Lesetipp des Monats November – Roman

Kate Mosse: Der Kreis der Rabenvögel. Roman. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.

Droemer (https://www.droemer-knaur.de), München 2017.

„Der Kreis der Rabenvögel“ von Kate Mosse
(c) Verlagsgruppe Droemer Knaur

Wenn Sie manchmal das Gefühl haben, es regnet in unseren Breiten einfach zu häufig, dann ist es Zeit für den großartigen neuen Roman „Der Kreis der Rabenvögel“ von Kate Mosse.

Die düster-spannende Geschichte um die junge Contantia Gifford spielt an der stürmischen Küste von Sussex, im Jahre 1912. Connie, wie sie genannt wird,  lebt mit ihrem trunksüchtigen Vater, einem einst berühmten Tierpräparator, in völliger Zurückgezogenheit in einem abgelegenen Landhaus, mitten im  sumpfigen Marschland. Die Menschen in dieser einsamen Gegend sind Niederschläge gewöhnt. Doch in diesem Jahr sind die Wetterverhältnisse besonders übel. Die Wege sind überflutet, es regnet, es stürmt, es gießt, es gewittert. Eines Morgens findet Connie eine Leiche im Schlick. Hatte ihr Vater die Hände im Spiel?

Seit einem schweren Unfall fehlt der jungen Frau jegliche Erinnerung an ihre eigene Kindheit. Doch langsam, in kurzen, beunruhigenden Sequenzen, suchen sie die Erlebnisse von einst sie wieder ein. Nach dem Fund der toten Frau und der unheimlichen nächtlichen Versammlung in der Dorfkirche, die Connie heimlich beobachtet, verschwinden innerhalb weniger Tage auch noch vier Männer, lauter ehrenwerte Herren der Gesellschaft. Auch von ihrem Vater fehlt jede Spur. Als die unerschrockene Connie mit Hilfe des jungen Harry Doyle den düsteren Geheimnissen auf die Spur kommt, gerät sie selbst in große Gefahr.

Vorhänge zu, Heizung hoch drehen oder Kamin anfeuern und dem Heulen des Sturms lauschen, das sind die richtigen Zutaten, um dieses Buch richtig zu genießen.

Hedda Jensen

 

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Lesetipp des Monats November – Geschichten

Matthias Brandt: Raumpatrouille. Geschichten.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016.

"Raumpatrouille" von Matthias Brandt

„Raumpatrouille“ von Matthias Brandt

Der bekannte Schauspieler und Politikersohn hat sein erstes Buch geschrieben, ein Debüt mit 14 Geschichten. In der Ich-Perspektive ist es die abenteuerliche und rätselhafte Welt eines etwa 10jährigen Kindes. Diese Kindheit ist in der damaligen Schaltzentrale der Macht, in Bonn, angesiedelt und der Vater ist Bundeskanzler. Der Autor, Jahrgang 1961, berichtet von den gelangweilten Wachleuten, die auf dem Grundstück ihren Dienst tun, von der aufregenden Mondlandung im Jahr 1969  und von einem netten älteren Ehepaar Lübke in der Nachbarschaft, das ihn regelmäßig zum Kakaotrinken einlädt. Ihm ist bewusst, dass sein Vater einen „komischen Beruf“ hat. Der Erzähler möchte so sein wie seine Mitschüler und beteiligt sich wie sie an den Hänseleien eines Außenseiters, denn „es war die einfachste Art, zu sein, wie die anderen, und das war mein brennendster Wunsch“. Deshalb ist er begeistert von einer Übernachtung bei der Familie eines Schulfreundes, wo man abends Wim Thoelke im Fernsehen sieht und dazu Streichkäse mit aufgefächerter Gurke verzehrt.

Aus seiner Perspektive erzählt das Prominentenkind von einem hohlen Jahrmarktsbesuch mit den Eltern, der nur für die Presse inszeniert wird. Ebenfalls für die Öffentlichkeit veranstaltet ein Arbeitskollege, Herr Wehner, einen Fahrradausflug mit dem Vater, wohl kalkulierend, dass der Bundeskanzler das Fahrradfahren nicht beherrscht und die Tour zu einem Fiasko wird. Ob der Junge wirklich Matthias Brandt ist, lässt der Autor im Unklaren, denn „Alles, was ich erzähle, ist erfunden. Einiges davon habe ich erlebt. Manches, von dem, was ich erlebt habe, hat stattgefunden“. Die Menschen und Szenen in den größtenteils humorigen Geschichten sind gut beobachtet, distanziert und feinsinnig beschrieben.

Ein vergnüglicher Leckerbissen nicht nur für Leser, die sich an die Bonner Republik erinnern.

Auguste Carstensen-Lenz

 

Lesetipp des Monats Juli – Kinderbuch

Adina Rishe Gewirtz: Zebrawald. Aus dem Englischen von Alexandra Ernst.

Cbt, München 2014.

"Zebrawald" von Adina Rishe Gewirtz

„Zebrawald“ von Adina Rishe Gewirtz

Die elfjährige Annie und ihr kleiner Bruder Rew leben mit ihrer Großmutter am Rand des „Zebrawaldes“. Zu anderen Menschen haben sie nur wenig Kontakt, in die Schule gehen sie unter falschem Namen. Die Großmutter verlässt nur selten das Haus; manchmal schweigt sie den ganzen Tag und bleibt in ihrem Zimmer.

Annie und Rew lieben das Buch „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson, obwohl ihrer Ausgabe der Anfang fehlt. Sie diskutieren wieder und wieder über ihre Lieblingsfiguren (Rew liebt Long John Silver, Annie zieht Dr. Livesey vor) und erfinden eigene Anfänge für die Geschichte – ebenso, wie Annie für Rew Geschichten über ihre Familie erfindet: über Großvater Morgan, über ihren unbekannten Vater Andrew Snow. War auch er vielleicht ein Pirat?

Zu Beginn der Sommerferien sind sie zu dritt in ihrem kleinen Haus wie aus der Zeit gefallen: Annies einzige Freundin ist verreist, die regelmäßig vorbeischauende Sozialarbeiterin ebenso. Dann bricht ein fremder Mann bei ihnen ein; er ist bei einem Massenausbruch aus dem Gefängnis hinter dem Zebrawald geflohen und sucht ein Versteck. Doch in Wahrheit ist er kein Fremder. Und bald wird Annie klar: ihr Vater Andrew Snow ist gar nicht von einem wütenden Mann umgebracht worden, so wie es die Großmutter immer erzählt hat. Vielleicht ist er selbst der wütende Mann…

Der erste Roman der Autorin Adina Rishe Gewirtz entpuppt sich als eine wunderbare, poetische Geschichte übers Geschichtenerzählen – und darüber, dass die Welt nicht nur schwarz und weiß ist. Wie in jedem richtig guten Buch bleibt manches unausgesprochen und lädt den Leser ein, die Antworten zwischen den Zeilen zu finden.

„Zebrawald“ ist ein leises Buch. Eine Geschichte, die sich auf Zehenspitzen an den Leser heranschleicht und ihm dann direkt ins Herz flüstert.

Andrea Sondermann

Lesetipp des Monats März – Jugendroman

Meg Rosoff: Was ich weiß von dir. Roman. Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit.

Fischer KJB, Frankfurt am Main 2014.

"Was ich weiß von dir" von Meg Rosoff

„Was ich weiß von dir“ von Meg Rosoff

In den Osterferien tritt Mila, ein sehr kluges und feinsinniges zwölfjähriges Mädchen, gemeinsam mit ihrem Vater eine Reise in die USA an. Ursprünglich wollten die beiden den Freund des Vaters aus Kindheitstagen besuchen. Doch dieser ist kurz vor dem verabredeten Besuch spurlos verschwunden und hat Frau, Baby und Hund zurück gelassen. Da die Polizei das unerklärliche Verschwinden nicht als mögliches Verbrechen einstuft, beschließen Mila und ihr Vater, sich in Begleitung des Hundes auf die Suche nach Matt zu begeben. So beginnt – erzählt aus der Perspektive der sehr reflektierten, ihrem Alter weit voraus denkenden Mila – ein fast poetischer Roadmovie, der durch den Osten der USA führt. Natürlich steht die Frage nach dem Warum des Verschwindens als Rätsel im Vordergrund, doch eigentlich ist der Schwerpunkt des Jugendromans die besondere Vater-Tochter-Beziehung und Milas Einblick in die Welt der Erwachsenen.

Mila findet Matt nach vielen Umwegen und erfährt so einiges über den Hintergrund seiner Flucht. Sie schafft es zwar, ihn zur Rückkehr zu seiner Familie zu bewegen, aber was dann wird, lässt sich durch Außenstehende nicht beeinflussen. Mila stellt bei all ihrer Reife fest, dass sie doch eigentlich noch ein Kind ist.

Die Autorin von „How I live now“ (übrigens als Verfilmung sehr gelungen!), schreibt hier eine sensible, warmherzige Geschichte, ohne „Action“ und unaufgeregt, aber berührend.

Gerne empfohlen ab 14 Jahren.

Susanne Luther-Feddersen

Lesetipp des Monats Februar – aus der Romanabteilung

Michele Serra: Die Liegenden. Aus dem Italienischen von Julika Brandestini.

Diogenes, Zürich 2014.

"Die Liegenden" von Michele Serra

„Die Liegenden“ von Michele Serra

Wie bekommt ein Vater Kontakt zu seinem 18- jährigen Sohn, den er zumeist in liegender Position auf dem Sofa mitsamt Kopfhörer, Laptop, Handy und laufendem Fernseher sieht und der ihm wie ein fremdes Wesen vorkommt?

Mit bisweilen wütender Polemik beschreibt der Ich-Erzähler seine Kontaktsuche zu dem geliebten Sohn, dessen Verhalten, Lebens- und Denkweise er weder kennt noch versteht. Mehr als nur der übliche Generationskonflikt – auch die gesellschaftlichen Veränderungen des 21. Jahrhunderts scheinen diese Vater-Sohn-Beziehung zu prägen.

Der Sohn zieht in der gemeinsamen Wohnung eine Spur des Chaos und der Unordnung nach sich, eine Weinlese gemeinsam mit Freunden endet mit der Erkenntnis, dass die Jugend schläft, während die „Alten“ arbeiten und das tägliche Miteinander verläuft überwiegend schweigend. Die Schilderungen sind oftmals brillant und komisch – jeder, der so ein „liegendes Wesen“ bei sich zu Hause hat, erkennt viele Verhaltensmuster wieder.

Aber Serra versteht sich auch hervorragend in der kritischen Auseinandersetzung mit Erziehung, die nicht stattfindet, weil man selber jung sein will und die Kinder geradezu hofiert, statt loszulassen.

Der Vater wünscht sich, durch eine gemeinsame Bergwanderung, die er selbst als junger Mensch mit seinem eigenen Vater (und dieser wiederum mit seinem) unternommen hat, dem Sohn wieder näher zu kommen.

Ob in der Auseinandersetzung mit den eigenen heranwachsenden Kindern oder bei der Betrachtung der „heutigen“ Jugend : Serra gelingt ein humor- und liebevolles Porträt eines zweifelnden Vaters und lässt den Leser versöhnt zurück.

Susanne Luther-Feddersen

Lesetipp des Monats März – Jugendroman

Swati Avasthi: Kein Zurück mehr. Aus dem Amerikanischen von Mareike Weber.

Cbt, München 2012.

"Kein Zurück mehr" von Swati Avasthi

„Kein Zurück mehr“ von Swati Avasthi

Nach einer neunzehnstündigen Autofahrt von Chicago nach Albuquerque hält der 16-jährige Jace vor einem fremden Gebäude. Sein gewalttätiger Vater – ein angesehener Richter – hat ihn rausgeworfen, weil er es gewagt hat, sich zu wehren. Nun sucht Jace Zuflucht bei seinem älteren Bruder Christian, der vor 5 Jahren abgehauen ist. Aber Christian stellt Regeln für ihr Zusammenleben auf, und die wichtigste lautet: Keine Fragen. Nicht über das sprechen, was ihnen im Elternhaus widerfahren ist. Doch so kann Jace auch nicht über seine größte Angst sprechen – dass er dem Vater vielleicht nicht nur äußerlich ähnelt. Wie soll er den gewaltigen Zorn im Zaum halten, der ihn immer wieder zu überwältigen droht? Was, wenn er bereits einen dunklen Weg eingeschlagen hat – gibt es von dort ein Zurück?

Autorin Swati Avasthi hat in einer Rechtsberatung für Opfer häuslicher Gewalt gearbeitet und sicherlich viele Erfahrungen in ihren ersten Roman mit einfließen lassen. Sie erzählt die Geschichte in der Ich-Form aus der Sicht von Jace, arbeitet mit Rückblenden und Andeutungen. Warum will Jace seinen Bruder belügen, was darf Christian auf keinen Fall herausfinden? Was zwischen Jace und seiner Ex-Freundin Lauren vorgefallen ist, kann der Leser zunächst nur erahnen. Man hofft und bangt mit dem intelligenten, sportlichen Jungen, der einen Platz im Fußballteam seiner neuen Schule und einen Job in einer Buchhandlung ergattert. Hat Jace eine zweite Chance verdient? Und wird er es schaffen, sie zu nutzen?

Swati Avasthi ist ein sehr bewegendes Buch gelungen, das den Leser auf eine emotionale Achterbahnfahrt mitnimmt. Die Hauptfiguren mit ihren Ängsten, Schwächen und Hoffnungen bleiben im Gedächtnis und das Entsetzen über die Grausamkeit, die hinter der Fassade einer scheinbar intakten Familie lauern kann, wirkt lange nach.

Andrea Sondermann

Filmtipp des Monats Februar

Seit dem Tod seiner Frau beim Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 zieht der ehemalige Journalist Martin Bohm seinen Sohn Jake allein groß. Doch Jake ist kein gewöhnliches Kind: Er spricht nicht, lässt sich von niemandem anfassen. Zahlen sind seine Welt, aber was bedeuten sie?

Der gebannte Zuschauer der Serie „Touch“ ist von Anfang an dem verzweifelten Vater weit voraus: Die Zahlen und mathematischen Formeln sind für Jake als Muster sichtbar, und in diesen Mustern sind die Schicksale aller Menschen auf der Welt miteinander verbunden. Wenn ein Fehler im Muster ist, muss das daher dringend in Ordnung gebracht werden. Schritt für Schritt erkennt Martin, dass genau dies seine Aufgabe ist, die ihm Jake mit Zahlen mitzuteilen versucht. Für die Behörden erscheint der Fall allerdings schon längst glasklar: In ihren Augen ist Jake einfach ein autistisches Kind und sein alleinerziehender Vater hoffnungslos überfordert. Im Verlauf der Serie erhärtet sich jedoch der Verdacht, dass im Hintergrund noch ganz andere Leute ihre Finger im Spiel haben, die genau über Jakes Fähigkeiten Bescheid wissen. Von allen Seiten werden Martin Steine in den Weg gelegt – doch auch mit ihm und Jake sind andere Menschen schicksalhaft verbunden. Und früher oder später werden sie ihnen gemeinsam begegnen.

„Touch“ ist eine außergewöhnliche Serie, der es gelingt, in jeder Folge aufs Neue zu überraschen. Das Muster ist zwar bald relativ klar: Martin folgt einer Zahl – aber nicht einmal er findet alle Fäden, die bei dieser Zahl zusammenlaufen. Das erfährt nur der Zuschauer. Was haben zum Beispiel ein verlorenes Handy, zwei japanische Touristinnen, eine erfolglose Sängerin und ein Junge, der sich zu einem Selbstmordanschlag gezwungen sieht, miteinander gemeinsam? Auf den ersten Blick: Gar nichts. Wie sehr man sich doch irren kann! Sprachlos vor Staunen bleibt der Zuschauer gleich nach der ersten Folge zurück und fragt sich nur eines: Können die das überhaupt noch toppen? Ja, sie können. Und mehr wollen wir jetzt auch nicht verraten.

Tolle Schauspieler, einfühlsame Geschichten! Die größte Hürde beim Filmgenuss: Die DVD zu überreden, die deutsche Sprachfassung herauszurücken. Leider klappt das nicht bei jedem Abspielgerät!

Touch – die komplette Season 1. USA, 2012. Darsteller: Kiefer Sutherland (Martin), David Mazouz (Jake) … 3 DVDs ( 480 Min.). Ab 12 Jahren freigegeben.

Andrea Sondermann