Lesetipp des Monats November – Roman

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann. Roman.

DuMont (http://www.dumont-buchverlag.de/), Köln 2017.

Hauptfigur Luise, die Enkelin von Selma, erzählt, zunächst als Kind, später dann als junge Erwachsene, ihre persönliche Geschichte und die der Menschen in ihrem kleinen Dorf im Westerwald.

Ihre Großmutter Selma hat eine besondere und von allen gefürchtete Gabe: immer wenn sie von einem Okapi (= giraffenartiger Paarhufer aus dem zentralafrikanischen Regenwald) träumt, stirbt binnen 24 Stunden ein Mensch aus der Gegend. Da niemand weiß, wen es treffen wird, sind alle Bewohner des Dorfes, sobald bekannt wird, dass Selma diesen Traum hatte, besonders vorsichtig, ängstlich und besorgt.

Die Menschen, die Luise umgeben, sind ihr gleichaltriger Freund Martin, ihre Oma und ihre Eltern: die Mutter, die so mit sich selbst und dem Wunsch, sich von ihrem Mann zu trennen beschäftigt ist und der Vater, der ständig in der Welt herumreist, so dass beide ihre Tochter gar nicht wahrnehmen. Dann gibt es noch den Optiker, der nicht nur heimlich in Luises Oma verliebt ist, sondern Luise und ihrem Freund alles Wissenswerte der Welt beizubringen versucht.

Der Schicksalsschlag, den Luise noch als Kind erfahren muss, als nach einer der Todesvisionen ihrer Oma ihr bester Freund aus dem Zug fällt und stirbt, prägt Luise in ihrem Erwachsenwerden. Sie macht eine Buchhändlerlehre im nächstgelegenen Ort und verbringt ihre Zeit noch immer am liebsten bei ihrer Oma und im Dorf.

Als Luise dem buddhistischen Mönch Frederick begegnet, entdeckt sie deutlich mehr Facetten für ihr weiteres Leben.
Die beschriebenen Bewohner des Dorfes sind eine skurrile, kleine und scheinbar beengte Gemeinschaft, deren Welt die Autorin liebevoll und scharfsinnig ersonnen hat.

Das Eintauchen als Leserin oder Leser in Luises kleine, eigenartige Welt lohnt sich unbedingt!

Susanne Luther-Feddersen

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Kulturnacht

Das Programm zur Husumer Kulturnacht am 1. Juli 2017 in der Stadtbibliothek Husum:

 

19.00 Uhr bis 23.00 Uhr:

Kalligraphie – die Kunst des schönen Schreibens: Die Kalligraphin Karina Reck präsentiert historische Handschriften aus den letzten Jahrhunderten. Eigenes Ausprobieren ist möglich!

 

20.00 Uhr/21.30 Uhr: Lesung

(c) Constanze Wilken

„Das Erbe von Carreg Cottage“ – Constanze Wilken lädt zu einer literarischen Reise nach Wales ein: Die Autorin liest aus ihrem neuen Roman, erzählt von Land und Leuten und zeigt Bilder der Schauplätze.

(Dauer: jeweils etwa 35 Minuten)

 

 

 

19.15 Uhr/20.45 Uhr/22.30 Uhr: Musik

(c) Susanne Mohr

Amariszi – Das Ensemble der Theodor-Storm-Schule spielt südosteuropäische Folklore und singt dazu in den Originalsprachen, z.B. bulgarisch, mazedonisch und jiddisch.

(Dauer: jeweils 30 Minuten)

 

 

 

Laufende Ausstellung:Atem des Meeres“ von Karl-Heinz Morscheck

Bewirtung: Kaffee, Saft und Selters, Laugengebäck

Lesetipp des Monats Mai – Roman

Ursula Fricker: Lügen von gestern und heute. Roman.

dtv (https://www.dtv.de/), München 2016.

„Lügen von gestern und heute“ von Ursula Fricker

Gesellschaftskritik im Roman ist ein schwieriges Unterfangen. Mit „Lügen von gestern und heute“ gelingt es der Autorin aber sehr bewegend und reflektiert den aktuellen Zeitgeist und die Stimmungen in Deutschland einzufangen.

Innensenator Otten lässt ein illegales Flüchtlingscamp räumen und gerät in Presse und Öffentlichkeit mit seiner vermeintlich harten Politik in die Kritik. Der Leser bekommt aber auch nach und nach Einblick in den Menschen Otten: die vielen Jahre in der Politik und der Blick auf sein Privatleben mit  den erwachsenen, ihm fremd gewordenen Kindern und seiner Frau, die schwer erkrankt, verändern ihn.

Studentin Isa will die Welt verbessern, wendet sich komplett von Elternhaus, Studium und „Normalität“ ab, zieht schließlich selbst ins Flüchtlingscamp, dessen Bewohner nach der Räumung eine alte Fabrik besetzen, und radikalisiert sich zunehmend – isoliert von ihren bisherigen Mitstreitern, deren Aktivitäten ihr zu lasch erscheinen. Isa, aufgewachsen in einem sehr liberalen Elternhaus, steigert sich zunehmend in die Idee hinein, einen  aufsehenerregenden Akt des Widerstands durchzuführen. Als sie in den Besitz einer Pistole kommt, will sie Otten töten, der für sie der Inbegriff der unsozialen, kaltherzigen Machtpolitik  ist.

Beba, selbst aus Armut nach Deutschland geflüchtet, träumt von einer Zukunft als Pianistin und schlägt sich als Prostituierte durch. Sie verliebt sich in einen Musiker, mit dessen Hilfe sie aus dem Bordell aussteigen kann und einen Job als Verkäuferin findet. Sie wird schwanger und die beiden ziehen zusammen, aber ihr Freund leidet zunehmend unter Eifersucht und kann Bebas Vergangenheit nicht ertragen.

Durch Zufall lernen Senator Otten und Beba sich in einem Café kennen – und der Politiker ist beeindruckt von der jungen Frau, die unverhohlen darüber spricht, dass sie als Prostituierte gearbeitet hat. Er lädt die talentierte Pianistin zu sich und seiner Frau ein, um bei ihnen im Haus bei einer kleinen Feier zu musizieren.

Die überraschende Verknüpfung dieser drei Leben stellt Fricker mit Leichtigkeit her – auch das dazu gehörige Umfeld tritt, oft nur in Andeutungen, in Erscheinung und zeigt eine ambivalente, zerrissene Gesellschaft:  Es gibt kein Schwarz-Weiß, die Suche nach Eindeutigkeit, nach Gut und Böse kann nicht gelingen – immer ist alles viel differenzierter zu betrachten.

Ein starkes Buch!

Susanne Luther-Feddersen

Lesetipp des Monats März – Jugendroman

Meg Rosoff: Was ich weiß von dir. Roman. Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit.

Fischer KJB, Frankfurt am Main 2014.

"Was ich weiß von dir" von Meg Rosoff

„Was ich weiß von dir“ von Meg Rosoff

In den Osterferien tritt Mila, ein sehr kluges und feinsinniges zwölfjähriges Mädchen, gemeinsam mit ihrem Vater eine Reise in die USA an. Ursprünglich wollten die beiden den Freund des Vaters aus Kindheitstagen besuchen. Doch dieser ist kurz vor dem verabredeten Besuch spurlos verschwunden und hat Frau, Baby und Hund zurück gelassen. Da die Polizei das unerklärliche Verschwinden nicht als mögliches Verbrechen einstuft, beschließen Mila und ihr Vater, sich in Begleitung des Hundes auf die Suche nach Matt zu begeben. So beginnt – erzählt aus der Perspektive der sehr reflektierten, ihrem Alter weit voraus denkenden Mila – ein fast poetischer Roadmovie, der durch den Osten der USA führt. Natürlich steht die Frage nach dem Warum des Verschwindens als Rätsel im Vordergrund, doch eigentlich ist der Schwerpunkt des Jugendromans die besondere Vater-Tochter-Beziehung und Milas Einblick in die Welt der Erwachsenen.

Mila findet Matt nach vielen Umwegen und erfährt so einiges über den Hintergrund seiner Flucht. Sie schafft es zwar, ihn zur Rückkehr zu seiner Familie zu bewegen, aber was dann wird, lässt sich durch Außenstehende nicht beeinflussen. Mila stellt bei all ihrer Reife fest, dass sie doch eigentlich noch ein Kind ist.

Die Autorin von „How I live now“ (übrigens als Verfilmung sehr gelungen!), schreibt hier eine sensible, warmherzige Geschichte, ohne „Action“ und unaufgeregt, aber berührend.

Gerne empfohlen ab 14 Jahren.

Susanne Luther-Feddersen