Lesetipp des Monats Juli – Jugendbuch

Passend zum Filmtipp für diesen Monat folgt hier eine weitere Variante des Märchens „Die Schöne und das Tier“ – diesmal in Buchform:

Alex Flinn: Beastly. Aus dem Englischen übersetzt von Sonja Häußler.

Baumhaus-Verlag, Köln 2010.

"Beastly" von Alex Flinn

„Beastly“ von Alex Flinn

Alex Flinn verlegt das Märchen ins moderne New York und lässt das „Biest“ in der Ich-Form erzählen. Eigentlich ist das „Biest“ ein Teenager names Kyle Kingsbury, reich und schön und dementsprechend von sich eingenommen. Auch Kyles Vater, ein bekannter TV-Sprecher, legt größten Wert auf Äußerlichkeiten – auf Zwischenmenschliches dafür umso weniger. Als der ganz in diesem Sinne erzogene, oberflächliche Kyle seine Mitschülerin Kendra beleidigt, geht er allerdings einen Schritt zu weit, denn Kendra besitzt magische Kräfte und belegt ihn mit einem Fluch, der ihn in eine haarige Bestie mit Klauen und Reißzähnen verwandelt. Da hilft keine Schönheits-OP; erlösen kann ihn nur – richtig! – die wahre Liebe. Im Internetzeitalter stellt Kyle sich die Partnersuche zunächst auch gar nicht so schwierig vor und versucht allen Ernstes, die wahre Liebe online zu finden – natürlich mit seinem alten Profil. Die Ernüchterung folgt prompt und die Idee entpuppt sich als totaler Reinfall. Von seinem Vater mittlerweile aus der schicken gemeinsamen Wohnung abgeschoben in ein Haus mit hohen Mauern, einer einzigen Hausangestellten und einem blinden Hauslehrer, verfällt Kyle zunehmend in Verzweiflung, weil ihm nur zwei Jahre Zeit bleiben, um den Fluch zu brechen. Erst, als er den Vater seiner ehemaligen Mitschülerin Lindy bei einem Einbruch ertappt und dieser ihm im Austausch für seine Freiheit die eigene Tochter anbietet, scheint sich das Blatt zu wenden. Doch wird das „Biest“ Lindys Herz gewinnen können?

Wunderschön erzähltes modernes Märchen, in dem erstaunlich viele Elemente der klassischen Vorlage (auch aus dem bekannten Disney-Film!) mit eingewoben sind, z.B. der Zauberspiegel, der Kyles heimliches Fenster zur Außenwelt wird. Obwohl das Ende eigentlich absehbar sein sollte, fiebert man beim Lesen atemlos mit und schließt die Hauptfiguren schnell ins Herz (besonders Kyle, dessen rührende Wandlung sich glaubwürdig und in kleinen Schritten vollzieht).

Ein nettes Extra ist das Chat-Forum eines gewissen „Mr. Anderson“ zum Thema „Unerwünschte Verwandlungen“, das von Zeit zu Zeit im Buch auftaucht und in dem sich nicht nur das Biest aus New York, sondern auch der Froschkönig, die kleine Meerjungfrau und der Bär aus „Schneeweißchen und Rosenrot“ tummeln. Dort verstecken sich viele kleine witzige und stimmige Details, von den Chat-Namen bis hin zum Internet-Zugang (der dank W-Lan auch für den Bären im Wald möglich ist).

Ein Buch zum Schwelgen und Genießen, nicht nur für Märchen-Fans – einfach schön!

Andrea Sondermann

 

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Filmtipp des Monats Juli

Das Märchen von der Schönen und dem Tier gibt es in den verschiedensten Varianten, und es wurde schon oft und mit wechselnden Titeln verfilmt. Der Kern bleibt dabei stets gleich: Um ihren Vater zu retten, begibt sich die Schöne ins Schloss des Ungeheuers, das in Wahrheit ein verwunschener Prinz ist und nur durch ihre Liebe erlöst werden kann. Doch die Schöne gesteht ihre Liebe erst ein, als bereits alles zu spät scheint.

Für die Reihe „Märchenperlen“ entstand 2012 die Verfilmung „Die Schöne und das Biest“ mit Cornelia Gröschel und Maximilian Simonischek in den Hauptrollen. Hier ist es Prinz Arbo, der schon lange vergeblich auf Erlösung wartet und laut Fluch sterben soll, sobald die letzte seiner Rosen verblüht ist. Entsprechend wütend wird er, als der verirrte Wirt Hugo eine davon pflückt. Dessen Tochter Elsa wollte eigentlich nur eine Rose aus dem heimischen Garten als Entschuldigung vorbeibringen und sieht sich plötzlich als Gefangene in einem geheimnisvollen Schloss. Die beiden seltsamen Diener des Ungeheuers sind zunächst auch keine große Hilfe, und Elsa plant nur eines: Flucht! Doch dann schlägt das Biest ihr einen Handel vor …

Der lose in mittelalterlichem Ambiente angesiedelte Film überrascht mit charmanten, stimmigen Details: Das Biest betreibt oft „nonverbale Kommunikation“ und ein Schnauben sagt bei ihm mehr als tausend Worte; mit seinem guten Geruchssinn erkennt das Biest beim Pfandleiher die Kette von Elsas Mutter; als einfache Wirtstochter kann Elsa natürlich nicht lesen, das Biest aber schon.

Die Schöne und das Biest“ bietet schöne neue Facetten und braucht sich hinter den zahlreichen gleichnamigen Verfilmungen nicht zu verstecken! Gelungene Unterhaltung mit Humor, gebührender Dramatik und Happy-End.

Die Schöne und das Biest. Deutschland, Österreich 2012. Darsteller: Cornelia Gröschel (Elsa), Maximilian Simonischek (Biest), Jürgen Tarrach (Hugo) … 1 DVD (90 Min.). Freigegeben ohne Altersbeschränkung.

Andrea Sondermann

Lesetipp des Monats Januar – Märchenbuch

Frank Flöthmann: Grimms Märchen ohne Worte.

DuMont Buchverlag, Köln 2013.

"Grimms Märchen ohne Worte" von Frank Flöthmann

„Grimms Märchen ohne Worte“ von Frank Flöthmann

Wer dieses Buch zum ersten Mal in die Hand nimmt und darin blättert, dem fehlen tatsächlich die Worte. Denn Frank Flöthmann erzählt die 16 enthaltenen Märchen rein visuell: in rot, grün, schwarz und weiß, in sehr reduzierten Formen, comicartig – sogar in den Sprechblasen finden sich nur Piktogramme.

Das könnte uns nun ratlos zurücklassen. Oder uns ermuntern, die Bilder zu entschlüsseln, vertraute Märchenelemente zu entdecken, Worte dafür zu finden und die Märchen auf diese Art zum Leben zu erwecken. Es könnte uns aber auch dazu einladen, ganz eigene, neue Geschichten zu erzählen. Zumal Flöthmanns Bilder nicht immer dem klassischen Märchenverlauf folgen – so fällt beispielsweise im „Froschkönig“ nicht etwa die allseits bekannte goldene Kugel in den Brunnen, sondern der Fußball der Prinzessin …

„Grimms Märchen ohne Worte“ ist zweifelsohne ein Experiment. Für alle, die das Außergewöhnliche lieben. Und für alle anderen zumindest einen neugierigen Blick wert. Denn wie heißt es doch so schön: Ein Bild sagt mehr …

Andrea Sondermann

Filmtipp des Monats November – Serie

Die Serie „Once upon a time“ („Es war einmal“) beginnt so, wie andere Märchen enden: Mit dem Happy-End. Prince Charming erlöst seine Snow White mit einem Kuss wahrer Liebe vom Fluch der bösen Königin. Eine Märchenhochzeit steht an. Aber damit ist das Happy-End auch schon Geschichte, denn zur Feier erscheint ebenjene böse Königin und verflucht das ganze Märchenland. Gibt es einen Weg, den Fluch abzuwenden? Der undurchschaubare (Oberschurke?) Rumpelstilzchen prophezeit, dass nur die ungeborene Tochter von Charming und Snow die Märchenwesen eines Tages (in 28 Jahren) retten könnte. Doch dafür muss sie zunächst in Sicherheit gebracht werden – in ein Land ohne Magie.

28 Jahre später wünscht sich die einsame, durch ihre lieblose Kindheit im Waisenhaus traumatisierte Emma Swan zu ihrem Geburtstag nichts sehnlicher als eine Familie. Prompt steht Henry vor ihrer Tür – ihr Sohn, den sie als 18-jährige zur Adoption freigegeben hatte. Emma will ihn zu seiner Adoptivmutter Regina in den kleinen, beschaulichen Ort Storybrooke zurückbringen und glaubt ihm kein Wort, als er ihr erzählt, alle Einwohner dort seien in Wahrheit Märchenfiguren, für die seit 28 Jahren die Zeit stillsteht. Dank des Fluchs haben sie ihr Gedächtnis verloren und wissen auch nicht, dass ihre Bürgermeisterin Regina die böse Königin höchstpersönlich ist. Aber mit Emmas Ankunft beginnen sich die Zeiger der Turmuhr wieder zu bewegen …

Once upon a time“ folgt chronologisch Emmas „Mission“ in Storybrooke und erzählt in Rückblenden die Vorgeschichten einzelner Charaktere aus der „Märchenwelt“ (die sich stark an bekannten Disney-Zeichentrickfilmen orientiert, daher tauchen auch Charaktere wie z.B. Pinocchio und der verrückte Hutmacher auf). Besonders diese Rückblenden verstehen es in jeder Folge aufs Neue, den Zuschauer zu verblüffen, da sie oft hinterhältige Wendungen nehmen und die klassischen Märchenelemente zum Teil völlig auf den Kopf stellen. So geht beispielsweise keine namenlose Müllerstochter einen Handel mit Rumpelstilzchen ein sondern Aschenputtel, Snow raubt Charming bei ihrer ersten Begegnung aus und Belle gewinnt in der Folge „Das Biest und die Schöne“ nicht etwa das Herz eines beliebigen Ungeheuers sondern das von unser aller Lieblingsbösewicht … Rumpelstilzchen!

Die Frage, wer „gut“ und wer „böse“ ist, lässt sich übrigens weitaus schwerer beantworten, als man am Anfang glauben mag, denn: Wie wurde Regina zur bösen Königin, woher kommt ihr unbändiger Hass auf Snow – und welche Pläne verfolgt Rumpelstilzchen alias Mr. Gold? All das wird erst nach und nach enthüllt, und der Zuschauer erhält mit jeder Folge ein paar Puzzleteile mehr, um sich die Vorgeschichte zusammensetzen zu können. Nicht umsonst erinnert die Erzählweise von „Once upon a time“ an die bahnbrechende Serie „Lost“ – einige Autoren waren bei beiden Serien am Werk.

Bald scheint nur noch eines sicher zu sein: Wenn sich für eine der Figuren ein zaghaftes Happy-End anbahnt, kommt (fast) immer etwas dazwischen. Ob Emma diesen Fluch am Ende der ersten Staffel brechen kann, wird hier natürlich noch nicht verraten.

Zusätzlich zum puren Seriengenuss bietet die DVD-Fassung nette Extras wie einige Schlüsselfolgen mit Audiokommentar, einen kurzen Überblick über klassische Märchen“wurzeln“ der Serie (wobei die dabei erwähnte kleine Meerjungfrau in der ersten Staffel gar keinen Auftritt hat) und den Mitschnitt eines Interviews mit den Hauptdarstellern (dort bedankt sich unter anderem eine Großmutter bei „Prince Charming“-Darsteller Josh Dallas dafür, dass ihre Enkelin nun für ihn statt Justin Bieber schwärmt).

Once upon a time – die komplette erste Staffel. USA 2013. Darsteller: Jennifer Morrison (Emma), Ginnifer Goodwin (Snow), Robert Carlyle (Rumpelstilzchen), Lana Parilla (Regina), Josh Dallas (Charming), Jared S. Gilmore (Henry) … 6 DVDs (902 Minuten).

Andrea Sondermann

Märchen-Nachmittage

In den dunklen Monaten ist wieder Zeit zum Erzählen:

Die Märchen-Nachmittage in der Stadtbibliothek Husum!

Bärbel Leimich erzählt für Erwachsene und Kinder ab 5 Jahren:

Montag, 4. November 2013: Blumen-Märchen. In diesen Märchen weisen Blumen den Weg zum Glück oder Unglück

Montag, 9. Dezember 2013: Dänische Märchen. Eintauchen in die Märchen-Überlieferungen unseres Nachbarlandes

Montag, 13. Januar 2014: Reich und Arm im Märchen. Reiche und Arme versuchen sich in diesen Märchen gegenseitig zu überlisten

Beginn ist jeweils um 16.00 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Bärbel Leimich ist Mitglied der Europäischen Märchengesellschaft (EMG).

Kinder- und Jugendbuchwochen 2013

Kinder- und Jugendbuchwochen 2013

Kinder- und Jugendbuchwochen 2013

Vom 4. bis zum 16. November finden zum 30. Mal die Kinder- und Jugendbuchwochen Schleswig-Holstein statt. Die Stadtbibliothek Husum war von Anfang an mit dabei und bietet auch in diesem Jahr wieder ein buntes Programm vom Comic-Roman bis zum lebendigen Bilderbuch.

Wie gewohnt gibt es viele Lesungen für Schulklassen:

Zu Beginn stellt am 04. November Manfred Theisen seinen Comic-Roman „Nerd forever“ vor, dessen Illustrator übrigens erst 14 Jahre alt ist. Der Lebenslauf des Autors liest sich ebenfalls spannend: Für seinen Roman „Checkpoint Jerusalem“ erhielt er vom Auswärtigen Amt ein Stipendium zur Recherche in Israel und den palästinensischen Gebieten; außerdem forschte er zwei Jahre in der Sowjetunion.

Am 05. November ist mit Juma Kliebenstein der nächste weitgereiste Gast in Husum: Ehe sie sich ganz für das Schreiben entschied, arbeitete die Autorin unter anderem in einer Flugzeugfirma in Kanada und sägte nachts in einer Maschinenfabrik Metallteilchen. Kein Wunder, dass sie sich nun immer ganz besonders auf die Begegnung mit ihren Lesern freut!

Am 06. November präsentiert Autor, Illustrator und Grafik-Designer Hans-Jürgen Feldhaus seine Comic-Romane „Echt abgefahren“ und „Echt krank“. Wer „Echt krank“ aufschlägt, erfährt übrigens gleich auf der ersten Seite, dass dieses Buch ohne ärztliche Verschreibung erhältlich ist. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Buchhändler – oder Ihre Bibliothekarin.

Thomas Schmid hat am 07. November unter anderem „Die wilden Küken“ im Gepäck, die offiziellen Nachfolgerinnen von Cornelia Funkes berühmter Mädchenbande „Wilde Hühner“. Der erfolgreiche Kinderbuchautor schreibt auch Radiogeschichten und Drehbücher für Kinofilme. Für das Drehbuch zum Film „Wintertochter“ wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem „Goldenen Spatz“.

Am 11. November schlägt die Stunde aller Hobby-Detektive und Kryptozoologen, wenn Autorin Corinna Harder sich mit dem Klassiker „TKKG“ und ihren Zuhörern auf die Suche nach dem „Biest in den Alpen“ begibt.

„Sousrealistisch“ wird es mit Antonia Michaelis am 14. November. Die Autorin arbeitete nach dem Abitur unter anderem in Südindien, Nepal und Peru und wurde letztes Jahr für den Jugendroman „Der Märchenerzähler“ für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Was „sousrealistisch“ genau bedeutet, verrät sie vielleicht bei ihren Lesungen – oder auch nicht. Wer ihre Bücher kennt, weiß aber, was gemeint ist.

Am Sonnabend, 09. November, präsentiert um 15.30 Uhr das Kindertheater von und mit Achim Sonntag „Für Hund und Katz ist auch noch Platz“ für Kinder ab 3 Jahren. Dieses Theaterstück dreht sich um das gleichnamige Bilderbuch von Axel Scheffler und Julia Donaldson, deren kreativen Köpfen auch der Superhit „Der Grüffelo“ entsprungen ist. Eintrittskarten sind zum Preis von 1 Euro für Kinder und 2 Euro für Erwachsene in der Stadtbibliothek erhältlich.

Für Erwachsene und Kinder ab 5 Jahren erzählt Bärbel Leimich am 04. November um 16.00 Uhr Blumen-Märchen.

Auch während der Kinder- und Jugendbuchwochen findet dienstags von 15.30 bis 16.15 Uhr wie gewohnt der Husumer Lesespaß für Drei- bis Sechsjährige statt. Das Monatsrätsel in der Kinderbibliothek bietet für alle Kinder bis zu 13 Jahren eine neue Gewinnchance.

In einer Buchausstellung laden die für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2013 nominierten Titel zum Stöbern und Entdecken ein.

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Die Kinder- und Jugendbuchwochen werden immer im November landesweit von vielen Bibliotheken Schleswig-Holsteins angeboten und in Husum von der Nospa Jugend- und Sportstiftung unterstützt.

Lesetipps des Monats April

Romane:

Thommie Bayer: Vier Arten, die Liebe zu vergessen.

Piper, München 2012.

Thommie Bayer: Vier Arten, die Liebe zu vergessen

Thommie Bayer: Vier Arten, die Liebe zu vergessen

Vier Schulfreunde begegnen sich nach beinahe 20 Jahren wieder: auf der Beerdigung ihrer Lehrerin und Mentorin, die die damaligen Internatsschüler als Freunde und Sänger einer A-Capella-Gruppe zusammengebracht hat. Spontan beschließen die vier, gemeinsam ein paar Urlaubstage in Venedig zu verbringen, wo Michael, einer von ihnen, in einem Palazzo lebt. Sie bleiben sich zunächst fremd, aber nach und nach öffnen sich die Männer in der Atmosphäre Venedigs ihren alten Freunden, zumindest teilweise: Enttäuschungen, misslungene Lebenspläne, verlorene oder nie gefundene Liebe haben die vier unterschiedlich geprägt. Wie viel Vertrautheit und Freundschaft bleibt nach so vielen Jahren ohne Kontakt? Besonders Michaels „Geheimnis“ um die Verknüpfung seines Berufs mit der Liebe steht im Vordergrund und wirkt geradezu poetisch. Der Autor schlägt leise Töne an und vermag in dieser ruhigen Geschichte doch zu fesseln mit den Lebensthemen Liebe, Freundschaft und Respekt.

Ein sehr schönes Buch, das man(n) so schnell nicht aus der Hand legt! Mehr davon!

Susanne Luther-Feddersen

Leena Lander: Eine eigene Frau.

Aus dem Finnischen von Stefan Moster. btb Verlag, München 2012.

Leena Lander: Eine eigene Frau

Leena Lander: Eine eigene Frau

Der Roman spielt sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart. Der Erzähler der Gegenwart ist Saidas Enkel Risto. In einer Lebenskrise hat er sich in das einsam gelegene Haus im Südwesten Finnlands, das er von seiner Großmutter Saida geerbt hat, zurückgezogen. Angeregt durch Dokumente aus der Zeit des Bürgerkriegs beginnt er die Geschichte seiner eigenen Familie zu ergründen. Nach und nach findet er mehr heraus über die Predigertochter Saida und die Menschen im Dorf. Deren Schicksale sind eng verbunden mit dem herrschaftlichen Leben auf dem Landgut. Ihre Erfahrungen spiegeln die Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Eine der Hauptfiguren ist der Sägewerkarbeiter Joel Tammisto. Im finnischen Bürgerkrieg 1918 agitiert er auf der Seite der Roten und wird als Mitglied des Kommitees zur Lebensmittelbeschaffung straffällig. Seine Tagebucheintragungen beginnen im Jahr 1903 und bilden den chronologischen Hintergrund dörflicher Ereignisse und politischer Veränderungen.

Im Jahr 2012 wurde „Eine eigene Frau“ von den Nordischen Botschaftern zum „Buch des Monats“ gewählt.

Leena Lander, Jahrgang 1955, gehört zu den bekanntesten finnischen Autoren. Auch in früheren Büchern hat sie Finnlands Vergangenheit zum Thema gemacht. Ihre Bücher wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Erstmals in deutscher Sprache erschien 1997 der Roman „Die Insel der Schmetterlinge“. Dort bringt sie die Heimerziehung in den 60er Jahren zur Sprache. Als Tochter eines Heimleiters ist sie selbst in dieser Atmosphäre aufgewachsen und konnte damit ihre eigene Kindheit aufarbeiten.

Auguste Carstensen-Lenz

Ashley Edward Miller & Zack Stentz: Der beste Tag meines Lebens.

Aus dem Englischen übersetzt. Droemer, München 2012.

Ashley Edward Miller & Zack Stentz: Der beste Tag meines Lebens

Ashley Edward Miller & Zack Stentz: Der beste Tag meines Lebens

Die beiden Autoren, die bereits gemeinsam etliche Drehbücher verfasst haben, veröffentlichen hier ihren ersten Roman, den ich wärmstens empfehlen möchte:

Colin ist nicht nur in seiner Schule ein Außenseiter: als Asperger-Autist hat er große Schwierigkeiten, die Emotionen seiner Mitmenschen zu erkennen und angemessen zu reagieren. In seinem Notizbuch hat er extra Skizzen angefertigt, anhand derer er Gefühle wiederzuerkennen versucht. Außerdem kann er Berührungen und Lärm nicht ertragen: er reagiert mit hysterischen Anfällen.

So ist er beständig Spott und Drangsalierungen ausgesetzt. Ausgerechnet seinem Erzfeind Wayne, der ihn schon verprügelt und ins Klo getaucht hat, will er helfen, als dieser unter Verdacht gerät, eine Waffe in die Schule geschmuggelt und abgefeuert zu haben. Mit seinem scharfen, analytischem Verstand ermittelt Colin akribisch und versucht, den wahren Täter zur überführen. Er wächst über sich selbst hinaus und gewinnt sogar einen Freund.

Die Geschichte ist herrlich lakonisch und quasi emotionslos aus der Sicht Colins erzählt, es gibt in jedem Kapitel kleine Einschübe mit Wissenhäppchen, die Colin ermittelt hat und für erwähnenswert hält, und in vielen kleinen Fußnoten werden Begriffe oder Fakten erläutert. Das liest sich unglaublich unterhaltsam und anrührend zugleich. Auch wenn es zu den Erwachsenenromanen gehört, eignet sich dieser besondere Roman über Freundschaft und Außenseiter unbedingt auch für Jugendliche!

Susanne Luther-Feddersen

Jana Oliver: Aller Anfang ist Hölle.

Aus dem Englischen von Maria Poets. FJB, Frankfurt am Main 2011.

Jana Oliver: Aller Anfang ist Hölle

Jana Oliver: Aller Anfang ist Hölle

Mal ehrlich: Ein Buch, in dem gleich im ersten Kapitel ein „Biblio-Dämon“ sein Unwesen treibt, muss man als Bibliothekarin doch einfach lieben, oder? Irgendwie hatten wir ja schon immer den Verdacht, dass die Bücher nicht von allein verschwinden …

Die 17jährige Riley geht bei ihrem Vater als Dämonenfängerin in die Lehre. Bisher handelt es sich dabei um einen typischen Männerberuf, und die alteingesessenen Kollegen ihres Vaters nehmen den Teenager nicht wirklich ernst. Leider bleiben deren Vorbehalte und ein im Internet kursierendes Pannenvideo nicht Rileys einzige Sorge: Plötzlich scheinen alle Dämonen in ganz Atlanta ihren Namen zu kennen, ihr Vater wird von einem Dämon ermordet und sie muss sein Grab bewachen, damit er nicht von einem Totenbeschwörer versklavt werden kann. Denver Beck, ehemaliger Geselle ihres Vaters, und Simon Adler, Lehrling ihres neuen, tyrannischen Ausbilders Harper, stehen Riley zur Seite. Zwischen ihr und Simon entspinnt sich sogar ein zerbrechliches Liebesglück. Doch dabei entgeht Riley völlig, dass sie jemand anderem viel mehr am Herzen liegt. Und der mächtige Dämon, der ihren Vater getötet hat, ist ihr bereits auf den Fersen.

Glaubhaft und mit atemloser Spannung entführt Jana Oliver, die wie ihre Hauptfigur in Atlanta lebt, ihre Leser in eine Welt, in der die Hölle bereits auf Erden stattfindet und nichts mehr sicher scheint. Abwechselnd folgt die Geschichte den Erlebnissen von Riley und Beck und sorgt für erhöhte Suchtgefahr. Auch der Folgeband „Seelenraub“ wird jedoch nicht alle Fragen beantworten, sondern Riley nur in noch größere Schwierigkeiten bringen. So bleibt weiterhin ungeduldiges Warten auf die Fortsetzung.

Andrea Sondermann

Sachbücher:

Adriana Altaras: Titos Brille – die Geschichte meiner strapaziösen Familie.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011.

Adriana Altaras: Titos Brille - die Geschichte meiner strapaziösen Familie

Adriana Altaras: Titos Brille – die Geschichte meiner strapaziösen Familie

Als die 1960 in Zagreb geborene Schauspielerin und Regisseurin Adriana Altaras die Wohnung ihrer verstorbenen Eltern erbt, beginnt sie sich mit deren Leben und ihrer eigenen jüdischen Familiengeschichte auseinanderzusetzen.

Der in Kroatien geborene Vater überlebte in Italien den Krieg und machte in der kommunistischen Partei Jugoslawiens Karriere. In den 60er Jahren wurde er von der Partei ausgeschlossen und floh nach Deutschland, wo er als Arzt, später als Professor an der Universität Gießen arbeitete.

Die Mutter erforschte als Architektin früheres jüdisches Leben in Hessen und wurde mit ihren Veröffentlichungen bekannt. Beide gründeten in Gießen eine jüdische Gemeinde.

Als Tochter von Überlebenden schildert sie ihre eigenen Erfahrungen zum Verhältnis zwischen Deutschen und Juden: „Die Buchläden sind überfüllt mit jüdisch-deutscher Literatur. Historiker streiten, Gegner und Befürworter jeder These haben sich verausgabt. Volkshochschulen und Mahnmale erledigen den Rest. Ich brauche mich um nichts zu kümmern“. Mit kritischer Distanz und viel Humor reflektiert sie ihr „Anderssein“ in vielen Situationen. So wurde sie aufgrund ihres Aussehens zu Beginn ihrer schauspielerischen Tätigkeit „hauptsächlich für Opferrollen“ engagiert.

Klug und amüsant hat Adriana Altaras die Geschichte einer außergewöhnlichen Familie in Europa beschrieben, die vom bewegten 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart reicht.

Auguste Carstensen-Lenz

Aus einem Land vor unserer Zeit: Eine Lesereise durch die DDR-Geschichte.

Metropol, Berlin 2012.

Aus einem Land vor unserer Zeit: eine Lesereise durch die DDR-Geschichte

Aus einem Land vor unserer Zeit: eine Lesereise durch die DDR-Geschichte

Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall macht sich eine Gruppe von jungen Forschern auf, ein Land vor ihrer Zeit zu entdecken. Die Wissenschaftler, gebürtig in Ost- und Westdeutschland, waren zur Zeit des Verschwindens der DDR noch Kinder. Sie sammeln und analysieren Texte, Fotos und Filme, studieren Akten und befragen Zeitzeugen. Mit biografisch unverstelltem Blick werden neu Fragen an die DDR gerichtet und alte Fragen neu gestellt:

Welchen Einfluss hatte die SED konkret auf den Alltag und das Berufsleben junger Menschen? Wie wurde die Jugend zu sozialistischen Persönlichkeiten geformt? Welche Überlegungen gab es beim Städtebau für das Versprechen “Glücklichsein für jeden“? Wie war die Situation von Kindern inhaftierter Eltern?

Die „Lesereise durch die DDR-Geschichte“ bündelt die Beiträge von 25 Stipendiaten der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Auch die langsame Annäherung der Menschen und die derzeitige Ost-West-Befindlichkeiten im vereinten Deutschland nach 1989 werden thematisiert. Die Rolle der Bürgerrechtler ist ein weiteres Thema. Nach dem Ende der DDR wurde ihnen von der offiziellen Bundesrepublik viel Wertschätzung entgegengebracht, inzwischen sehen sie sich „Zwischen Orden und Spott“.

Zum Schluss richtet sich der Blick auch auf die Grenzländer der DDR und auf den aktuellen Umbruch im arabischen Raum.

Auguste Carstensen-Lenz

Ronald Bergan: Alles über Film – weltbeste Filme, Regisseure, Genres.

Aus dem Englischen übersetzt. Dorling Kindersley, München 2012.

Alles über Film: Weltbeste Filme, Regisseure, Genres

Alles über Film: Weltbeste Filme, Regisseure, Genres

Für alle Filmfans und Kinofreunde lädt dieses reich bebilderte Buch zu einer kleinen Reise durch die Filmgeschichte ein.

Seit der Geburt des Kinos 1895 bis zur digitalen Technik im heutigen Film sind unzählige Filmklassiker entstanden. Ob der interessierte Leser nun lieber über verschiedenen Filmgenres nachlesen oder sich einen Überblick über das internationale Kino verschaffen möchte: viele Bilder und informative Texthäppchen begleiten durch die Filmwelt. Natürlich dürfen die 100 besten Filme sowie die 100 größten Regisseure und ihre Filme in der Darstellung nicht fehlen.

Ein gut gelungener und unterhaltsamer Schmöker rund um den Kinofilm, der Lust auf die Filme macht, die man schon lange mal (wieder-)sehen wollte!

Susanne Luther-Feddersen

Kinderbücher:

Urte Fiutak: A, B, C … und Z – tierischer Buchstabenspaß.

Esslinger, Esslingen 2012.

A, B, C ... und Z: tierischer Buchstabenspaß

A, B, C … und Z: tierischer Buchstabenspaß

In bestechend schönen Fotos verknüpft dieses Sachbilderbuch das Alphabet mit erstem Wissen über Tiere. Pro Seite wird ein Buchstabe vorgestellt, dem ein Tier zugeordnet ist (nur beim „X“ wird mit dem „Axolotl“ ein bisschen geschummelt). Wo es passt, werden die Tiere auf einer Doppelseite sogar miteinander in Beziehung gesetzt: Zwischen Fuchs und Gans ist die Liedzeile „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ abgedruckt, und die Raupe verwandelt sich in den Schmetterling. Selten hatte ein Buch einen so passenden Untertitel: Dieses ABC macht wirklich Spaß!

Andrea Sondermann

Carolin Görtler: Mein großes Märchenwimmelbuch.

Cbj, München 2012.

Carolin Görtler: Mein großes Märchenwimmelbuch

Carolin Görtler: Mein großes Märchenwimmelbuch

Pünktlich zum großen Jubiläum der Grimmschen „Kinder- und Hausmärchen“ ist im letzten Jahr dieses fröhliche Bilderbuch erschienen. Hier können schon die Jüngsten in den bekanntesten Märchen der Brüder Grimm auf Entdeckungsreise gehen, denn die doppelseitigen Wimmelbilder im Comic-Stil kommen ganz ohne Worte aus und machen einfach Spaß! Wer die Märchen zusätzlich (vor)lesen möchte, findet die gekürzt (nach)erzählten Texte jeweils auf zwei Klappseiten an den Bildrändern. Besonderer Clou: In den Wimmelbildern sind nicht nur zahlreiche kleine Szenen aus den Märchen, sondern auch noch weitere Suchaufgaben versteckt. Außerdem spielt in den farbenfrohen Illustrationen jedes Märchen zu einer anderen Tageszeit. Dieses Buch sorgt für ein so rundum gelungenes Vorlese- und Such-Vergnügen, dass man sich wünscht, es wäre mindestens doppelt so dick. Da hilft nur eins: Gleich wieder von vorne anfangen.

Andrea Sondermann