Lesetipp des Monats Juli – Roman

Julian Barnes: Der Lärm der Zeit. Roman. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger.

Kiepenheuer & Witsch (http://www.kiwi-verlag.de/), Köln 2017.

„Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes
(c) Kiepenheuer & Witsch

Warum steht ein Mann Nacht für Nacht neben seinem gepackten Koffer im Treppenhaus?

Der Komponist Dimitri Schostakowitsch wartet im Moskau des Jahres 1936 wie unzählige andere Bürger des Landes auf seine Verhaftung durch den russischen Geheimdienst. Er möchte seiner Frau und seiner kleinen Tochter den Anblick ersparen, dass er aus dem Schlafzimmer gezerrt wird.

Schon mit seiner ersten Sinfonie, die der damals erst 19-jährige Student 19125 als Abschlussarbeit komponiert hatte, hatte Schostakowitsch weltweite Anerkennung errungen. Die berühmtesten Orchester spielten fortan seine Stücke.

Seitdem Stalin jedoch eine Aufführung einer Oper von Schostakowitsch frühzeitig verlassen und die Parteizeitung „Prawda“ das Werk in einem Artikel verrissen hat, muss der Komponist damit rechnen, Opfer eines der berüchtigten Schauprozesse der Stalin-Ära zu werden.

Wie überlebt man als Künstler und als Mensch den „Lärm der Zeit“?

Man muss nicht musikbegeistert sein oder sich sogar schon mit der Biographie von Schostakowitsch befasst haben, um von diesem Roman des großartigen britischen Autors Julian Barnes gefesselt zu sein.

Schlaglichtartig beleuchtet Barnes Stationen im Leben des Musikers. Es geht um Privates und um Begegnungen mit der Macht, um Feigheit und Mut. Es geht um die Frage, wem die Kunst gehört und darum, wie weit man bereit ist, Kompromisse zu machen, sich demütigen zu lassen, um weiter als Künstler arbeiten zu können.

Durch weltweite politische Entwicklungen erhält Julian Barnes neuester Roman traurige Aktualität. Der Autor wurde im vergangenen Jahr übrigens in Hamburg mit dem Siegfried-Lenz-Preis für sein Gesamtwerk ausgezeichnet.

Hedda Jensen

 

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Lesetipp des Monats November – Geschichten

Matthias Brandt: Raumpatrouille. Geschichten.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016.

"Raumpatrouille" von Matthias Brandt

„Raumpatrouille“ von Matthias Brandt

Der bekannte Schauspieler und Politikersohn hat sein erstes Buch geschrieben, ein Debüt mit 14 Geschichten. In der Ich-Perspektive ist es die abenteuerliche und rätselhafte Welt eines etwa 10jährigen Kindes. Diese Kindheit ist in der damaligen Schaltzentrale der Macht, in Bonn, angesiedelt und der Vater ist Bundeskanzler. Der Autor, Jahrgang 1961, berichtet von den gelangweilten Wachleuten, die auf dem Grundstück ihren Dienst tun, von der aufregenden Mondlandung im Jahr 1969  und von einem netten älteren Ehepaar Lübke in der Nachbarschaft, das ihn regelmäßig zum Kakaotrinken einlädt. Ihm ist bewusst, dass sein Vater einen „komischen Beruf“ hat. Der Erzähler möchte so sein wie seine Mitschüler und beteiligt sich wie sie an den Hänseleien eines Außenseiters, denn „es war die einfachste Art, zu sein, wie die anderen, und das war mein brennendster Wunsch“. Deshalb ist er begeistert von einer Übernachtung bei der Familie eines Schulfreundes, wo man abends Wim Thoelke im Fernsehen sieht und dazu Streichkäse mit aufgefächerter Gurke verzehrt.

Aus seiner Perspektive erzählt das Prominentenkind von einem hohlen Jahrmarktsbesuch mit den Eltern, der nur für die Presse inszeniert wird. Ebenfalls für die Öffentlichkeit veranstaltet ein Arbeitskollege, Herr Wehner, einen Fahrradausflug mit dem Vater, wohl kalkulierend, dass der Bundeskanzler das Fahrradfahren nicht beherrscht und die Tour zu einem Fiasko wird. Ob der Junge wirklich Matthias Brandt ist, lässt der Autor im Unklaren, denn „Alles, was ich erzähle, ist erfunden. Einiges davon habe ich erlebt. Manches, von dem, was ich erlebt habe, hat stattgefunden“. Die Menschen und Szenen in den größtenteils humorigen Geschichten sind gut beobachtet, distanziert und feinsinnig beschrieben.

Ein vergnüglicher Leckerbissen nicht nur für Leser, die sich an die Bonner Republik erinnern.

Auguste Carstensen-Lenz

 

Lesetipp des Monats September – Roman

Moritz Rinke: Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel. Roman.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010.

"Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel" von Moritz Rinke

„Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“ von Moritz Rinke

Der zunächst als Dramatiker bekannt gewordene Autor siedelt seinen ersten Roman in Worpswede an, wo er selbst in einer Künstlerfamilie aufwuchs. Er konstruiert eine Familiengeschichte aus der Sicht des Nachkommen Paul Wendland, der von seiner Hippie-Mutter beauftragt wird, das geschichtsträchtige Elternhaus vor dem Einsinken ins Moor zu retten. Da dieser als erfolgloser Galerist in Berlin kaum ein Auskommen hat, kehrt er in das berühmt gewordene Dorf zurück, um die Aufgabe zu erledigen. Hier arbeitete sein Großvater Kück an lebensgroßen Bronzestatuen von Luther bis zu Max Schmeling und Ringo Starr. Der berühmte Bildhauer überstand die Nazizeit unbeschadet, so die Annahme des Enkels. Doch dann werden bei den Sanierungsarbeiten eine Leiche und die Skulptur des Reichsbauernführers gefunden. Für Paul beginnt die Vergangenheitsbewältigung. Dunkle Familiengeheimnisse und Generationenkonflikte, in die die Bewohner der Künstlerkolonie verstrickt waren, tauchen nun ins Licht. Die historischen Gestalten spielen dabei ihre eigene Rolle.

Ein vergnüglicher Roman mit tragikomischen Elementen und skurrilen Figuren. Eine originelle Idee, mit dem Worpswede-Klischee zu spielen, zudem spannend geschrieben.

Auguste Carstensen-Lenz

Lesetipp des Monats November – Bestseller

Volker Weidermann: Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014.

"Ostende" von Volker Weidermann

„Ostende“ von Volker Weidermann

Prominente Schriftsteller treffen sich im Sommer 1936 im belgischen Badeort Ostende: Stefan Zweig, Josef Roth, Egon Erwin Kisch, Ernst Toller, Irmgard Keun, Arthur Koestler und andere weniger bekannte. Sie befinden sich in einer Urlaubswelt mit bunten Badehäusern, Sonnenschirmen und einem Spielcasino. Sie sind Hitler-Gegner und haben gemeinsame Sorgen und Hoffnungen. Ihre Heimat haben sie verloren, sie werden verfolgt und ihre Bücher sind verboten. Im Mittelpunkt dieser illustren Gesellschaft steht die Freundschaft zwischen Stefan Zweig und dem ihn bewundernden jüngeren Josef Roth. Die lebenslustige Irmgard Keun ist wegen Josef Roth dabei, eine leidenschaftliche Liebe verbindet das ungleiche Paar. Es ist das letzte Zusammentreffen der Literaten in diesen dreißig Tagen. Wenig später werden sie sich in alle Himmelsrichtungen zerstreuen oder  ihrem Leben selbst ein Ende setzen.

Volker Weidermann erzählt von der Begegnung dieser Vertreter einer „verlorenen Generation“. In Briefen und anderem Quellenmaterial hat der Literaturkritiker treffende Zitate gefunden und mit den überlieferten Ereignissen montiert. So ist eine informative, feinsinnige und bewegende Erzählung entstanden, die zum Weiterlesen der – inzwischen – Klassiker aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts animiert.

Ebenfalls empfehlenswert ist das Hörbuch. Der Schauspieler Ulrich Noethen liest pointiert, so dass die besondere Atmosphäre des Exilortes spürbar wird.

 Auguste Carstensen-Lenz

Lesetipp des Monats Februar – Roman

Joachim Meyerhoff: Alle Toten fliegen hoch, Teil 1: Amerika. Roman.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011.

"Alle Toten fliegen hoch: Amerika" von Joachim Meyerhoff

„Alle Toten fliegen hoch: Amerika“ von Joachim Meyerhoff

J. Meyerhoff erzählt die Geschichte einer ganz normalen Jugend in den achtziger Jahren Norddeutschlands. Der erste Teil dieses ursprünglich für das Theater geschriebenen autobiografischen Romans heißt „Amerika“, da der Romanheld ein Jahr lang als Austauschschüler in den USA verbringt. Der Autor, Jahrgang 1967, ist Schauspieler und Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters.

Der Ich-Erzähler ist zu einem Auswahlverfahren für den Schüleraustausch nach Hamburg eingeladen. Schon diesen Tag ohne die Gegenwart von Familie nutzt er für lang ersehnte Abenteuer in der Herbert- und Hafenstraße. Das Auswahlgespräch bringt ihn mit arroganten Großstadtkindern zusammen, die ihm scheinbar überlegen sind. Um dennoch Chancen bei der Auswahl zu haben gibt er sich als anspruchslos, naturbegeistert und streng religiös aus, was ihn in die amerikanische Provinz nach Laramie führt.

Mit Humor und Selbstironie erzählt er von seinem neuen amerikanischen „way of life“ in Wyoming: vom lockeren Teenagerleben mit eigenem Auto, vom Basketball-Kult in der High School und von seiner eigenen sichtbaren Veränderung. Anschaulich berichtet er von den kulturellen Unterschieden: Vom Leben in der Gastfamilie, vom neuen Wasserbett und von einem Gefängnisbesuch. Erhellend für ihn ist auch, dass er seine Filmhelden in den Fernsehserien erst jetzt richtig versteht, da die Stimmen nicht synchronisiert sind wie im deutschen Fernsehen: „die einzelnen Stimmen, Stimmlagen standen sich nicht so scharfkantig gegenüber“.

In Rückblenden kommt er immer wieder zu Szenen aus seiner Kindheit in Schleswig. Es passierte nicht wirklich Spektakuläres. Es sind seine lakonischen und zurückhaltenden Formulierungen für skurrile Begebenheiten, die das Lesen zu einem Vergnügen machen.

Auguste Carstensen-Lenz

Lesetipp des Monats September – Krimi

Volker Kutscher: Der nasse Fisch. Gereon Raths erster Fall.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007.

"Der nasse Fisch" von Volker Kutscher

„Der nasse Fisch“ von Volker Kutscher

Berlin im Jahr 1929: eine Weltstadt im Rausch und voller sozialer und politischer Spannungen. Wegen eines tödlichen Zwischenfalls in seiner Heimatstadt Köln kommt der Kriminalkommissar Gereon Rath in die Reichshauptstadt und wird zunächst dem Sittendezernat zugeteilt. Nach dem Fund einer unidentifizierten Leiche schaltet sich der junge ehrgeizige Kommissar ungefragt in die stagnierenden Ermittlungen der Mordkommission ein. Diese soll dem unter politischem Druck stehenden sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Ergebnisse liefern.

Bei seinen Recherchen entdeckt er eine Verbindung zu einem Kreis von Exilrussen, die mit geschmuggeltem Gold Waffen kaufen wollen, um gegen die kommunistische Regierung ihres Landes zu kämpfen. Auch weitere Gruppierungen wollen das Geld und die Waffen, so dass Gereon Rath es schnell mit dem organisierten Verbrechen zu tun bekommt. Seinen eigenen Auftrag würde er am liebsten zu den „nassen Fischen“ legen; so bezeichnet die Mordkommission die ungelösten Fälle. Zu sehr ist er selbst darin verstrickt.

Die Reichshauptstadt in den „Wilden Zwanzigern“ bietet den perfekten Hintergrund für die Handlung. Ausführlich werden die politischen Ereignisse in der Weimarer Republik geschildert: Die Kommunisten halten mit Straßenunruhen die Politische Partei auf Trab. Ehemalige Soldaten des Ersten Weltkrieges, die in diversen Frontkämpferverbänden organisiert sind, streiten für ihre Interessen. Dazwischen agieren Einzelkämpfer aus dem Verbrechermillieu. Regierungsstellen und die Polizei stehen außerdem im Visier einer unerbittlichen Presse, die es auf den Polizeipräsidenten abgesehen hat.

Die detaillierten Recherchen des Autors lassen die kriminalpolizeilichen Ermittlungen des Kommissars authentisch erscheinen. Fiktion und historische Tatsachen fügen sich gut ineinander. Die Atmosphäre und die aufgeheizte Stimmung der damaligen Zeit sind lebendig wiedergegeben. Als historische Kriminalromane (bisher sind drei weitere Titel in der Gereon-Rath-Reihe erschienen) werden sie auch die geschichtlich interessierten Leser begeistern.

Volker Kutscher, geboren 1962, arbeitete nach dem Studium der Germanistik, Philosophie und Geschichte zunächst als Tageszeitungsredakteur. Nebenher schrieb er Regionalkrimis, die im Bergischen Land angesiedelt sind. 2007 erschien der erste Band „Der nasse Fisch“ in der bisher vier Titel umfassenden Reihe von Kriminalromanen, die alle in Berlin um 1930 spielen. Der zweite Band „Der stumme Tod“ erschien 2009, der dritte Band „Goldstein“ 2010 und der vierte 2012 unter dem Titel „Die Akte Vaterland“. Die Gereon-Rath-Reihe wurde mit dem „Reinickendorfer Krimifuchs“ ausgezeichnet. Für den zweiten Band erhielt der Autor den „Burgdorfer Krimipreis“.

Volker Kutscher lebt als freier Autor in Köln.

Am Freitag, dem 20. September 2013, liest Volker Kutscher um 19.30 Uhr in der Stadtbibliothek Husum.

Weiteres zur Lesungsreihe in dänischen und deutschen Bibliotheken hier im Blog und unter „litteraturfest.nu„.

Auguste Carstensen-Lenz