Lesetipp des Monats August – Roman

Graham Swift: Ein Festtag. Roman. Aus dem Englischen von Susanne Höbel.

dtv (https://www.dtv.de/), München 2017.

Ein Sonntag im März

Ein überraschend sommerlicher Tag im März des Jahres 1924. Die „Herrschaft“ des Dienstmädchens Jane plant einen Ausflug zum Pferderennen, vor Jane liegt ein freier Tag.

Während des Frühstücks nimmt sie einen Anruf entgegen, von dem sie später behauptet, jemand sei „falsch verbunden“ gewesen. Kurze Zeit später liegt sie im Bett ihres vertrauten Liebhabers Paul, zum ersten Mal können sie sich in seinem Zimmer treffen. Paul Sheringham ist der Sohn einer mit Janes Arbeitgebern befreundeten, ebenfalls sehr wohlhabenden Nachbarfamilie. Seine Hochzeit mit einer natürlich standesgemäßen Braut steht bevor, später an diesem Tag ist Paul noch mit seiner Verlobten verabredet.

Nachdem er verspätet aufgebrochen ist, streift Jane, die weder ihren Vater noch ihre Mutter noch ihren wirklichen Namen kennt, neugierig durch das Haus und hängt ihren Gedanken nach. Noch ahnt sie nicht, wie dieser Tag enden wird.

Niemals in ihrem langen, erfüllten Leben, denn Jane wird über 90 Jahre alt werden und eine gefeierte Schriftstellerin, wird sie jemandem von dieser verbotenen Affäre erzählen. Sie bleibt ihr Geheimnis. Und hat doch Spuren hinterlassen, wie alles, das unser Leben berührt.

„Ein Festtag“ ist ein schmaler, elegant und unaufgeregt erzählter, sehr sinnlicher Roman des vielfach preisgekrönten britischen Autors Graham Swift, hervorragend übersetzt von Susanne Höbel. Ein Buch voll kluger Lebensfreude!

Hedda Jensen

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Hörbuchtipp des Monats Dezember

Julia Fischer: Sehnsucht auf blauem Papier. Gekürzte Autorenlesung.

Audio-Media-Verlag, München 2014.

"Sehnsucht auf blauem Papier" von Julia Fischer

„Sehnsucht auf blauem Papier“ von Julia Fischer

Die Heilpraktikerin Millicent Gruber lebt schon seit vielen Jahren allein in ihrer alten, wie verwunschen wirkenden Villa. Sie ist zufrieden, hat ihre Patienten, denen sie helfen kann, und kümmert sich regelmäßig um das Nachbarskind Marie. Seit 20 Jahren ist sie heimlich in den Arzt Paul verliebt – zwischen den beiden ist eine vertraute, platonische Freundschaft entstanden.

Als Pauls Frau bei einem Unfall stirbt und Paul in seiner Trauer depressiv zu werden droht, schreibt Milli ihm jeden Tag sehr besondere und berührende Briefe und begleitet ihn so still durch die schwere Zeit.

Dass sich für sie durch die Begegnung mit dem jüngeren, attraktiven Architekten Markus eine neue Liebe anbahnt, verwirrt Millicent. Ihr Leben, in das sie sich – ohne Paul und doch mit ihrer Liebe zu ihm – eingerichtet hat, könnte sich drastisch verändern. Aber erst als Paul seine Zelte abbrechen will, um dauerhaft nach Italien zu gehen, findet Millicent Klarheit.

Die Handlung der leisen Liebesgeschichte, die sich empathisch mit den Themen Verlust und Trauerarbeit verbindet, bleibt unaufgeregt und doch, auch getragen durch die sympathische Stimme der Autorin, fesselt die Geschichte voller Lebensweisheit, Poesie und Warmherzigkeit.

Gerne empfohlen – entweder als Hörbuch (in leicht gekürzter Version) in hoher Qualität vorgelesen von der Autorin,  die auch als Sprecherin und Schauspielerin arbeitet, oder als Buch für den Lesegenuss an langen Winterabenden.

Susanne Luther-Feddersen

Lesetipp des Monats September – Roman

Moritz Rinke: Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel. Roman.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010.

"Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel" von Moritz Rinke

„Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“ von Moritz Rinke

Der zunächst als Dramatiker bekannt gewordene Autor siedelt seinen ersten Roman in Worpswede an, wo er selbst in einer Künstlerfamilie aufwuchs. Er konstruiert eine Familiengeschichte aus der Sicht des Nachkommen Paul Wendland, der von seiner Hippie-Mutter beauftragt wird, das geschichtsträchtige Elternhaus vor dem Einsinken ins Moor zu retten. Da dieser als erfolgloser Galerist in Berlin kaum ein Auskommen hat, kehrt er in das berühmt gewordene Dorf zurück, um die Aufgabe zu erledigen. Hier arbeitete sein Großvater Kück an lebensgroßen Bronzestatuen von Luther bis zu Max Schmeling und Ringo Starr. Der berühmte Bildhauer überstand die Nazizeit unbeschadet, so die Annahme des Enkels. Doch dann werden bei den Sanierungsarbeiten eine Leiche und die Skulptur des Reichsbauernführers gefunden. Für Paul beginnt die Vergangenheitsbewältigung. Dunkle Familiengeheimnisse und Generationenkonflikte, in die die Bewohner der Künstlerkolonie verstrickt waren, tauchen nun ins Licht. Die historischen Gestalten spielen dabei ihre eigene Rolle.

Ein vergnüglicher Roman mit tragikomischen Elementen und skurrilen Figuren. Eine originelle Idee, mit dem Worpswede-Klischee zu spielen, zudem spannend geschrieben.

Auguste Carstensen-Lenz

Lesetipp des Monats Juni – Sachbuch

Sound des Jahrhunderts: Geräusche, Töne, Stimmen – 1889 bis heute.
Hrsg. von Gerhard Paul und Ralph Schock.

Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2013.

"Sound des Jahrhunderts"

„Sound des Jahrhunderts“

Dieser Sammelband bietet in chronologisch geordneten Kapiteln und rund 100 Beiträgen in einer Mischung aus Text, Fotos, Illustrationen und Dokumenten eine Art Weltgeschichte in Tönen.
Wie klangen Städte zur vorletzten Jahrhundertwende im Vergleich zu heute? Gab es in der DDR einen anderen Sound als in der BRD? Wie wurde damals und wie wird heute mit Tönen und Klängen Politik gemacht? Welche Bedeutung haben Lieder für die Identitätsbildung von Individuen, Kollektiven und Nationen?
Töne, Klänge und Geräusche sind, ähnlich wie Bilder, nicht nur die Quelle für etwas, sondern können auch Instrumente der Macht sein. So symbolisierten Kirchenglocken über Jahrhunderte eine gesellschaftliche Ordnung, in der Zeit der Industrialisierung wurden sie von Fabriksirenen abgelöst, die die Menschen zur Arbeit riefen.
Das erste Themenfeld beschreibt eine Medien- und Kulturgeschichte akustischer Technologien und deren Gebrauch, z.B. von Grammofon, Schallplatte, Radio etc. Das zweite Themenfeld umfasst Beiträge zur Klanggeschichte des Politischen, z.B. den Einsatz von Volksempfängern und Lautsprechern bei Kundgebungen oder den für die jeweilige Zeit typischen Kriegslärm. Der dritte Themenbereich befasst sich mit der Bedeutung von Klängen und Geräuschen in der Erinnerungsgeschichte. Es geht um die akustische Kennung einzelner Zeitabschnitte und das kollektive Hör-Gedächtnis.
Beigefügt ist eine DVD mit Hörbeispielen und Internetquellen zur weiteren Recherche. So ist diese Sammlung von Aufsätzen und historischen Tondokumenten ein faszinierendes Kompendium zu unserer Geschichte.
Lesen und hören!

Auguste Carstensen-Lenz