Filmtipp des Monats Mai

Seit seiner Kindheit hat der theaterbegeisterte Koala Buster Moon von seinem eigenen Theater geträumt, doch mittlerweile steht sein „Moon“-Theater kurz vor der Pleite, denn bisher sind Busters aufwendige Inszenierungen alle gnadenlos gefloppt. Grenzenlos optimistisch will er dennoch eine letzte große Show auf die Beine stellen, um den Ruin abzuwenden. Da diese möglichst wenig kosten soll, kommt er auf die Idee, einen Gesangswettbewerb zu veranstalten, und kratzt als Preisgeld dafür seine letzten Wertsachen zusammen. Allerdings unterläuft seiner annähernd 200jährigen Sekretärin beim Werbeflyer ein folgenschwerer Tippfehler, der zunächst weder ihr noch Buster auffällt… deshalb stehen plötzlich die Talente Schlange und sogar das Fernsehen berichtet über das Casting. Buster hat nun die Qual der Wahl zwischen Unmengen von teils mehr, teils weniger begabten singenden Tieren (mein persönliches Highlight: die singende Schnecke! Was für ein Hingucker!), wobei der Film „Sing“ seinem Namen alle Ehre macht und die Teilnehmer etwa im Zehn-Sekunden-Takt größtenteils bekannte Hits anstimmen.

Busters Kandidaten bringen alle ihre eigenen Sorgen und Nöte mit und hoffen durch die Show entweder auf Reichtum (ja, der böse Tippfehler beim Preisgeld), ein ganz neues Leben oder auch bloß ein bisschen Anerkennung. Da ist zum Beispiel Gorilla Johnny, der viel lieber singen als ins kriminelle Familiengeschäft einsteigen möchte, das superschüchterne Elefantenmädchen Meena, das beim Casting keinen Ton herausbringt, und Schweinedame Rosita, die sich im Alltag für ihren Ehemann und ihre 25 kleinen Ferkel zerreißt und nun im Duo mit „Rampensau“ Gunter an ihrer Performance feilen soll…

Wer schafft es ins Finale? Und gelingt es Buster tatsächlich, auf diesem Weg sein Theater zu retten?

Trickfilme mit Tieren, die in einer Welt ohne Menschen leben und arbeiten – kennen wir doch alles schon, zum Beispiel aus „Zoomania“ (auch ein toller Film!!!). Aber „Sing“ macht seine Sache trotzdem ziemlich gut und hat seine stärksten Momente, wenn der Fokus klar auf dem Gesang und den Geschichten der Finalisten liegt. In der ersten Hälfte etwas zu wuselig, und nicht jeder Gag kann zünden. Doch die Musik ist klasse; das grandiose Finale ist eine Wucht und verführt mehrfach zu spontanem Applaus im heimischen Wohnzimmer. Danach muss man den Film einfach lieben. Also: anschauen, durchhalten und genießen! Und wünschen wir uns insgeheim nicht alle einen Supermarkt, in dem wir kurz vor Feierabend noch eine so flotte Sohle hinlegen dürfen wie Rosita, ohne dafür Hausverbot zu kriegen?

Sing. USA, 2016. Regie: Garth Jennings. 1 DVD (104 Min.). Freigegeben ohne Altersbeschränkung.

Andrea Sondermann

Advertisements

Filmtipp des Monats Juni

Die Schülerband „Systemfehler“ steht ganz kurz vor dem großen Durchbruch und ein wichtiger Auftritt direkt vor der Tür. Gleich zu Beginn des Films verlangt Bandleader Max daher von seiner Truppe „keine Starallüren, keine Selbstzweifel und keine bewusstseinserweiternden Substanzen“ (und der Zuschauer ahnt bereits: Das ist alles schon vorgekommen!). Mitschülerin Inge verlangt etwas ganz anderes: Systemfehlers bislang größter Hit „Wenn Inge tanzt“ soll aus dem Band-Repertoire verbannt werden, denn sie fühlt sich durch den Song verunglimpft (und hat damit völlig recht). Den Jungs ist das natürlich egal. Aber dann verletzt sich Gitarrist Joscha und muss eine mehrwöchige Zwangspause einlegen. Was soll nun aus dem großen Auftritt werden? Ersatz muss her – und Inge bleibt als einzige Kandidatin übrig! Ihre Bedingung: „Wenn Inge tanzt“ wird nicht gespielt! Nur blöd, dass der Song fest für den Auftritt gebucht ist – dieses Detail haben die Jungs wohlweislich verschwiegen…

In „Systemfehler – Wenn Inge tanzt“ treffen Welten aufeinander: Auf der einen Seite Max, der sich mit seiner oft rotzigen Art nicht gerade Freunde macht, und seine Chaostruppe, die konsequent von einer Katastrophe in die nächste stolpert – ihnen gegenüber die total korrekte Inge, die auf ihrer Gitarre z.B. Barockmusik spielt und sich ehrenamtlich engagiert. Dass es kommt, wie es kommen muss, und Max sich früher oder später in Inge verguckt, ist nicht unbedingt überraschend. Was der Zuschauer aber mit einer gewissen Fassungslosigkeit zur Kenntnis nimmt, ist die Unausweichlichkeit, mit der die Band in jedem sich bietenden Fettnäpfchen landet – garniert mit tiefschwarzem Humor und vielen running gags, die immer wieder auf die Spitze getrieben werden. Dabei wird übrigens weder in den Dialogen noch in den Songs ein Blatt vor den Mund genommen, man muss also auch Songtitel wie „Alles ist scheiße“ aushalten können, wobei die musikalische Seite durchaus Ohrwurmqualitäten bietet.

Wer bereit ist, sich auf die schräge Band und ihr Umfeld einzulassen, wird mit einem überraschend netten und witzigen Film belohnt, der (nicht nur am Ende) rundum gute Laune verbreitet. Ein Kinderfilm ist „Systemfehler – Wenn Inge tanzt“ allerdings auf gar keinen Fall, trotz der Altersfreigabe ab 6 Jahren!

Die Darsteller hatten alle sichtlichen Spaß beim Dreh, besonders auch Peter Kraus mit einem herrlich selbstironischen Auftritt als Max‘ Onkel Herb – ein alternder Schlagerstar, der sich gedanklich bereits aufs Sterben vorbereitet und zum Entsetzen seines Neffen schon mal vorsorglich Särge besichtigt, um deren Akustik mit seinem Hit „Rosen aus Hawaii“ zu testen.

Systemfehler – Wenn Inge tanzt. Deutschland, 2013. Regie: Wolfgang Groos. Darsteller: Paula Kalenberg (Inge), Tim Oliver Schultz (Max), Peter Kraus (Onkel Herb), Constantin Jascheroff (Joscha), Tino Mewes (Fabio) … 1 DVD (99 Min.). Ab 6 Jahren freigegeben.

Andrea Sondermann

Filmtipp des Monats November – Dokumentarfilm

Sounds of Heimat: Deutschland singt. Ein Film von Arne Birkenstock und Jan Tengeler.

RFF-Real Fiction Filmverleih, Köln 2013. 1 DVD (Good!movies): Laufzeit 90 Min.

„Dieselben Menschen, die feuchte Augen bekommen, wenn ein alter Indio in den Anden zum tausendsten Male „El Condor Pasa“ in seine Panflöte bläst, kriegen Pickel, wenn man sie auf die Melodien ihrer Heimat anspricht“, sagt Hayden Chisholm. Warum singen Deutsche lieber fremde als eigene Lieder? Mit dieser Frage bereist der neuseeländische Musiker Deutschland, um eine Bestandsaufnahme deutschen Kulturguts zu machen. Als Musiker findet er schnell Kontakt und als „Fremder“ nimmt er mit offenen Ohren das gespaltene Verhältnis der Deutschen zu ihren Heimatklängen wahr. Er singt und spielt mit dem Gewandhauschor in Leipzig, mit Kölner Kultgruppen, mit einer Jodellehrerin im Allgäu und einem Bandoneonspieler im Erzgebirge. Junge Bands probieren altes Liedgut zum Hip Hop, ältere Musiker führen ihre „exotischen“ Instrumente vor. Auf einer Segeltour in Flensburg berichtet Rainer Prüß, wie die Gruppe „Liederjan“ entstand und davon, dass Einheimische in irischen Pubs keine Probleme mit vielen Strophen haben.

Die beiden Regisseure Arne Birkenstock und Jan Tengeler sind Kölner Musiker. Für die Erkundungstour quer durch die Republik haben sie den Neuseeländer Hayden Chisholm engagiert, weil er als Nichtdeutscher unbelastet ist. In den unterschiedlichsten Kulturen der Welt, z.B. in der Mongolei oder in Südamerika, hatte er die Volksmusik schon kennen gelernt.

Sounds of Heimat“ ist ein außergewöhnlicher Dokumentarfilm, der nicht belehrend wirkt. Vielmehr könnte er Laune machen, sich abseits vom „Musikantenstadl“ und dem volkstümlichen Schlager auf die eigenen musikalischen Wurzeln einzulassen.

Auguste Carstensen-Lenz