen Zeit immer wieder denken musste, lässt ihn sein Leben und seine Entscheidungen damals und heute hinterfragen. Angelinas Kontaktversuch nach so vielen Jahren weckt in dem talentierten Klavierspieler Adam auch wieder seine Leidenschaft für Musik. Und da liegt auch eine der Stärken des sonst eher „klassisch“ umgesetzten Themas des Wiederauflebens der EINEN großen Liebe: Erinnerungen und Gefühle sind eng verknüpft mit Songs und Liedtexten, die am Ende des Buches erfreulicherweise auch aufgelistet sind.

Dass Angelina Adam in ihr Ferienhaus nach Frankreich einlädt, um mit ihr und ihrem Ehemann eine gemeinsame Woche zu verbringen, stellt die Beziehungen aller erwartungsgemäß auf die Probe.

In der Hörbuchfassung liest Johannes Steck mit unverwechselbarer, großartiger Stimme und fängt die Stimmung wunderbar ein!

 

Jane Harper: The Dry. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.

„The dry“ von Jane Harper

Als Hörbuch gelesen von Götz Otto im Argon-Verlag (http://www.argon-verlag.de/), Berlin 2016.

Vermutet wird von den Behörden ein erweiterter Suizid aus wirtschaftlicher Not heraus. Denn als Luke Harding, seine Frau und deren 6-jähriger Sohn Billy erschossen aufgefunden werden, herrscht ein der schlimmsten Dürren der letzten Jahre in dem kleinen Städtchen Kiewarra in Australien. Die Existenznöte der Farmer sind groß, die Stimmung ist hochgradig gereizt.

Zur Beerdigung seines Jugendfreundes Luke kehrt der Polizist Aaron Falk nach über zwanzig Jahren erstmals zurück in seine alte Heimat. Damals wurde eine gute Freundin von Luke und Aaron tot aufgefunden und das Alibi das die damaligen Jugendlichen sich gegenseitig gaben, war falsch. Aufgeklärt wurde das Geschehen damals nicht. Trotz der großen Anfeindungen zweifelt Aaron daran, dass sein alter Freund Luke, sich und seine Familie umgebracht hat. Auch der örtliche Sergeant Raco sucht nach Beweisen, die die Tat erklären. Misstrauen, alter Hass und die Ängste um die eigene Sicherheit brodeln in dem kleinen Ort – und der Druck auf Aaron wächst!

Die Stimme von Götz Otto nimmt sofort gefangen –  sowohl die Atmosphäre als auch die Spannung, die durch Rückblenden den Hörer auch in die Vergangenheit mitnimmt, sind in der Lesung perfekt eingefangen!

 

Antonia Hayes: Die relative Unberechenbarkeit des Glücks. Aus dem Australischen von Andrea Brandl.

„Die relative Unberechenbarkeit des Glücks“ von Antonia Hayes

Blanvalet-Verlag (siehe https://www.randomhouse.de/), München 2016.

Der zwölfjährige Ethan, der von Quantenphysik und Astronomie mehr weiß als so mancher Student aus dem Fach, ist ein ungewöhnliches Kind. Seine Mutter Claire ist seine wichtigste Bezugsperson, Freundschaften mit Gleichaltrigen sind für ihn eher schwierig. Seine Inselbegabung und eine Hirnschädigung, die er als Baby erlitten hat, machen ihn zum Außenseiter: er wird in der Schule gemobbt.

Je älter Ethan wird, desto mehr möchte er über seinen Vater Mark erfahren, den er nicht kennt.

Durch einen Brief erfährt Ethan zufällig, dass dieser sich gerade in der Stadt aufhält und er sucht den Kontakt zu ihm – ohne das Wissen seiner Mutter.

Ethans Schädigung ist die Folge eines Schütteltraumas, das Mark ausgelöst hat, als er – allein und überfeuert mit seinem Kind – das schreiende Baby nicht beruhigen konnte und heftig schüttelte. In der Folge wurde Mark angeklagt und zu einer Haftstrafe verurteilt, musste seine Familie verlassen und auch sein bisheriges Leben als Physiker aufgeben.

Die Auseinandersetzung aller Beteiligten mit den Geschehnissen und der Familiengeschichte ist durch die abwechselnde Schilderung aus Ethans, Claires und Marks Sicht mitfühlend und überzeugend geschrieben. In der Perspektive Ethans erinnert die Geschichte ein wenig auch an das „Rosie-Projekt“…

Lesen oder hören Sie selbst!

Susanne Luther-Feddersen

Literaturgruppe

Am Montag, 21. November 2016, bespricht die Literaturgruppe ab 18.30 Uhr in der Bibliothek das Buch „Aller Liebe Anfang“ von Judith Hermann.

Interessierte sind herzlich willkommen.

"Aller Liebe Anfang" von Judith Hermann

„Aller Liebe Anfang“ von Judith Hermann

Judith Hermann: Aller Liebe Anfang. Roman.

Fischer, Frankfurt am Main 2014.

Der Verlag schreibt über das Buch: „Judith Hermann hat einen Roman geschrieben über die Zumutungen der Liebe und die Schutzlosigkeit im Leben.
Stella und Jason sind verheiratet, sie haben eine Tochter, Ava, sie leben in einem Haus am Rand der Stadt. Ein schönes, einfaches Haus, ein kleiner Garten, ein alltägliches ruhiges Leben, meist ohne Jason, der viel arbeitet.
Aber eines Tages steht ein Mann vor der Tür dieses Hauses, ein Fremder, jemand, den Stella nie zuvor gesehen hat. Er sagt, er wolle sich einfach einmal mit ihr unterhalten, mehr sagt er nicht. Stella lehnt das ab. Der Fremde geht und kommt am nächsten Tag wieder, er kommt auch am Tag darauf wieder, er wird sie nicht mehr in Ruhe lassen. Was hier beginnt, ist ein Albtraum, der langsam, aber unbeirrbar eskaliert.
In einer klaren, schonungslosen Sprache und irritierend schönen Bildern erzählt Judith Hermann vom Rätsel des Anfangs und Fortgangs der Liebe, vom Einsturz eines sicher geglaubten Lebens.“

Lesetipp des Monats August – Kinder- und Jugendbuch

Kate Gordon: Wohin meine Flossen mich tragen. Aus dem Englischen von Anne Braun.

cbt, Hamburg 2016.

"Wohin meine Flossen mich tragen" von Kate Gordon

„Wohin meine Flossen mich tragen“ von Kate Gordon

Eigentlich läuft das Leben gar nicht so schlecht für Clementine Darcy: sie hat gleich zwei beste Freundinnen, ein liebevolles Zuhause und hängt sehr an ihren beiden älteren Geschwistern – ihrer nahezu in allen Belangen perfekten Schwestern Sophie und ihrem furchtlosen großen Bruder Fergus. Aber mit 15 ist die Welt leider nicht mehr so einfach: Fergus hat seit einem Jahr sein Zimmer nicht mehr verlassen, Sophie wird immer dünner und unzufriedener. Außerdem hat Clementine das Gefühl, dass sie ihren besten Freundinnen so, wie sie ist, irgendwie nicht mehr gut genug ist, sondern dass die beiden ständig versuchen, sie zu verändern – sie traut sich aber nicht, mit den beiden darüber zu sprechen. Nur in dem „Journal“, das sie für den Philosophie-Unterricht von Ms Hiller schreibt, setzt sich Clementine intensiv mit ihren Gefühlen und Gedanken auseinander – sollte sie lieber mit dem Strom schwimmen oder dagegen? Als sie plötzlich ganz allein dazustehen scheint, findet sie Halt bei Fred, dem Neuen an der Schule: Steampunk-Fan mit durchdringendem Blick und ausgesprochen hübschem Lächeln, das ihr schon seit ihrer ersten Begegnung nicht mehr aus dem Kopf geht. Worüber Clementine bisher nur was-wäre-wenn-Gedichte geschrieben hat, passiert nun wirklich: Sie verliebt sich zum ersten Mal. Durch Fred lernt sie ein anderes Umfeld und neue Freunde kennen und findet immer mehr zu sich selbst. Aber noch hat sie nicht alle Schwierigkeiten überwunden … Ob alle, die ihr am Herzen liegen, wohl auch für sie da sein werden, wenn Clementine sie am dringendsten braucht?

Autorin Kate Gordon lässt Clementine in Form von Journaleinträgen und Gedichten mit ihrer ganz eigenen, sympathischen Stimme erzählen. Die zunächst verstreuten „Schnipsel“ ergeben mehr und mehr ein Gesamtbild und eine zusammenhängende, in sich stimmige Geschichte.

Ein Buch zum Mit- und Wohlfühlen – nette Sommerlektüre mit Tiefgang.

Andrea Sondermann

Lesetipp des Monats Mai – Roman

Karen Duve: Macht. Roman.

Galiani Berlin, Köln 2016.

"Macht" von Karen Duve

„Macht“ von Karen Duve

Hamburg im Jahr 2031: Der Weltuntergang scheint unaufhaltsam, dauerhaft schwerste Stürme, Überflutungen und Hitze bestimmen den Alltag. Der Staat hat den Feminismus durchgesetzt, Fleischkonsum und Benzin sind rationiert und teuer, die Menschen aber handeln nach wie vor egoistisch und konsumorientiert.

In einem Hamburger Vorort findet ein 50.-jähriges Klassentreffen statt, zu dem die ehemaligen Schulkameraden dank des neuen, hochgradig krebserregenden Medikaments „Ephebo“ deutlich verjüngt auftreten.  Auch Sebastian Bürger, eigentlich im Rentenalter, aber dank der Verjüngungspille jung und attraktiv aussehend, besucht das Klassentreffen und trifft dort seine heimliche Jugendliebe Elli wieder, in die er sich erneut verliebt.

Seine als verschollen geltende Frau, die Umweltministerin war, hält Sebastian seit zwei Jahren in seinem Keller angekettet gefangen. Er fühlte sich von seiner Frau dauerhaft herablassend behandelt und kann nun seine Machtfantasien ihr gegenüber grausam ausspielen: Sie muss ihm seine Lieblingskekse backen, ihm auch sonst zu Diensten sein und lebt (überlebt) nur dank seiner „Gnade“. Der neuen Liebe mit Elli steht nun seine eingekerkerte Frau im Weg – Sebastian träumt von einem unbeschwerten, neuen Leben …und manövriert sich und die Frauen in neue Katastrophen.

Die Autorin beschreibt in ihrer Gesellschaftssatire überwiegend dekadente, unbelehrbare, dem Untergang geweihte Menschen, bleibt in ihrer visionären Beschreibung dabei erschreckend realitätsnah und ist dabei sehr polemisch und sarkastisch. Leider bleibt der anfänglich starke und fesselnde Text nicht bis zum Ende überzeugend: der Text hat auch sehr unterschiedliche Kritiken erhalten. Bisweilen lässt sich die perfide Geschichte gar nicht mehr aushalten, aber das macht wohl auch den Reiz des Romans aus.

Nichts für Zartbesaitete, aber lesen Sie selbst!

Susanne Luther-Feddersen

Lesetipp des Monats Februar – Jugendbuch

Sabine Schoder: Liebe ist was für Idioten. Wie mich. Roman.

Fischer-Taschenbuch, Frankfurt am Main 2015.

"Liebe ist was für Idioten. Wie mich." von Sabine Schoder

„Liebe ist was für Idioten. Wie mich.“ von Sabine Schoder

„Drogen, Viki, Drogen rauben dir den Verstand.“ Wie wahr – am Morgen nach ihrem siebzehnten Geburtstag erwacht Viki nach einigen Joints zu viel mit Filmriss im Bett von Jay, seines Zeichens Sänger der Schülerband „Major Malfunction“, an dem Viki bisher noch nie ein gutes Haar gelassen hat. Als hätte die Halbwaise mit ihrem Leben in Armut, alkoholsüchtigem Vater und mehreren Schulfächern auf der Kippe nicht schon genug Probleme! Diesen Fehltritt will sie so schnell wie möglich vergessen, aber irgendwie bekommt sie Jay nicht mehr aus dem Kopf: Warum etwa hat er sowohl seiner Band als auch der Schule den Rücken gekehrt und warum geht seine Mutter zu einem Therapeuten? Auf keinen Fall dürfen ihre Freunde erfahren, dass Viki sich schließlich tatsächlich mit Jay verabredet! Denn verliebt ist sie überhaupt nicht in ihn. Nein, ganz sicher nicht. Oder doch?

Und mehr wird zum Inhalt nicht verraten. Autorin Sabine Schoder erzählt ihr Erstlingswerk sprachlich absolut überragend in der Ich-Form aus der Sicht von Viki. Spannend und gefühlsecht, mit sehr gelungenen Dialogen. Ein Genuss von Anfang bis Ende!

Andrea Sondermann

Hörbuchtipp des Monats Dezember

Julia Fischer: Sehnsucht auf blauem Papier. Gekürzte Autorenlesung.

Audio-Media-Verlag, München 2014.

"Sehnsucht auf blauem Papier" von Julia Fischer

„Sehnsucht auf blauem Papier“ von Julia Fischer

Die Heilpraktikerin Millicent Gruber lebt schon seit vielen Jahren allein in ihrer alten, wie verwunschen wirkenden Villa. Sie ist zufrieden, hat ihre Patienten, denen sie helfen kann, und kümmert sich regelmäßig um das Nachbarskind Marie. Seit 20 Jahren ist sie heimlich in den Arzt Paul verliebt – zwischen den beiden ist eine vertraute, platonische Freundschaft entstanden.

Als Pauls Frau bei einem Unfall stirbt und Paul in seiner Trauer depressiv zu werden droht, schreibt Milli ihm jeden Tag sehr besondere und berührende Briefe und begleitet ihn so still durch die schwere Zeit.

Dass sich für sie durch die Begegnung mit dem jüngeren, attraktiven Architekten Markus eine neue Liebe anbahnt, verwirrt Millicent. Ihr Leben, in das sie sich – ohne Paul und doch mit ihrer Liebe zu ihm – eingerichtet hat, könnte sich drastisch verändern. Aber erst als Paul seine Zelte abbrechen will, um dauerhaft nach Italien zu gehen, findet Millicent Klarheit.

Die Handlung der leisen Liebesgeschichte, die sich empathisch mit den Themen Verlust und Trauerarbeit verbindet, bleibt unaufgeregt und doch, auch getragen durch die sympathische Stimme der Autorin, fesselt die Geschichte voller Lebensweisheit, Poesie und Warmherzigkeit.

Gerne empfohlen – entweder als Hörbuch (in leicht gekürzter Version) in hoher Qualität vorgelesen von der Autorin,  die auch als Sprecherin und Schauspielerin arbeitet, oder als Buch für den Lesegenuss an langen Winterabenden.

Susanne Luther-Feddersen