Lesetipp des Monats Juli – Roman

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut. Roman.

Hanser, München 2016.

"Das Mädchen mit dem Fingerhut" von Michael Köhlmeier

„Das Mädchen mit dem Fingerhut“ von Michael Köhlmeier

Ein sechsjähriges Mädchen wird von seinem Onkel zum Betteln in die Stadt geschickt. In einem Laden gibt man ihm zu essen und zu trinken, es wärmt sich auf, bleibt aber stumm. Abends wird es abgeholt, so geht es tagelang. Als ein Ladenbesitzer die Polizei rufen will, brüllt es laut, denn man hat ihm beigebracht, beim Wort „Polizei“ laut zu schreien. Eines Tages ist der Onkel verschwunden und das Mädchen ist ganz auf sich gestellt. Es ernährt sich von Abfällen und schläft im Müllcontainer. Schließlich wird es aufgegriffen und kommt in ein Heim, bleibt auch dort stumm. Mit zwei Jungen flieht es, einer von ihnen spricht seine Sprache. Zu dritt schlagen sie sich durch und wärmen sich zeitweilig in einem Gewächshaus. Die mysteriöse Besitzerin des Grundstücks hat Mitleid mit dem erkrankten Mädchen, möchte es erziehen und sperrt es ein. Darauf kommt es zu einer schrecklichen Tat.

Ein schmales Buch, dessen Titel ein Märchen vermuten lässt. Der Inhalt ist sehr realistisch. Orte werden nicht genannt, aber die Großstadt und die Landschaft befinden sich irgendwo in Westeuropa. Man ahnt, dass es sich bei der Hauptfigur vermutlich um ein unbegleitetes Flüchtlingskind handelt. Die karge Sprache des Autors verstärkt noch die Intensität der Atmosphäre. Ein berührendes Buch, dem man viele Leser wünscht.

Auguste Carstensen-Lenz

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Lesetipp des Monats Oktober – aus der Romanabteilung

Christiane Neudecker: Sommernovelle.

Luchterhand Literaturverlag, München 2015.

Der Sommer geht zu Ende und um noch ein bisschen den Wind der Dünen und das Meeresrauschen zu fühlen, sollte man unbedingt die „Sommernovelle“ lesen:

"Sommernovelle" von Christiane Neudecker

„Sommernovelle“ von Christiane Neudecker

Nicht nur das schöne Cover mit Dünengras, Meer und Himmel lädt ein, sich gedanklich auf eine Nordseeinsel einzulassen und noch einmal in das Jahr 1989 einzutauchen.

Die beiden 15-jährigen Mädchen Panda und Lotte sind in Aufbruchstimmung, wollen sich von ihren Eltern und der Gesellschaft unterscheiden, sind voller Träume und wollen die Welt retten. Die Katastrophe von Tschernobyl bewegt sie und sie möchten unbedingt für die Umwelt aktiv sein. Durch Zufall ergattern die beiden einen Freiwilligenjob auf einer Vogelstation einer Nordseeinsel, um Vögel zu zählen und Touristen durch das Schutzgebiet zu führen. Aus der Sicht der kritischen Beobachterin Panda erzählt, die auch hartnäckig nachfragt, wozu ihre Arbeit in der Station eigentlich dient, entfaltet sich ein atmosphärisch dichtes Panorama der Gefühle: Aufbruch, Selbstzweifel, erstes Verliebtsein  (Lotte verliebt sich in den attraktiven Zivi) und Erwachsenwerden. Sehr gelungen ist die Beschreibung der langsam entstehenden Freundschaft zwischen Panda und einem alten Vogelkundler, die beide die Begeisterung für Bücher teilen.  Panda lernt von ihm das „Himmelslesen“, um eine Vorstellung von der Zahl der Vögel zu haben, die sie zählen soll. Die Sprache der kleinen Novelle ist bezaubernd und voller Leichtigkeit. Der Sprung in die Gegenwart, in der die Erzählerin die Insel als Erwachsene noch einmal besucht – es ist Sylt! – aber doch kaum etwas wieder erkennt, lässt dennoch das Bauchkribbeln von damals nachempfinden.

Wie eine kleine Zeitreise in die eigene Jugend – eine kleine, aber feine Geschichte, von der man gerne me(e)hr hätte! Unbedingt lesen!

Susanne Luther-Feddersen

Literaturgruppe

Am Montag, 19. Oktober 2015, bespricht die Literaturgruppe ab 18.30 Uhr in der Bibliothek das Buch „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun.

Interessierte sind herzlich willkommen.

"Das kunstseidene Mädchen" von Irmgard Keun

„Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun

Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen. Roman.

Ullstein, Berlin 2001.

Der Verlag schreibt über das Buch: „Doris ist Sekretärin bei einem zudringlichen Rechtsanwalt. Sie will nicht mehr tagaus, tagein Briefe tippen, sondern ein Star werden. Sie will in die große Welt, ins Berlin der Roaring Twenties.“

Der Verlag schreibt über die Autorin: „Irmgard Keun, 1905 in Berlin geboren, hat mit ihren beiden ersten Romanen, »Gilgi – eine von uns« und »Das kunstseidene Mädchen« (1931 und 1932) sensationelle Erfolge. 1933 beschlagnahmen die Nazis ihre Bücher. 1935 geht sie ins Exil. Der Schriftsteller Joseph Roth wird ihr Lebensgefährte. 1940, nach der Trennung von Roth, kehrt sie mit falschen Papieren nach Deutschland zurück, wo sie unerkannt lebt. Im biederen Literaturbetrieb der Nachkriegszeit kann sie nicht mehr an die Erfolge ihrer ersten Bücher anknüpfen, bis ihre Romane Ende der siebziger Jahre von einem breiten (Frauen-)Publikum wiederentdeckt werden. Irmgard Keun stirbt 1982.“

Lesetipp des Monats September – Jugendroman

Frances Hardinge: Das Mädchen ohne Maske. Aus dem Englischen übersetzt von Alexandra Ernst.

Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2014.

"Das Mädchen ohne Maske" von Frances Hardinge

„Das Mädchen ohne Maske“ von Frances Hardinge

In eine eigentümliche Welt entführt uns Autorin Frances Hardinge in ihrem neuen Buch: in die unterirdische Stadt Caverna, wo seit Jahrhunderten der Grand Stewart herrscht. Es ist eine Welt des Scheins und der Wunder, deren Bewohner ihre Gesichtsausdrücke wie Masken bei „Mienenschmieden“ kaufen. Lebensmittel wie Käse können während der Herstellung ein bedrohliches Eigenleben entwickeln, und es gibt Weine, die Erinnerungen löschen oder wieder zurückholen.

In dieser Welt lebt Neverfell, die ihr Gesicht hinter einer echten Maske verbergen muss, weil sie sich von allen anderen Menschen in Caverna unterscheidet: Ihr Mienenspiel ist angeboren und so ausdrucksvoll, dass man ihr jeden Gedanken nahezu wörtlich vom Gesicht ablesen kann. Kommt sie ursprünglich vielleicht gar nicht aus Caverna, sondern von „oben“? Neverfell weiß es nicht, denn an ihre ersten Lebensjahre fehlt ihr jede Erinnerung. Als Findelkind ist sie beim mürrischen Käsemeister Grandible aufgewachsen, doch eines Tages verlässt sie seine Tunnel und gerät mitten hinein ins Herz von Caverna, in die Häuser der Reichen und Mächtigen und an den Hof des Herrschers. Aber wem kann sie dort vertrauen, wo niemand eine echte Miene trägt und wo man seinem Gegenüber mit magischem Parfum vorgaukeln kann, es gut mit ihm zu meinen?

Ehe Neverfell lernt, hinter all dem schönen Schein ihre wahren Freunde zu finden, ist sie unwissentlich bereits in eine mörderische Verschwörung verstrickt, wird vom „Kleptomancer“ gestohlen und kommt dem Rätsel ihrer Vergangenheit auf die Spur…

Frances Hardinge zieht den Leser mit bildhafter Sprache und überbordender Phantasie in ihren Bann. Ihre außergewöhnliche, wendungsreiche Geschichte überrascht und bleibt lange im Gedächtnis. Ein echtes Lese-Abenteuer! – das es übrigens in der Onleihe zwischen den Meeren zum Ausleihen gibt.

Andrea Sondermann

Lesetipp des Monats Februar – Sachbuch

Maria von Welser: Wo Frauen nichts wert sind: vom weltweiten Terror gegen Mädchen und Frauen.

Ludwig, München 2014.

"Wo Frauen nichts wert sind" von Maria von Welser

„Wo Frauen nichts wert sind“ von Maria von Welser

Afghanistan, Indien und der Ost-Kongo stehen auf der UN-Liste als die gefährlichsten Länder für Frauen und Mädchen. Sie sind entrechtet, werden misshandelt und vergewaltigt, geschlagen und getötet.

Die engagierte Journalistin Maria von Welser hat vor Ort recherchiert und dokumentiert. Damit wollte sie den Frauen eine Stimme geben.

In Afghanistan werden drei von vier Frauen zwangsverheiratet, meistens sind sie unter 16 Jahre alt. Wie eine Ware sind sie der Besitz ihres Vaters, des Ehemannes und später des erwachsenen Sohnes. Flieht sie aus einer Zwangsehe, erhält sie keine Unterstützung durch die Polizei. In den Zeiten der Taliban durfte sie das Haus nicht verlassen, als Mädchen keine Schule besuchen.

In Indien muss die Braut der neuen Familie Geschenke als Mitgift einbringen. Mädchen verursachen also nur Kosten und werden als Menschen zweiter Klasse angesehen. Ein Grund, sie gleich nach der Geschlechtsbestimmung durch Ultraschall abzutreiben. Durch Zwangsverheiratung und familiäre Belastungen ist die Selbstmordrate bei den Frauen hoch. Vor kurzem schockierte eine brutale Gruppenvergewaltigung die Weltöffentlichkeit.

Im Kongo hat ein langer Bürgerkrieg die Soldaten verrohen lassen. Marodierende Rebellengruppen missbrauchen Frauen und Mädchen und halten sie als Sexsklavinnen. Einen Rechtsstaat gibt es nicht.

Maria von Welser ist eine vielseitige und gestandene Journalistin, bekannt durch ihre Fernsehsendung „Mona Lisa“. Als UNICEF- Aktivistin hat sie sich das Thema „Terror gegen Mädchen und Frauen“ vorgenommen. Sie nennt die Fakten, kennt die politischen und kulturellen Hintergründe in den Ländern. Anhand von Einzelschicksalen zeichnet sie die Situation der weiblichen Opfer nach, berichtet aber auch von den Hilfsorganisationen vor Ort.

Ein notwendiges Buch!

Auguste Carstensen-Lenz

Lesetipp des Monats November – Roman

Hanne-Vibeke Holst: Das Mädchen aus Stockholm. Roman.

Pendo, München 2014.

"Das Mädchen aus Stockholm" von Hanne-Vibeke Holst

„Das Mädchen aus Stockholm“ von Hanne-Vibeke Holst

In Berlin wird der dänischen Opernregisseurin Helena Tholstrup ein wichtiger Medienpreis feierlich übergeben. Zu diesem Anlass erhofft die beruflich sehr erfolgreiche Helena auf eine Versöhnung mit ihrer Tochter Sophie, die gemeinsam mit ihrem Verlobten Khalil zur Preisverleihung anreist. Khalil, der ein radikaler Muslim zu sein scheint, droht im Hotelzimmer von Helena, eine Bombe zu zünden, sollte Helena sich nicht für die vermeintliche Beleidigung der Moslems in ihrer prämierten Operninszenierung entschuldigen

Auf der zweiten Erzählebene wird die Geschichte von dem Pfarrer Thorvald Tholstrup, Helenas Großvater, erzählt, der in den 1940er Jahren dem Widerstand gegen die deutsche Besatzung in Dänemark angehört und sich und seine Familie mit den Zwillingen Leif und Leo großen Gefahren aussetzt, aber auch zum Volkshelden wird.

Leo und Leif, mittlerweile erwachsen, reisen gemeinsam mit dem Rad durch Dänemark, um sich vor dem bevorstehenden Eintritt in das Berufsleben noch unbeschwert zu amüsieren. Sie lernen in Kopenhagen Ninni kennen und verlieben sich beide in sie. Während auf Leif zu Hause eine Verlobte wartet, beginnt Leo seine berufliche Laufbahn im diplomatischen Dienst. So ist es schließlich Leo, der die schwangere Ninni, ambitionierte Sängerin und aus reichem Hause, heiratet und zum Vater der Tochter Helena wird.

Die Verknüpfung der Familiengeschichten und –geheimnisse gelingt der dänischen Autorin mit viel Einfühlungsvermögen und Spannung. Sie weckt große Sympathien für ihre Figuren und rückt die Themen Liebe und Verzeihen in den Mittelpunkt, ohne je rührselig zu werden. Eine bewegende Familiengeschichte sowohl im geschichtlichen Kontext als auch im aktuellen Bezug, die den Leser schnell in den Bann zieht. Sehr gerne empfohlen!

Susanne Luther-Feddersen