Lesetipp des Monats Mai – Roman

Jochen Missfeldt: Solsbüll. Roman.

Rowohlt (https://www.rowohlt.de/), Reinbek bei Hamburg 2017.

Es ist ein norddeutscher Roman (wieder) zu entdecken, der das Potential zum Klassiker hat.

Den ehemaligen Luftwaffenpiloten, Journalisten und Schriftsteller Jochen Missfeldt kennt man in Husum auf jeden Fall als Autor einer sehr lesenswerten Storm-Biographie („Du graue Stadt am Meer : Theodor Storm in seinem Jahrhundert“, Hanser Verlag, 2013). 2017 veröffentlichte er im renommierten Rowohlt-Verlag den Roman „Sturm und Stille“, der die ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen Theodor Storm und seiner zweiten Frau Doris Jensen erzählt. Glücklicherweise entschloss sich der Verlag, sozusagen „im Gefolge“ von Missfeldts neuestem Buch, auch ein „altes“ wieder aufzulegen, das erstmals 1989 erschienen war.

Deshalb kam ich in den Genuss, eine literarische Reise nach „Solsbüll“ zu unternehmen. In diesem fiktiven Ort, irgendwo bei uns im Norden, steht das „Hebammenhaus“. Dort leben und arbeiten die beiden Hebammen des Dorfes, Mutter und Tochter. Anne und Gret Hasse kennen natürlich jede einzelne Familie, auch deren ansonsten oft nur allzu gut gehütete Geheimnisse, genauso wie der Arzt des Dorfes, Doktor Meggersee. Die Männer der Familie Hasse heißen alle Gustav, doch erst dem dritten Gustav ist es vergönnt, mehr aus seinem Leben machen zu können, als für sein Land in den Krieg ziehen zu müssen, während die Frauen im Dorf den Alltag am Laufen halten.

„Solsbüll“ ist ein breit angelegter, wunderbarer Roman, der, immer an der „großen“ Zeitgeschichte der vergangenen rund hundert Jahre entlang, voller kleiner Geschichten und ebenso genau wie liebevoll gezeichneter Figuren steckt. Ein großes norddeutsches Panorama.

Was ich bei anderen Romanen schon oft schmerzlich vermisst habe, ist bei diesem Buch übrigens perfekt gemacht: Es gibt im Anhang ein ausführliches Personenregister, das beim Lesen sehr hilfreich war und mir die zahlreichen Haupt- und Nebenfiguren auf seine Weise auch noch näher gebracht hat.

Ein großer Lesegenuss!

Hedda Jensen

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Lesetipp des Monats Juni – Sachbuch

Sound des Jahrhunderts: Geräusche, Töne, Stimmen – 1889 bis heute.
Hrsg. von Gerhard Paul und Ralph Schock.

Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2013.

"Sound des Jahrhunderts"

„Sound des Jahrhunderts“

Dieser Sammelband bietet in chronologisch geordneten Kapiteln und rund 100 Beiträgen in einer Mischung aus Text, Fotos, Illustrationen und Dokumenten eine Art Weltgeschichte in Tönen.
Wie klangen Städte zur vorletzten Jahrhundertwende im Vergleich zu heute? Gab es in der DDR einen anderen Sound als in der BRD? Wie wurde damals und wie wird heute mit Tönen und Klängen Politik gemacht? Welche Bedeutung haben Lieder für die Identitätsbildung von Individuen, Kollektiven und Nationen?
Töne, Klänge und Geräusche sind, ähnlich wie Bilder, nicht nur die Quelle für etwas, sondern können auch Instrumente der Macht sein. So symbolisierten Kirchenglocken über Jahrhunderte eine gesellschaftliche Ordnung, in der Zeit der Industrialisierung wurden sie von Fabriksirenen abgelöst, die die Menschen zur Arbeit riefen.
Das erste Themenfeld beschreibt eine Medien- und Kulturgeschichte akustischer Technologien und deren Gebrauch, z.B. von Grammofon, Schallplatte, Radio etc. Das zweite Themenfeld umfasst Beiträge zur Klanggeschichte des Politischen, z.B. den Einsatz von Volksempfängern und Lautsprechern bei Kundgebungen oder den für die jeweilige Zeit typischen Kriegslärm. Der dritte Themenbereich befasst sich mit der Bedeutung von Klängen und Geräuschen in der Erinnerungsgeschichte. Es geht um die akustische Kennung einzelner Zeitabschnitte und das kollektive Hör-Gedächtnis.
Beigefügt ist eine DVD mit Hörbeispielen und Internetquellen zur weiteren Recherche. So ist diese Sammlung von Aufsätzen und historischen Tondokumenten ein faszinierendes Kompendium zu unserer Geschichte.
Lesen und hören!

Auguste Carstensen-Lenz