Lesetipp des Monats Februar – Roman

Meg Wolitzer: Die Ehefrau. Roman. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner.

DuMont (http://www.dumont-buchverlag.de/), Köln 2016

"Die Ehefrau" von Meg Wolitzer

„Die Ehefrau“ von Meg Wolitzer

Vor zwei Jahren habe ich voller Begeisterung den Roman „Die Interessanten“ der amerikanischen Autorin Meg Wolitzer gelesen.

Dem Erfolg dieses Romans, es war Wolitzers Debüt auf dem deutschen Buchmarkt, haben wir das große Vergnügen zu verdanken, jetzt weitere Romane dieser klugen, und zugleich ungeheuer unterhaltsamen Autorin lesen zu können.

Zum Inhalt: Jedes Jahr im Dezember wird der Nobelpreis für Literatur verliehen, manchmal auch an höchst umstrittene Persönlichkeiten. In Meg Wolitzers Roman spielt eine ähnliche Auszeichnung eine wichtige Rolle, nämlich der Helsinki-Preis, sozusagen der, allerdings fiktive, „kleine Bruder“ des Nobelpreises.

Um diesen renommierten Preis mit allen Ehren und großem Rahmenprogramm entgegen zu nehmen, machen sich die Castlemans auf den Weg von New York in die finnische Hauptstadt. Joe Castleman hat den ersehnten Preis zugesprochen bekommen, der sein schriftstellerisches Lebenswerk krönen wird.

Mit dem langen Flug nach Helsinki beginnt das Buch. Joan Castleman sitzt neben ihrem Mann, der mit der Stewardess flirtet, und sie zieht bei dieser Gelegenheit eine gnadenlose Lebensbilanz, an der sie uns teilhaben lässt. Joan hat endgültig genug von ihrem Mann. Seit vierzig Jahren ist sie „die Frau an seiner Seite“, ihre Aufgaben sind zahlreich: Sie hat ihn aus seiner ersten Ehe „befreit“, erträgt seine Affären, erzieht seine Kinder, streichelt bei Bedarf sein eigentlich ausreichend großes Ego und hat ihre eigenen Ambitionen anscheinend längst geopfert. Joan seziert ihre Ehe in großer Gründlichkeit, das wird höchst unterhaltsam erzählt, sprachlich perfekt, mit lauter exakt gesetzten Nadelstichen.

Joe Castleman hat sich seit seinen mühsamen frühen Schreibversuchen zu einem jener erfolgreichen Männer entwickelt, die ZITAT„auf ihrem Lebensweg unbekümmert andere Männer, Frauen, Möbelstücke, Dörfer aus dem Weg räumen“.

Es ist eine unvergessliche Reise mit den Castlemans in die wunderschöne finnische Hauptstadt, besonders der geradezu spannende „Showdown“ in der noblen Suite mit Sauna im edelsten Hotel Helsinkis hat es mir angetan!

„Die Ehefrau“ ist zwar gespickt mit Lebenslügen und unguten Kompromissen, von denen uns einige unangenehm bekannt vorkommen werden, aber der Roman ist völlig frei von Schwere und Bitterkeit, ein grundheiterer Ton, der eines von Wolitzers Markenzeichen ist, macht ihren neuesten Roman zu einem reinen Lesevergnügen!

Hedda Jensen

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Lesetipp des Monats Januar – Roman

Anne-Laure Bondoux, Jean-Claude Mourlevat: Lügen Sie, ich werde Ihnen glauben. Roman. Aus dem Französischen von Ina Kronenberger.

Deuticke, Wien 2016. (Das Programm des Deuticke-Verlags ist unter https://www.hanser-literaturverlage.de/ zu finden.)

"Lügen Sie, ich werde Ihnen glauben" von Anne-Laure Bondoux und Jean-Claude Mourlevat

„Lügen Sie, ich werde Ihnen glauben“ von Anne-Laure Bondoux und Jean-Claude Mourlevat

Nach dem schon einige Jahre zurückliegenden Erfolg des E-Mail-Romans „Gut gegen Nordwind“ von Daniel Glattauer, der viele begeisterte Leserinnen fand, staune ich doch sehr, dass mich noch einmal ein ähnlich konzipierter Roman so begeistern konnte.

Aber in „Lügen Sie, ich werde Ihnen glauben“ entwickelt  sich eine französische Liebesgeschichte voller Sprachwitz, Eleganz und Emotionen mit einigen Verwicklungen.

Der 60-Jährige, berühmte Schriftsteller Pierre-Marie Sotto erhält per Post einen dicken Umschlag, in dem er ein unverlangt zugesandtes Manuskript vermutet, welches er ungeöffnet schnellstmöglich wieder an die Absenderin zurück schicken möchte.

Diese hat jedoch als Absender nur ihren Namen (Adeline) sowie ihre E-Mail-Adresse hinterlassen. So entwickelt sich zwischen Pierre-Marie und Adeline, die sich selbst als dick, groß und brünett beschreibt, ein lebhafter und intensiver Mail-Austausch, in dem die beiden sich rasch näherkommen. Pierre, dem als Schriftsteller schon seit einiger Zeit nichts mehr einfällt, ist fasziniert von der Direktheit Adelines und ihrer Sprache, wenn sie ihm von misslungenen Verabredungen und ihrem (Liebes-)Leben berichtet, während auch er sich ihr in seinen Antworten zunehmend öffnet. Diese Mails werden von Tag zu Tag für beide wichtiger, die Vertrautheit wächst  – und natürlich entsteht bald die Frage, ob die beiden sich persönlich begegnen sollten. Das dicke, ungeöffnete Kuvert enthält jedoch noch eine tiefere Geschichte und wirkliche Überraschungen, nicht zuletzt für den Leser.

Lassen Sie sich auf diese unterhaltsame und faszinierende Liebesgeschichte ein – es lohnt sich.

Susanne Luther-Feddersen

Lesetipp des Monats November – Roman

Robin Black: Porträt einer Ehe. Roman. Aus dem Amerikanischen von Brigitte Heinrich.

Luchterhand, München 2016.

"Porträt einer Ehe" von Robin Black

„Porträt einer Ehe“ von Robin Black

Der schlichte Titel lässt nicht unbedingt vermuten, dass sich in diesem Ehe-Roman eine tiefsinnige, sprachlich ausgefeilte und atmosphärisch dichte Geschichte der amerikanischen Autorin verbirgt. Das Künstlerpaar Gus (sie ist Malerin) und Owen (er ist Schriftsteller) ziehen, finanziell saniert nach einer Erbschaft, aus dem quirligen Philadelphia in ein einsam gelegenes Häuschen auf dem Land, um zurückgezogen ihrem kreativen Schaffen nachzugehen. Außerdem wollen sie einen Neubeginn miteinander versuchen: Gus hat mit einer (mittlerweile beendeten) Affäre ihren Mann tief verletzt, doch beide wollen ihre Ehe retten. Owen leidet unter einer Schreibblockade, was die Situation für beide erschwert, zumal Gus ihrerseits neue kreative Impulse findet.

Als in der Nachbarschaft Alison einzieht, entwickelt sich zwischen Gus und ihr eine vertrauensvolle Freundschaft, auch wenn die kontaktfreudige Nachbarin die Ruhe der beiden Künstler durchbricht. Die Besuche durch Alisons Tochter Nora, die schriftstellerische Ambitionen hat und mit ihrer Bewunderung und Aufmerksamkeit Owen einzuwickeln versteht, lassen die scheinbare Idylle zerbrechen.

Dass die Erzählung mit dem Tod Owens beginnt, lässt erahnen, dass es um mehr als eine Liebesgeschichte geht: Freundschaft, dysfunktionale Familien, Vertrauen und Selbstreflexion – die Autorin beleuchtet und beschreibt die Emotionen sehr genau. Ein nachdenkliches und schönes Buch – gerne empfohlen!

Susanne Luther-Feddersen

Das Geschriebene ist die Verkörperung eines Gedanken

Ausstellungsplakat SmarslyVom 8. August bis zum 29. Oktober zeigt die Stadtbibliothek Husum Druckgrafiken in der neuen Ausstellung „Das Geschriebene ist die Verkörperung eines Gedanken“: Dichter-Porträts von Joachim Smarsly. Der Künstler setzt für seine Porträts Fotos, Texte und grafische Elemente zusammen.

Am 3. September, unserem Tag der offenen Tür, verbindet Joachim Smarsly ab 15.30 Uhr die Lesungen durch Hans-Peter Bögel mit seinen Werken. Interessierte sind herzlich willkommen. Der Eintritt ist frei.

Lesetipp des Monats April – Sachbuch

Iris Radisch: Die letzten Dinge. Lebensendgespräche.

Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2015.

"Die letzten Dinge" von Iris Radisch

„Die letzten Dinge“ von Iris Radisch

Die Autorin Iris Radisch hat sich mit Schriftstellern und Intellektuellen über den Herbst des Lebens unterhalten. Es interessierte sie, ob der nahe Tod den Blick auf die Welt verändert, wenn kostbare Zeit nicht mehr für Überflüssiges verwendet und keine Kompromisse mehr gemacht werden müssen. Können neue Freiheiten gewonnen werden oder überwiegen Bitterkeit und Verzweiflung? In der Zeit von 1990 bis 2015 fanden die achtzehn Gespräche mit der Literaturredakteurin und Fernsehmoderatorin statt, meistens am Wohnort des Interviewpartners. Europäische Geschichte und Kultur des 20. Jahrhunderts werden durch diese bedeutenden Zeitzeugen lebendig. In ihrer Rückschau vertreten sie unterschiedliche Themen und Zeiträume. Zu Wort kommen Julien Green, Ilse Aichinger, Claude Simon, Peter Rühmkorf, Peter Nadas, Andrej Bitow, George Tabori, Friederike Mayröcker, Sarah Kirsch, Martin Walser, Günther Grass, Marcel Reich-Ranicki, Antonio Tabuchi, Michel Butor, Imre Kertész, George Steiner, Patrick Modiano, Amos Oz und Ruth Klüger. Mit großer Offenheit und Ehrlichkeit reflektieren sie die Vergangenheit. Die Bilanz zieht jeder auf seine Weise.

Die Autorin resümiert, sie habe sich besonders gern mit „sympathisch ungefestigten Gesprächspartnern“ unterhalten. Sie selbst pflegte nach ihren Begegnungen einen respektvollen Umgang mit den ihr anvertrauten Lebenserinnerungen, ihre Berichte sind von Sympathie getragen.

Ein außergewöhnliches Buch mit tiefen Einsichten.

Auguste Carstensen-Lenz

Literarische Geburtstagskinder – Janosch

Heute feiert der Schöpfer der unsterblichen Tigerente seinen 85. Geburtstag: Der Autor und Illustrator, der mit richtigem Namen Horst Eckert heißt, wurde am 11. März 1931 geboren. Janoschs Werk hat längst die Zahl 100 überschritten (manche Quellen sprechen von über 150 Titeln, manche von mehr als 300) und umfasst bei weitem nicht nur Kinderbücher.

Trotzdem bleibt „Oh, wie schön ist Panama“ natürlich der Klassiker schlechthin und ist unser Lesetipp für alle, die Janosch noch nicht kennen:

"Oh, wie schön ist Panama" von Janosch

„Oh, wie schön ist Panama“ von Janosch

Janosch: Oh, wie schön ist Panama. Die Geschichte, wie der kleine Tiger und der kleine Bär nach Panama reisen.

Beltz & Gelberg, Weinheim 2015 (49. Auflage).

Tiger und Bär träumen vom Paradies auf Erden – es muss wohl „Panama“ heißen – und machen sich auf die Suche danach. Am Ende finden sie ihr Paradies tatsächlich. Seltsam: es sieht genauso aus wie ihr Zuhause…

In einer Zeit mit ständig bimmelnden und brummenden Smartphones empfiehlt sich aber auch „Post für den Tiger“ – einfach mal ein paar schöne, handgeschriebene Briefe als kleine Aufmerksamkeit für die Leute, die man mag! Denn „das mache ich gerade“ und „ich denke an dich“ lässt sich auch ohne SMS oder Facebook sagen. In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch, Janosch! Und: Danke! Nicht nur für die Tigerente.

Lesetipp des Monats November – Bestseller

Volker Weidermann: Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014.

"Ostende" von Volker Weidermann

„Ostende“ von Volker Weidermann

Prominente Schriftsteller treffen sich im Sommer 1936 im belgischen Badeort Ostende: Stefan Zweig, Josef Roth, Egon Erwin Kisch, Ernst Toller, Irmgard Keun, Arthur Koestler und andere weniger bekannte. Sie befinden sich in einer Urlaubswelt mit bunten Badehäusern, Sonnenschirmen und einem Spielcasino. Sie sind Hitler-Gegner und haben gemeinsame Sorgen und Hoffnungen. Ihre Heimat haben sie verloren, sie werden verfolgt und ihre Bücher sind verboten. Im Mittelpunkt dieser illustren Gesellschaft steht die Freundschaft zwischen Stefan Zweig und dem ihn bewundernden jüngeren Josef Roth. Die lebenslustige Irmgard Keun ist wegen Josef Roth dabei, eine leidenschaftliche Liebe verbindet das ungleiche Paar. Es ist das letzte Zusammentreffen der Literaten in diesen dreißig Tagen. Wenig später werden sie sich in alle Himmelsrichtungen zerstreuen oder  ihrem Leben selbst ein Ende setzen.

Volker Weidermann erzählt von der Begegnung dieser Vertreter einer „verlorenen Generation“. In Briefen und anderem Quellenmaterial hat der Literaturkritiker treffende Zitate gefunden und mit den überlieferten Ereignissen montiert. So ist eine informative, feinsinnige und bewegende Erzählung entstanden, die zum Weiterlesen der – inzwischen – Klassiker aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts animiert.

Ebenfalls empfehlenswert ist das Hörbuch. Der Schauspieler Ulrich Noethen liest pointiert, so dass die besondere Atmosphäre des Exilortes spürbar wird.

 Auguste Carstensen-Lenz