Lesetipp des Monats Oktober – Bilderbuch

Doro Göbel, Peter Knorr: Die Flussfahrt. Eine Wimmelbilder-Geschichte.

Beltz & Gelberg (http://www.beltz.de), Weinheim 2017.

„Die Flussfahrt“ von Doro Göbel und Peter Knorr
(c) Beltz & Gelberg

Käpt’n Kate und ihre Mannschaft machen mit einer bunten Mischung von Passagieren einen Tagesausflug auf der MS Luise. Ganz ohne Text, nur in herrlich detailreichen wimmeligen Zeichnungen, in denen sich neben der aufregenden Fahrt mitsamt einem Waschbären als blindem Passagier noch unzählige weitere kleine und große Geschichten verbergen: zum Beispiel die Reinigungsfirma, die ihrem ausgebüchsten Maskottchen nachjagt, ein übermütiger Motorbootfahrer, eine clevere Geschäftsidee nach einem Tomaten-Unfall und eine Flaschenpost, die schließlich ans Ziel kommt, entwickeln sich über mehrere Seiten hinweg. Für andere kleine Geschichten reicht schon ein einziges Bild (mein Favorit: die beiden Kinder, die beim Urlaub auf dem Bauernhof ein Schlammbad in der Schweinesuhle nehmen).

Auch nach mehrmaligem Anschauen lässt sich noch immer Neues und Überraschendes im Buch entdecken, so dass beim Betrachten richtige Schatzsucher-Stimmung aufkommt. Eigentlich schade, dass die Flussfahrt am Abend schon zu Ende ist …

Doro Göbel und Peter Knorr haben sich mit ihrem preisverdächtigen neuen Wimmelbuch wieder einmal selbst übertroffen: Bei dieser genialen Schiffsreise gehen Jung und Alt gern mit an Bord!

Andrea Sondermann

 

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Lesetipps des Monats April

Romane:

Thommie Bayer: Vier Arten, die Liebe zu vergessen.

Piper, München 2012.

Thommie Bayer: Vier Arten, die Liebe zu vergessen

Thommie Bayer: Vier Arten, die Liebe zu vergessen

Vier Schulfreunde begegnen sich nach beinahe 20 Jahren wieder: auf der Beerdigung ihrer Lehrerin und Mentorin, die die damaligen Internatsschüler als Freunde und Sänger einer A-Capella-Gruppe zusammengebracht hat. Spontan beschließen die vier, gemeinsam ein paar Urlaubstage in Venedig zu verbringen, wo Michael, einer von ihnen, in einem Palazzo lebt. Sie bleiben sich zunächst fremd, aber nach und nach öffnen sich die Männer in der Atmosphäre Venedigs ihren alten Freunden, zumindest teilweise: Enttäuschungen, misslungene Lebenspläne, verlorene oder nie gefundene Liebe haben die vier unterschiedlich geprägt. Wie viel Vertrautheit und Freundschaft bleibt nach so vielen Jahren ohne Kontakt? Besonders Michaels „Geheimnis“ um die Verknüpfung seines Berufs mit der Liebe steht im Vordergrund und wirkt geradezu poetisch. Der Autor schlägt leise Töne an und vermag in dieser ruhigen Geschichte doch zu fesseln mit den Lebensthemen Liebe, Freundschaft und Respekt.

Ein sehr schönes Buch, das man(n) so schnell nicht aus der Hand legt! Mehr davon!

Susanne Luther-Feddersen

Leena Lander: Eine eigene Frau.

Aus dem Finnischen von Stefan Moster. btb Verlag, München 2012.

Leena Lander: Eine eigene Frau

Leena Lander: Eine eigene Frau

Der Roman spielt sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart. Der Erzähler der Gegenwart ist Saidas Enkel Risto. In einer Lebenskrise hat er sich in das einsam gelegene Haus im Südwesten Finnlands, das er von seiner Großmutter Saida geerbt hat, zurückgezogen. Angeregt durch Dokumente aus der Zeit des Bürgerkriegs beginnt er die Geschichte seiner eigenen Familie zu ergründen. Nach und nach findet er mehr heraus über die Predigertochter Saida und die Menschen im Dorf. Deren Schicksale sind eng verbunden mit dem herrschaftlichen Leben auf dem Landgut. Ihre Erfahrungen spiegeln die Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Eine der Hauptfiguren ist der Sägewerkarbeiter Joel Tammisto. Im finnischen Bürgerkrieg 1918 agitiert er auf der Seite der Roten und wird als Mitglied des Kommitees zur Lebensmittelbeschaffung straffällig. Seine Tagebucheintragungen beginnen im Jahr 1903 und bilden den chronologischen Hintergrund dörflicher Ereignisse und politischer Veränderungen.

Im Jahr 2012 wurde „Eine eigene Frau“ von den Nordischen Botschaftern zum „Buch des Monats“ gewählt.

Leena Lander, Jahrgang 1955, gehört zu den bekanntesten finnischen Autoren. Auch in früheren Büchern hat sie Finnlands Vergangenheit zum Thema gemacht. Ihre Bücher wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Erstmals in deutscher Sprache erschien 1997 der Roman „Die Insel der Schmetterlinge“. Dort bringt sie die Heimerziehung in den 60er Jahren zur Sprache. Als Tochter eines Heimleiters ist sie selbst in dieser Atmosphäre aufgewachsen und konnte damit ihre eigene Kindheit aufarbeiten.

Auguste Carstensen-Lenz

Ashley Edward Miller & Zack Stentz: Der beste Tag meines Lebens.

Aus dem Englischen übersetzt. Droemer, München 2012.

Ashley Edward Miller & Zack Stentz: Der beste Tag meines Lebens

Ashley Edward Miller & Zack Stentz: Der beste Tag meines Lebens

Die beiden Autoren, die bereits gemeinsam etliche Drehbücher verfasst haben, veröffentlichen hier ihren ersten Roman, den ich wärmstens empfehlen möchte:

Colin ist nicht nur in seiner Schule ein Außenseiter: als Asperger-Autist hat er große Schwierigkeiten, die Emotionen seiner Mitmenschen zu erkennen und angemessen zu reagieren. In seinem Notizbuch hat er extra Skizzen angefertigt, anhand derer er Gefühle wiederzuerkennen versucht. Außerdem kann er Berührungen und Lärm nicht ertragen: er reagiert mit hysterischen Anfällen.

So ist er beständig Spott und Drangsalierungen ausgesetzt. Ausgerechnet seinem Erzfeind Wayne, der ihn schon verprügelt und ins Klo getaucht hat, will er helfen, als dieser unter Verdacht gerät, eine Waffe in die Schule geschmuggelt und abgefeuert zu haben. Mit seinem scharfen, analytischem Verstand ermittelt Colin akribisch und versucht, den wahren Täter zur überführen. Er wächst über sich selbst hinaus und gewinnt sogar einen Freund.

Die Geschichte ist herrlich lakonisch und quasi emotionslos aus der Sicht Colins erzählt, es gibt in jedem Kapitel kleine Einschübe mit Wissenhäppchen, die Colin ermittelt hat und für erwähnenswert hält, und in vielen kleinen Fußnoten werden Begriffe oder Fakten erläutert. Das liest sich unglaublich unterhaltsam und anrührend zugleich. Auch wenn es zu den Erwachsenenromanen gehört, eignet sich dieser besondere Roman über Freundschaft und Außenseiter unbedingt auch für Jugendliche!

Susanne Luther-Feddersen

Jana Oliver: Aller Anfang ist Hölle.

Aus dem Englischen von Maria Poets. FJB, Frankfurt am Main 2011.

Jana Oliver: Aller Anfang ist Hölle

Jana Oliver: Aller Anfang ist Hölle

Mal ehrlich: Ein Buch, in dem gleich im ersten Kapitel ein „Biblio-Dämon“ sein Unwesen treibt, muss man als Bibliothekarin doch einfach lieben, oder? Irgendwie hatten wir ja schon immer den Verdacht, dass die Bücher nicht von allein verschwinden …

Die 17jährige Riley geht bei ihrem Vater als Dämonenfängerin in die Lehre. Bisher handelt es sich dabei um einen typischen Männerberuf, und die alteingesessenen Kollegen ihres Vaters nehmen den Teenager nicht wirklich ernst. Leider bleiben deren Vorbehalte und ein im Internet kursierendes Pannenvideo nicht Rileys einzige Sorge: Plötzlich scheinen alle Dämonen in ganz Atlanta ihren Namen zu kennen, ihr Vater wird von einem Dämon ermordet und sie muss sein Grab bewachen, damit er nicht von einem Totenbeschwörer versklavt werden kann. Denver Beck, ehemaliger Geselle ihres Vaters, und Simon Adler, Lehrling ihres neuen, tyrannischen Ausbilders Harper, stehen Riley zur Seite. Zwischen ihr und Simon entspinnt sich sogar ein zerbrechliches Liebesglück. Doch dabei entgeht Riley völlig, dass sie jemand anderem viel mehr am Herzen liegt. Und der mächtige Dämon, der ihren Vater getötet hat, ist ihr bereits auf den Fersen.

Glaubhaft und mit atemloser Spannung entführt Jana Oliver, die wie ihre Hauptfigur in Atlanta lebt, ihre Leser in eine Welt, in der die Hölle bereits auf Erden stattfindet und nichts mehr sicher scheint. Abwechselnd folgt die Geschichte den Erlebnissen von Riley und Beck und sorgt für erhöhte Suchtgefahr. Auch der Folgeband „Seelenraub“ wird jedoch nicht alle Fragen beantworten, sondern Riley nur in noch größere Schwierigkeiten bringen. So bleibt weiterhin ungeduldiges Warten auf die Fortsetzung.

Andrea Sondermann

Sachbücher:

Adriana Altaras: Titos Brille – die Geschichte meiner strapaziösen Familie.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011.

Adriana Altaras: Titos Brille - die Geschichte meiner strapaziösen Familie

Adriana Altaras: Titos Brille – die Geschichte meiner strapaziösen Familie

Als die 1960 in Zagreb geborene Schauspielerin und Regisseurin Adriana Altaras die Wohnung ihrer verstorbenen Eltern erbt, beginnt sie sich mit deren Leben und ihrer eigenen jüdischen Familiengeschichte auseinanderzusetzen.

Der in Kroatien geborene Vater überlebte in Italien den Krieg und machte in der kommunistischen Partei Jugoslawiens Karriere. In den 60er Jahren wurde er von der Partei ausgeschlossen und floh nach Deutschland, wo er als Arzt, später als Professor an der Universität Gießen arbeitete.

Die Mutter erforschte als Architektin früheres jüdisches Leben in Hessen und wurde mit ihren Veröffentlichungen bekannt. Beide gründeten in Gießen eine jüdische Gemeinde.

Als Tochter von Überlebenden schildert sie ihre eigenen Erfahrungen zum Verhältnis zwischen Deutschen und Juden: „Die Buchläden sind überfüllt mit jüdisch-deutscher Literatur. Historiker streiten, Gegner und Befürworter jeder These haben sich verausgabt. Volkshochschulen und Mahnmale erledigen den Rest. Ich brauche mich um nichts zu kümmern“. Mit kritischer Distanz und viel Humor reflektiert sie ihr „Anderssein“ in vielen Situationen. So wurde sie aufgrund ihres Aussehens zu Beginn ihrer schauspielerischen Tätigkeit „hauptsächlich für Opferrollen“ engagiert.

Klug und amüsant hat Adriana Altaras die Geschichte einer außergewöhnlichen Familie in Europa beschrieben, die vom bewegten 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart reicht.

Auguste Carstensen-Lenz

Aus einem Land vor unserer Zeit: Eine Lesereise durch die DDR-Geschichte.

Metropol, Berlin 2012.

Aus einem Land vor unserer Zeit: eine Lesereise durch die DDR-Geschichte

Aus einem Land vor unserer Zeit: eine Lesereise durch die DDR-Geschichte

Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall macht sich eine Gruppe von jungen Forschern auf, ein Land vor ihrer Zeit zu entdecken. Die Wissenschaftler, gebürtig in Ost- und Westdeutschland, waren zur Zeit des Verschwindens der DDR noch Kinder. Sie sammeln und analysieren Texte, Fotos und Filme, studieren Akten und befragen Zeitzeugen. Mit biografisch unverstelltem Blick werden neu Fragen an die DDR gerichtet und alte Fragen neu gestellt:

Welchen Einfluss hatte die SED konkret auf den Alltag und das Berufsleben junger Menschen? Wie wurde die Jugend zu sozialistischen Persönlichkeiten geformt? Welche Überlegungen gab es beim Städtebau für das Versprechen “Glücklichsein für jeden“? Wie war die Situation von Kindern inhaftierter Eltern?

Die „Lesereise durch die DDR-Geschichte“ bündelt die Beiträge von 25 Stipendiaten der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Auch die langsame Annäherung der Menschen und die derzeitige Ost-West-Befindlichkeiten im vereinten Deutschland nach 1989 werden thematisiert. Die Rolle der Bürgerrechtler ist ein weiteres Thema. Nach dem Ende der DDR wurde ihnen von der offiziellen Bundesrepublik viel Wertschätzung entgegengebracht, inzwischen sehen sie sich „Zwischen Orden und Spott“.

Zum Schluss richtet sich der Blick auch auf die Grenzländer der DDR und auf den aktuellen Umbruch im arabischen Raum.

Auguste Carstensen-Lenz

Ronald Bergan: Alles über Film – weltbeste Filme, Regisseure, Genres.

Aus dem Englischen übersetzt. Dorling Kindersley, München 2012.

Alles über Film: Weltbeste Filme, Regisseure, Genres

Alles über Film: Weltbeste Filme, Regisseure, Genres

Für alle Filmfans und Kinofreunde lädt dieses reich bebilderte Buch zu einer kleinen Reise durch die Filmgeschichte ein.

Seit der Geburt des Kinos 1895 bis zur digitalen Technik im heutigen Film sind unzählige Filmklassiker entstanden. Ob der interessierte Leser nun lieber über verschiedenen Filmgenres nachlesen oder sich einen Überblick über das internationale Kino verschaffen möchte: viele Bilder und informative Texthäppchen begleiten durch die Filmwelt. Natürlich dürfen die 100 besten Filme sowie die 100 größten Regisseure und ihre Filme in der Darstellung nicht fehlen.

Ein gut gelungener und unterhaltsamer Schmöker rund um den Kinofilm, der Lust auf die Filme macht, die man schon lange mal (wieder-)sehen wollte!

Susanne Luther-Feddersen

Kinderbücher:

Urte Fiutak: A, B, C … und Z – tierischer Buchstabenspaß.

Esslinger, Esslingen 2012.

A, B, C ... und Z: tierischer Buchstabenspaß

A, B, C … und Z: tierischer Buchstabenspaß

In bestechend schönen Fotos verknüpft dieses Sachbilderbuch das Alphabet mit erstem Wissen über Tiere. Pro Seite wird ein Buchstabe vorgestellt, dem ein Tier zugeordnet ist (nur beim „X“ wird mit dem „Axolotl“ ein bisschen geschummelt). Wo es passt, werden die Tiere auf einer Doppelseite sogar miteinander in Beziehung gesetzt: Zwischen Fuchs und Gans ist die Liedzeile „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ abgedruckt, und die Raupe verwandelt sich in den Schmetterling. Selten hatte ein Buch einen so passenden Untertitel: Dieses ABC macht wirklich Spaß!

Andrea Sondermann

Carolin Görtler: Mein großes Märchenwimmelbuch.

Cbj, München 2012.

Carolin Görtler: Mein großes Märchenwimmelbuch

Carolin Görtler: Mein großes Märchenwimmelbuch

Pünktlich zum großen Jubiläum der Grimmschen „Kinder- und Hausmärchen“ ist im letzten Jahr dieses fröhliche Bilderbuch erschienen. Hier können schon die Jüngsten in den bekanntesten Märchen der Brüder Grimm auf Entdeckungsreise gehen, denn die doppelseitigen Wimmelbilder im Comic-Stil kommen ganz ohne Worte aus und machen einfach Spaß! Wer die Märchen zusätzlich (vor)lesen möchte, findet die gekürzt (nach)erzählten Texte jeweils auf zwei Klappseiten an den Bildrändern. Besonderer Clou: In den Wimmelbildern sind nicht nur zahlreiche kleine Szenen aus den Märchen, sondern auch noch weitere Suchaufgaben versteckt. Außerdem spielt in den farbenfrohen Illustrationen jedes Märchen zu einer anderen Tageszeit. Dieses Buch sorgt für ein so rundum gelungenes Vorlese- und Such-Vergnügen, dass man sich wünscht, es wäre mindestens doppelt so dick. Da hilft nur eins: Gleich wieder von vorne anfangen.

Andrea Sondermann